Wie erklär ich’s meinem Kind?

Warum wir uns vor Zika fürchten

Von Joachim Müller-Jung
20.05.2016
, 14:51
Hierzulande zum Glück selten: Die Asiatische Tigermücke kann Zika-Viren übertragen.
Bald sollen die Olympischen Spiele in Rio stattfinden. Doch die Furcht geht seit Monaten um, seit das Zika-Virus sich in Südamerika ausbreitet, dass die Sportler und Besucher nicht sicher genug sind. Warum hat man das Virus noch immer nicht im Griff?

Vor Krankheiten, die sich ausbreiten und die wir nicht kennen, fürchten wir uns immer ganz besonders. Zika ist da ein Paradebeispiel. Es wird durch Viren übertragen, wie die Grippe. Nur dass wir mit den Grippeviren schon sehr lange leben und sie auch einigermaßen für uns berechenbar sind. Jedes Jahr kommt eine Grippewelle. Von Asien aus breiten sich die Viren aus, und fast jedes Jahr sind es Erreger, die sich ähneln. Grob wenigstens. Richtig gefährliche, unberechenbare Grippeviren tauchen selten auf.

Die Zika-Viren sind da ganz andere Viren, sie haben eine andere Hülle, andere Gene, und vor allem verbreiten sie sich anders: Sie werden durch Stechmücken verursacht, während Grippeviren mit den Tröpfchen in unserer Atemluft von Mensch zu Mensch übertragen werden. Wenn die weiblichen Mücken Blut saugen (die Männchen der Stechmücken stechen uns nicht), gelangen die Viren in das Insekt und von dort, beim nächsten Stich, in weitere Menschen. Wo viele Mücken und viele Menschen zusammen vorkommen, ist deshalb die Gefahr der Ausbreitung besonders groß. Zika-Viren und vor allem die Mücken als Überträger, hauptsächlich die Gelbfiebermücke, wissenschaftlich Aedes aegypti, aber auch zum Teil die Asiatische Tigermücke brauchen Wärme, um sich zu entwickeln und zu vermehren. Deshalb ist Zika als Tropenkrankheit bekannt. Lange schon sogar. Seit fast siebzig Jahren kennt man die Viren unter Tropenmedizinern, damals wurde sie in Uganda mitten in Afrika gefunden und hat deshalb auch nach dem afrikanischen Fundort seinen Namen bekommen.

Was Viren so gefährlich macht

Viele Jahrzehnte lang blieb das Zika-Virus auf die feuchtheißen Tropen begrenzt, es breitete sich etwas in Asien aus, in Afrika weiter, aber immer blieb es ein Virus, das als harmlos galt. So wie bei uns die Rhinoviren, die den gewöhnlichen Schnupfen verursachen, als harmlos gilt. Es gab in den Tropen schon immer viel gefährlichere Erreger, die Malaria-Parasiten zum Beispiel, die auch mit (anderen) Stechmücken übertragen werden, oder Gelbfieber oder Denguefieber. Mit dem Dengue-Virus ist Zika eng verwandt. Aber wie gesagt: Es war viel harmloser, Gliederschmerzen, etwas Übelkeit, Gelenkschmerzen und Fieber, mehr war es nicht.

Bild: Johannes Thielen

Doch Viren verändern sich ständig, das macht manche so unberechenbar und gefährlich für uns. Das Aidsvirus hat sich, bevor es vom Affen auf den Menschen übergesprungen ist, genetisch verändert – es hat sich an den Menschen angepasst und schadet ihm, weil es sich nun so wohl und sicher im Menschen fühlt, auf so grausame Weise.

Eine besondere Vorliebe für Nervenzellen

Etwas Ähnliches muss auch mit Zika passiert sein. Vor einigen Jahren sind Zika-Viren vermutlich mit reisenden Menschen auf die Inselatolle von Französisch-Polynesien mitten im Südpazifik eingeschleppt worden, sie haben sich im Inselvolk vermehrt und dabei tragischerweise auch verändert. Und zwar so verändert, dass die Viren nun nicht mehr nur Schnupfensymptome verursachen, sondern mit Vorliebe sich teilende Nervenzellen befallen. Das ahnte man damals nicht. Es ist erst jetzt herausgekommen, dass Zika die Häufigkeit einer an sich sehr seltenen Nervenkrankheit, die man Guillain-Barré nennt, auf das Sechzigfache erhöht. Die Nerven in den Beinen und Armen vor allem entzünden sich, über Monate werden die Lähmungen immer schlimmer.

100 Tage vor Olympia
Brasilien im Chaos
© dpa, afp

Welche Veränderungen genau im Virus diesen Wandel bewirkt haben, das herauszufinden, daran arbeitet die Forschung noch. Nun ist aber noch etwas anderes passiert, und das macht Zika so bedrohlich. Offenbar können die „neuen“ Zika-Virenstämme zusätzlich die Plazentaschranke im Mutterleib überwinden, aus dem Blutkreislauf einer werdenden Mutter auf ihr Baby im Bauch überspringen – und sich dort vermehren. Richtig gefährlich wird es allerdings dann in der Phase, in den ersten Monaten des Fötus, wenn sich das Nervensystem und der Kopf mit dem Gehirn ausbildet. Die Viren haben nämlich, wie man inzwischen in Tierexperimenten eindeutig nachgewiesen hat, eine besondere Vorliebe für Nervenzellen. Die befallen sie in Massen, und die zerstören sie damit auch.

Diese Mücken sind bei uns nicht heimisch

Irgendwann zwischen Mai und Dezember 2013 ist ausgerechnet dieses Virus, vermutlich durch einen einzigen Überträger oder Infizierten, nach Brasilien eingeschleppt worden. Und von da an ging es ganz schnell. Weil sich nämlich in Südamerika die Gelbfiebermücken massenhaft vermehren, in den Wasserlachen hinter den Häusern, in abgestellten Autoreifen oder in Tonnen, die als Wasserreservoire dienen, hatte auch das Zika-Virus leichtes Spiel. Speziell in Rio de Janeiro. Und weil in den folgenden Monaten auch viele Schwangere infiziert wurden, haben die Zika-Viren vermutlich Tausende von Babys im Mutterleid geschädigt. Jeden Tag kamen neue hinzu, und längst nicht alle wurden entdeckt. Die Epidemie breitete sich nach Norden aus und hat inzwischen weit mehr als 30 Länder erreicht. Wenn die Kinder zur Welt kommen, die von infizierten Müttern geboren werden, fällt zuerst der viel zu kleine Kopf auf – Mikrozephalie heißt das in der Ärztesprache. Vermutlich ist aber nicht nur das missgebildete Gehirn, das die Säuglinge in ihrer Entwicklung schwer behindern dürfte.

Noch kennt man also weder die genauen Folgen noch die weitere Ausbreitung des Zika-Virus. Momentan hört man von der Weltgesundheitsorganisation, die längst einen internationalen Gesundheitsnotstand wegen Zika ausgerufen hat, vor allem Warnungen: Seid vorsichtig, wenn ihr in betroffene Länder reist. Und erst recht, wenn ihr schwanger seid oder werden wollt. In Deutschland müssen wir uns nicht extrem Sorgen machen, weil selbst eingeschleppte Zika-Erreger nicht automatisch und sehr leicht weiter verbreitet werden. Im Gegenteil. Hier fehlen die Gelbfieber-Stechmücken, in denen sich die Zika-Viren wohlfühlen. Nur gelegentlich taucht eine Asiatische Tigermücke auf, die auch Zika übertragen kann. Aber dass die Mücken, die sich zunehmend wohler fühlen bei uns, je wärmer das Klima hier wird, dass ausgerechnet diese Mücken auch einen Zika-Infizierten finden, ist momentan noch unwahrscheinlich. Man hat allerdings auch schon einmal beobachtet, dass die Zika-Viren druch sexuellen Kontakt übertragen werden, aber auch das ist selbst in den Seuchengebieten wohl eher selten der Fall, wo weit man bisher weiß.

Was ist mit den Olympischen Spielen?

Viel bedrohlicher erscheint das Szenario, dass im August, wenn die Olympischen Spiele stattfinden, eine halbe Million Menschen nach Rio einreist und in der Zeit das Virus so weiter hinaus in die Welt getragen wird. Im August ist es zwar schon kälter in Rio, die Gelbfiebermücken sind da längst nicht mehr so aktiv und das Virus demnach auch nicht. Aber keiner weiß heute, wie viele Menschen sich dennoch infizieren werden und die Viren in andere subtropische Regionen – etwa am Mittelmeer – verbreiten. Es gibt auch leider noch keinen Impfstoff, nicht einmal einen wirklich zuverlässigen Test zum Nachweis der Erreger. Daran arbeiten Dutzende Firmen, aber bis die etwas vorweisen und die Menschen schützen können, wird es Monate, vielleicht Jahre dauern. Zudem weiß auch noch niemand, was die Bekämpfungsmaßnahmen der Mücken gebracht haben. Monatelang schon hat die Regierung Helfer und Soldaten ausgeschickt, die Brutstätten der Virenüberträger zu bekämpfen mit Insektiziden und, indem man die Wasserlachen hinter den Häusern trocken legt oder schützt. Was das wirklich bringt, um die Viren einzudämmen, ist noch völlig unklar.

Alles in allem also viele Unbekannten und Unwägbarkeiten. Sie sorgen dafür, dass die Furcht vor Zika noch längst nicht abgeebbt ist. Und auch dafür, dass schon bald auch darüber diskutiert wird, wie man die Menschen an den Olympiastätten und in Rio noch besser schützen kann. Vielleicht auch wird mancher Sportler absagen, weil er oder sie sich zu unsicher fühlen, oder aber man wird nochmal über Vorschläge streiten, ob es nicht sowieso besser wäre, die Olympischen Spiele vorbeugend abzusagen. Das hängt vom weiteren Verlauf der Epidemie ab und nicht zuletzt auch davon, wie die Medien darüber berichten.

Die Schwimmer aus den Vereinigten Staaten haben zumindest gerade beschlossen, ihr Trainingscamp zur Vorbereitung auf die Wettkämpfe zu Hause in Atlanta zu veranstalten und nicht wie geplant in Puerto Rico. Auch dort gibt es schon Hunderte Infizierte.

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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