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Kinderzimmer als Statussymbol

Höhle statt Designerbett

Von Kerstin Mitternacht
 - 11:17

Das Kinderzimmer ist längst nicht mehr nur ein Ort, in dem Kinder sich aufhalten: Schaut man sich die entsprechenden Wohnseiten im Internet an, ist die Einrichtung längst zu einem Großprojekt vieler Mütter – selten auch Väter – geworden. Es reicht heute nicht, ein Kinderzimmer mit Bett und Kommode auszustatten. Bereits vor der Geburt werden Farben und Themen ausgesucht, Websites durchstöbert, Kataloge gewälzt und auf Blogs und Plattformen wie Pinterest und Instagram nach Trends recherchiert, um am Ende das perfekt gestylte Kinderzimmer zu haben. Doch wie hat ein Kinderzimmer zu sein, damit sich die Kleinen wohlfühlen, und wie lassen sich, auch bei wenig Platz, für Geschwister eigene Bereiche in einem Raum schaffen?

Ganz so schlimm, wie es uns das Netz zeigen möchte, ist die Realität nicht. Aber die Tendenz, beim Einrichten und Gestalten von Kinderzimmern immer öfter Einrichtungsberater hinzuzuziehen, scheint es zu geben. „Waren Innenarchitekten oder Einrichter bisher meist im Ausland verbreitet, kommt der Trend jetzt langsam nach Deutschland“, berichtet Sina Gwosdzik, Produktdesignerin, Inneneinrichtungsgestalterin und Inhaberin des Kindermöbel-Labels „Jäll und Tofta“ in Berlin. „Dabei geht es Eltern vor allem um Individualität und das Thema Stauraum“, sagt Gwosdzik, die mit ihrem Mann Maßanfertigungen für Kindermöbel macht. Ein Grund dafür sei, dass vor 30 Jahren die Einrichtung von Kinderzimmern und Kinder generell noch nicht so viel Raum bekommen hätten.

Kinder-Concept-Stores

Das bestätigt auch Judith Schopferer, die als Einrichtungsberaterin arbeitet und für ein Möbelhaus als Gestalterin tätig ist: „Es werden auch in Deutschland immer häufiger Einrichter hinzugezogen, vor allem, wenn es um das Kinderzimmer geht.“ Oft gehe es dabei um den Wechsel des Kinderzimmers zu einem Jugendzimmer. „Denn direkt nach der Geburt braucht ein Kind noch kein eigenes Zimmer, auch meist nicht mit einem oder zwei Jahren. Mit drei Jahren kann es schon interessant werden, vor allem, wenn das Kind auch in seinem Zimmer schläft“, sagt Katharina Kottisch, Inhaberin des Kinder-Concept-Stores Konfettiwolke in Frankfurt.

Meist halten sich Kinder aber gerne in den Räumen auf, in denen die Eltern gerade sind. Praktisch seien deshalb ein großer Tisch, an dem gebastelt und gearbeitet werden kann, einige Kinderbücher im Bücherregal der Eltern und eine Kinderküche in der Küche, an der parallel gekocht werden kann, wenn die Eltern am Herd stehen, so die Erfahrung von Kottisch.

„Das Kinderzimmer wird oft nur genutzt, wenn das Kind keine Lust auf seine Eltern hat oder wenn Kinder Besuch haben und sich mit diesem zurückziehen möchten“, berichtet Kottisch. Doch tatsächlich ist es oft nicht mehr als eine Abstellkammer, in der Kleider und Spielsachen untergebracht sind. Früher, sagt Kottisch, seien Kinder schon früh in einem eigenen Zimmer zum Schlafen hingelegt worden. Heute gebe es häufig Beistellbetten im Elternschlafzimmer, in denen die Kinder ihr erstes Lebensjahr verbringen.

„Was Kinder immer lieben, sind Höhlen“

„Wenn ein Kind ein Zimmer hat, sollten Eltern schauen, dass sie es so einrichten, dass es an alles gut herankommen und sich selbständig in seinem Zimmer bewegen kann“, sagt Schopferer, „das ist auch ein Teil des Montessori-Konzepts.“ Offene Regale, an die das Kind ohne Hilfe herankommt und in denen das Spielzeug für das Kind übersichtlich liegt, gehört ebenfalls zu diesem Konzept. Zudem müssten natürlich immer das Thema Sicherheit und die Befestigung der Möbel bedacht werden, so die Einrichtungsberaterin. Ein eigener kleiner Tisch und Stuhl oder eine Box, in der das Kind seine Bastelsachen verstauen kann, förderten zudem Verantwortung und Unabhängigkeit, so die Einrichterin.

Wichtig sei für Kinder ein Rückzugsort. „Was Kinder immer lieben, sind Höhlen. Dazu braucht es meist nicht mehr als ein paar Kissen und Decken. Aber auch ein Tipi, was derzeit modern ist, oder ein Papp-Haus zum Anmalen sind prima“, sagt Kottisch. Was oft zu kurz komme, das sei das Thema Licht, ergänzt Schopferer. „Oft fehlt eine Leselampe unter dem Hochbett, oder das Licht ist sehr grell. Gut ist dimmbares Licht, das ist auch praktisch, wenn das Kind ein Problem mit der Dunkelheit hat.“ Schön sei auch immer ein Teppich, auf dem das Kind spielen könne. Beim Kauf sollten Eltern allerdings darauf achten, dass Bausteine darauf auch stehen bleiben und nicht umfallen.

Konkurrenzdruck unter Müttern

Auch Schopferer beobachtet einen gewissen Konkurrenzdruck unter Müttern, der sicherlich zu einem großen Teil durch die Fotos von extrem kreativen Kinderzimmern in den sozialen Netzwerken verursacht wird. „Eltern sollten mit dem Thema Kinderzimmer entspannt umgehen, sich nicht unter Druck setzen und nicht überdekorieren“, sagt die Einrichterin. Sinnvoll sei es zu versuchen, eine kindliche Sicht einzunehmen und sich vorzustellen, was gemütlich, fröhlich und lebendig fürs eigene Kind und dessen Kinderzimmer sein könnte. Fragwürdig seien Sprüche an der Wand, wenn das Kind noch nicht lesen kann. „Generell sollten Eltern bedenken, wie das Kind sich wohlfühlen kann, und sich auch selbst fragen: Würde ich mich in diesem Zimmer gerne aufhalten? Steht das Bett beispielsweise so, dass das Kind zur Tür schauen kann und so sieht, wer rein- und rausgeht?“

Sinnvoll sei auch ein Bett, das ein paar Jahre mitwächst, anstatt ein Piraten- oder Prinzessinnenbett anzuschaffen, das den Kindern irgendwann nicht mehr gefällt. „Die Phase geht schnell vorbei“, sagt die Einrichtungsexpertin Kottisch. Besser seien schlichte Möbel. Piraten- und Prinzessinnen-Motive ließen sich über Bettwäsche und Poster ins Zimmer bringen.

„Grundsätzlich sind schlichte Möbel gut, da Kinderzimmer schnell sehr bunt werden können, wenn Gebasteltes aufgehängt wird und viel Spielzeug herumliegt“, sagt Kottisch. Sonst bleibe zudem zu wenig Raum für die Kreativität der Kinder.

Großstädte stellen Eltern vor große Herausforderung

Denn die räumliche Gestaltung habe einen Einfluss auf unsere Vorstellung von der Welt, ist sich Professor Riklef Rambow vom Fachgebiet Architekturkommunikation am Karlsruher Institut für Technologie sicher, auch wenn diese Beziehung sehr komplex sei. „Daher lohnt es sich immer, bewusst über Räume und deren Gestaltung nachzudenken. Allerdings sollte man dabei vermeiden, eigene Bedürfnisse auf das Kind zu projizieren“, sagt Rambow und ergänzt: „Man muss Kindern nicht von Geburt an jeden vermuteten Wunsch erfüllen.“

Eine Herausforderung vor allem in Städten, in denen es oft wenig Wohnraum gibt und hohe Mietpreise herrschen, ist immer wieder, wenn Geschwister sich ein Zimmer teilen. Das ist meist auch für einige Jahre kein Problem. „Doch gerade wenn die Schule anfängt, ist das für die meisten Kinder ein neuer Abschnitt und eine andere Belastung, da haben viele das Bedürfnis, sich abzugrenzen, auch gegenüber kleinen Geschwistern“, berichtet Sina Gwosdzik von ihren Erfahrungen. Sie bekomme dann auch häufig Anfragen von Eltern, die wissen möchten, wie man einen Raum gut teilen könne, damit sich beide Kinder wohlfühlten. Ein Hochbett sei da immer eine gute Lösung. Ein Regal, das als Raumteiler fungiere, sei auch immer praktisch, da es gleichzeitig Stauraum schaffe, der immer knapp sei, so die Möbeldesignerin.

„Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist ein eigenes Zimmer ab etwa acht bis zehn Jahren wünschenswert“, sagt Professor Rambow. Aber in vielen Kulturen sei Privatsphäre kein so großes Thema wie bei uns, es schade grundsätzlich nicht, wenn Geschwister über kein eigenes Zimmer verfügen. „Denn ein Zimmer zu teilen fördert den sozialen Austausch, und Geschwister lernen, Rücksicht zu nehmen und Kompromisse auszuhandeln.“ Dabei spiele auch das Geschlecht eine Rolle, Jungen und Mädchen entwickelten auch räumlich zum Teil sehr unterschiedliche Bedürfnisse, so Rambow.

Kinder sollten nicht mit dem Thema überfordert werden

Und ab wann sollten Eltern ihre Kinder bei Einrichtung und Gestaltung des Kinderzimmers mitreden lassen? Das kommt auf das Interesse des Kindes an. „Die Kinder sollten mit dem Thema nicht überfordert werden. Kinder sind hier sehr unterschiedlich und finden Einrichten nicht immer spannend“, weiß Judith Schopferer aus Erfahrung. Doch wenn das Kind Interesse zeige, könne man es natürlich dem Alter entsprechend miteinbeziehen.

„Eltern sollten ihre Kinder so früh wie möglich mitsprechen lassen. Dabei geht es allerdings nur um ein Mitspracherecht, die Kinder sollen bei aufwendigeren Gestaltungsmaßnahmen nicht alleine entscheiden, sondern ihre Vorstellungen äußern können“, sagt Rambow. Es gehe darum, einen Dialog und eine Verhandlungsebene zu schaffen und gemeinsam zu überlegen, was möglich und sinnvoll ist, etwa eine Wand in einer besonderen Farbe zu streichen.

Grundsätzlich verändert sich das Wohnen mit Kindern kontinuierlich, da sich auch die Kinder ständig weiterentwickeln. „Da kann in regelmäßigen Abständen in der Wohnung etwas verändert werden“, sagt die Möbeldesignerin Gwosdzik. Sei es, dass teure Deko in Sicherheit gebracht wird, Gefahrenquellen kindersicher gemacht werden oder man sich daran gewöhnen muss, dass immer irgendwo noch ein Bauklotz herumliegt, auf den man zielsicher tritt. „Da müssen Eltern durch, aber sie bekommen ihre vier Wände auch irgendwann wieder zurück“, sagt Gwosdzik, „und können dann wieder alleine nach ihren Bedürfnissen über ihre Wohnung entscheiden.“

Quelle: F.A.S.
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