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Pixar-Film „Onward“ im Kino

Elfen in der Pubertät

Von Tilman Spreckelsen
Aktualisiert am 06.03.2020
 - 13:07
Ganz ist die Auferstehung des Vaters nicht geglückt: Immerhin sitzt nun sein Rumpf neben seinem Sohn Ian.
Wohin ist nur die Magie gegangen? Dan Scanlons Pixar-Fim „Onward – Keine halben Sachen“ befreit Elfen, Zentauren und Gnome vom Mehltau der Wirklichkeit.

Als der junge Ian an seinem sechzehnten Geburtstag eine Audio–Kassette in den Recorder einlegt und der Stimme seines Vaters lauscht, ahnt man rasch, dass er das nicht zum ersten Mal tut. Denn der Vater ist tot, er starb kurz nach Ians Geburt, und die Kassette ist etwas, das zufällig übrig blieb, auch wenn es gar nicht als Relikt geplant war und schon gar nicht eine solche Symbolkraft bekommen sollte. Der Vater also spricht darauf ein paar belanglose Worte zu Ians Mutter, und weil die weit entfernt des Aufnahmegeräts stand, hört man nur die Hälfte des Dialogs. Ian aber füllt sechzehn Jahre später diese Lücken. Seine Worte haben sich komplett denen des Vaters angepasst, so dass sich das Ganze nun anhört wie ein richtiges Gespräch. Man braucht wohl viele Anläufe vor dem Abspielgerät, um das so hinzubekommen.

Nur eine kleine Szene in „Onward“, dem neuesten Film aus den Pixar-Studios, die mit Animationsfilmen wie „Toy Story“, „Findet Nemo“ oder „Cars“ weltweite Erfolge feierten, aber sie hat es in sich. An der Oberfläche macht sie deutlich, wie sehr der zarte Ian den Vater vermisst, den er nie gekannt hat. Jetzt lebt er mit seiner Mutter und dem älteren Bruder Barley, der den jüngeren mit großer Freude in den Schwitzkasten nimmt, in einem Haus in einer Vorstadtsiedlung, und schlägt sich mit den Problemen eines Teenagers herum, der keine Freunde hat und auch nicht den Mut, auf andere zuzugehen, um welche zu finden.

Lauter Fabelwesen als Nachbarn

Ungewöhnlich an dieser Siedlung – und, wie sich bald zeigt, auch an deren Umgebung – sind die Bewohner. Ians Rumpffamilie sind Elfen, zu erkennen an der blauen Hautfarbe und den spitzen Ohren, der Polizist Colt Bronco, der Ians Mutter den Hof macht, ist ein Zentaur, es gibt Zyklopen, Satyrn, Riesen, Feen und andere Fabelwesen, die offenbar recht friedlich miteinander zusammenleben und einigermaßen die Eigenheiten der anderen respektieren. Ian etwa, dem in der Schule sowieso eher mulmig ist, duldet still den riesigen nackten Fuss seines Klassenkameraden auf seinem Stuhl, denn ohne dies, so der Mitschüler, flösse all sein Blut in den Fuss und fehle dann im Hirn, und Ian wolle doch nicht verantwortlich sein, wenn die Schulleistungen des Riesen nachließen?

Eine magische Welt also, könnte man meinen, aber der Film schlägt schon früh einen Ton an, der darauf vorbereitet, wieviel hier im Argen liegt. Denn die ersten Sentenzen zeigen eine verlorene Welt in geradezu kitschigen Farben, heiter und unbeschwert, die dann aber darunter leidet, dass sich die Bewohner die Magie abgewöhnen, als sie den technischen Fortschritt entdecken – mühsam Rituale abhalten und Zaubersprüche murmeln, wenn man einfach einen Lichtschalter drücken kann? Der Film macht den Weg dorthin mit wenigen Sequenzen sehr deutlich.

Sie haben das Fliegen verlernt

Wie dabei manches unter die Räder gerät, wird unter der Regie von Dan Scanlos klugerweise nicht auserzählt, was aber dann nicht stimmt, rückt beiläufig ins gewohnt virtuos komponierte Bild – schwangen sich im Vorspann noch geflügelte Einhörner durch die Lüfte, sind die Tiere nun, aggressiv schnaubend, damit beschäftigt, Mülltonnen zu durchwühlen, und wenn man sie stört, drohen sie mit ihrem Horn. Vom Fliegen keine Rede mehr, und das teilen sie mit anderen geflügelten Wesen wie den Feen oder der Mantikor, einer Mischung aus Löwe, Fledermaus und Skorpion.

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Damit ist der Weg frei zu einer klassischen Abenteuergeschichte, die von Verlust und Erlösung handelt und in der mit der Erlösung der Welt auch die des Erlösers verbunden ist. In vielen kleinen und manchen größeren Szenen wird dabei deutlich, dass die von der Magie in die Elektrizität transferierte Welt eine Schwundstufe der vorigen ist, in der das, was als Erinnerung an früher weitergegeben wird, alles Heroische verloren hat – aus dem verrufenen Gasthaus, in dem üblicherweise die Quest der Abenteurer beginnt, ist ein Familienrestaurant geworden, und die einstige Hinweisgeberin und Schatzkartenausteilerin, die nun zahm gewordene Mantikor, traut sich all das nicht mehr, aus Angst vor Regressforderungen verunglückter Schatzsucher.

Die Stimme des toten Vaters

In Gang kommt die Handlung, als Ian an seinem 16. Geburtstag von seiner Mutter ein Geschenk überreicht bekommt, das sein Vater einst für diesen Tag vorbereitet hatte. Er war ein Magier – ein mäßig begabter, wie sich herausstellen wird –, und übermittelt nun, wie er durch seinen Zauberstab, einen Spruch und einen Phönixkristall für 24 Stunden ins Leben zurückgeholt werden kann. Barley, der sich in Magiefragen für kompetent hält, schnappt sich den Stab und rezitiert den Spruch immer wieder, ohne dass etwas geschieht. Ian versucht es auch, ist aber dem Rumpeln und Blitzen des Zaubers nicht gewachsen, so dass er in der Mitte abbricht. Das gilt auch für den wiederauferstandenen Vater: er ist komplett von den Schuhen bis zum Gürtel, der oberer Teil aber fehlt. Als Zeichen, dass da noch mehr gehen müsste, leuchtet ein silbriger Nebel in Höhe der Taille.

Der Film, so scheint es, manövriert sich damit in eine vielversprechende, zugleich auch schwierige Position, denn nun ist die Aufgabe klar, die Suche nach einem Mittel zur Komplettierung des Vaters geht los und entwickelt sich zum Roadmovie. Viel interessanter sind die Lösungsstrategien der Brüder für das Problem, mit dem langersehnten und nun wenigstens teilweise zurückgekommenen Vater zu kommunizieren – Augen, Ohren oder Mund hat er ja nicht, und so bleibt er den Film über fremd, manchmal sogar eine Bürde.

Immerhin: zusammen Tanzen geht

Denn eine solche Rückholung ist nicht ohne Gefahr: In einer Erzählung des ungarischen Autors Dezsõ Kosztolányi betet ein Student seine gestorbene Geliebte aus dem Totenreich unverhofft wieder ans Tageslicht, eine halbe Stunde darf sie bei ihm sein, nur stellen die beiden schon nach acht Minuten fest, dass sie einander nichts mehr zu sagen haben. Auch in „Onward“ stellt Ian irgendwann fest, dass seine Sehnsucht mit dem tatsächlichen Vater nicht unbedingt zu tun hatte, auch wenn es so aussah. Umso reizvoller ist, was sich die Brüder und der Vaterrumpf einfallen lassen, um trotzdem zueinander zu finden, und der schönste Moment ist dann, wie der Vater die Jungen mit Fußhakeln und dergleichen dazu nötigt, mit ihm zum Autoradio zu tanzen – die Bässe spürt der Rumpf auch ohne Ohren.

Was also ist Magie? Dass der Begriff nicht ganz in der an Resultaten orientierten Zauberei aufgeht, erschließt sich allmählich, und nicht zuletzt dadurch, dass am Ende viele, die das anfangs nicht mehr konnten, schließlich doch noch ihre naturgegebenen Flügel benutzen, wenn es denn Not tut – übrigens verschwindet auf diesem Weg auch ein guter Teil ihrer vorherigen Biestigkeit.

Und fragt man sich, warum sie es vorher nicht getan haben, oder wie einer ganzen Gesellschaft ebenso wie jedem Einzelnen die Magie abhanden kommen konnte, dann ist man ganz nah an dem, worauf der Film mutmaßlich zielt: am Mehltau der Gewohnheit, der sich mit den Jahren auf uns setzt. Und von dem man sich, so die schöne Hoffnung in „Onward“, befreien kann, wenn man nur einen Moment neben sich tritt und sich befragt, was man da eigentlich die ganze Zeit so treibt.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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