Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Was beim Klimagipfel passieren müsste

Von Joachim Müller-Jung
Aktualisiert am 13.12.2019
 - 09:19
Viele hatten große Hoffnung in die Klimakonferenz gesetzt. Kurz vor Schluss sieht es aber eher nach einer Enttäuschung aus. Was in Madrid geschehen müsste, damit es keine Katastrophe gibt.

Die Jungen wollen durchstarten, die wenigen Alten, die das Sagen haben, bremsen. So läuft das zur Zeit auf dem Klimagipfel von Madrid. Und es ist nicht die erste Klimakonferenz, die genauso abläuft. Nur ist diesmal die Kluft zwischen Hoffen und Bangen besonders krass. Wer sich – wie die Fridays-for-Future-Bewegung – schnelle, entschlossene Maßnahmen zur Eindämmung des globalen Klimawandels erhofft hat, wird sich innerlich schon mal auf das Schlimmste vorbereiten. Der Gipfel könnte sehr wohl scheitern. So düster ist die Stimmung derzeit in den Konferenzhallen von Madrid. Draußen werden die Klimaschützer an diesem Freitag wieder zu Abertausenden protestieren.

Der Frust ist groß. Kaum Fortschritte. Viele Beobachter und Teilnehmer erinnert es an den Klimagipfel vor genau zehn Jahren in Kopenhagen. Die Staaten streiten wie in alten Zeiten. Nord gegen Süd, arm gegen reich. Wie damals zählen sich zum Beispiel auch die großen Schwellenländer China, Indien, Brasilien und Südafrika zu den wirtschaftlich Benachteiligten und blockieren mehr Klimaschutz. Sie meinen, dass vor allem die großen Industrienationen als Verursacher der Klimakrise was tun müssen.

Der Minister von Saudi-Arabien meinte in seiner Rede: „Kohlendioxid ist nicht unser Feind. Wir verlieren, wenn wir es dennoch so behandeln.“ Dabei hat Saudi-Arabien wie jedes andere der hundertneunzig in Madrid vertretenen Länder den Pariser Klimavertrag mitunterschrieben. Und der sagt: Möglichst schnell runter mit den Kohlendioxid-Emissionen, und zwar so schnell, dass sich die Erde im Schnitt nicht viel mehr als 1,5 Grad über das Niveau von vor hundertsiebzig Jahren erwärmt. Kuwait, noch so ein Staat, der mit Erdöl riesigen Reichtum erzielt hat, kündigte in Madrid sogar an: Wir bauen eine Ölraffinerie, die die Umwelt schützen wird.

Es wird also wieder viel für die eigenen Interessen gekämpft. Der gemeinsame Plan von Paris, zusammen eine planetare Katastrophe zu vermeiden, liegt jedenfalls bis kurz vor Schluss auf Eis. Nicht einmal auf Regeln für den Pariser Klimavertrag – die Hausaufgaben der Verhandler – konnte man sich bislang einigen. Was also muss passieren? Ein paar Staaten und mutige Minister müssen jetzt vorangehen und neue, ehrgeizigere Klimaziele präsentieren. Chile hat die Leitung des Gipfels, auf den chilenischen Minister kommt es jetzt an, Verhandlungstexte zu formulieren und vorzulegen, die mutig genug sind, das bisherige diplomatische Geplänkel vergessen zu lassen.

In Kopenhagen war das vor zehn Jahren schiefgegangen. Das Scheitern damals hat die Klimapolitik um Jahre zurückgeworfen. Das war allen eine Lehre. Viele blicken deshalb jetzt auf Europa. Und auch auf die Straße, wo durch die Demonstrationen der Druck auf politische Lösungen wächst. Der Plan für einen Green Deal, den die deutsche EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen in Madrid präsentiert hat, wird offenbar von vielen anderen Staaten als Weckruf gesehen. Europa geht voran. Wenn es das neue Zeitalter ohne klimaschädliche Emissionen spätestens bis 2050 einläuten will, muss rasch ein gigantischer Umbau passieren: in der Industrie, in Energieunternehmen, beim Verkehr, beim Konsum – alles muss in umweltschonendere Bahnen gelenkt werden. Und es muss sich lohnen.

Wenn das wirklich ernstgenommen und nicht als grüne Spinnerei oder verrückte Utopie abgetan wird, könnten sich viele Länder in Madrid an der europäischen Marschgeschwindigkeit ein Vorbild nehmen. Im kommenden Jahr, 2020, müssen die Länder ihre neuen Klimaziele vorlegen. Viel Bedenkzeit haben sie nicht mehr. In Madrid nehmen sie sich wahrscheinlich zusätzlich zwei gemeinsame Tage zum Nachdenken. Der Gipfel wird wohl verlängert, bis Sonntag. Dann wird man sehen, ob man sich auf dem nächsten Klimagipfel im kommenden Jahr in Glasgow gerne wiedersieht oder ob doch wieder Zeit verlorengeht und man von Neuem angefangen muss – auf Kosten des Klimas und der Ärmsten.

Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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