Wie erkläre ich’s meinem Kind?

Warum wir im Urlaub manchmal mehr streiten als zu Hause

Von Anke Schipp
Aktualisiert am 07.08.2020
 - 11:38
Auch in harmonischen Familien prallen im Urlaub oft ganz verschiedene Bedürfnisse aufeinander – da kann es heftig krachen. Woran liegt das? Und was kann man dagegen tun?

Eigentlich ist ja alles schön. Das Meer glitzert in der Sonne, die Bergwiesen leuchten saftig grün. In den Ferien fällt der ganze Alltagsstress von uns ab. Es gibt keine Lehrer, die was von uns wollen, keinen Chef, der nervt. Trotzdem passiert es ziemlich oft, dass wir uns im Urlaub streiten. Manchmal sogar mehr als Zuhause. Woran liegt es, dass wir schneller in die Luft gehen, wenn eigentlich alles entspannt ist?

Das hat vor allem mit den Erwartungen zu tun. Gerade weil man nicht so oft in Urlaub fährt und dieser Urlaub dann, wie uns auch die Werbung suggeriert, die schönste Zeit im Jahr sein soll, stehen wir unter dem besonderen Druck, dass alles perfekt sein muss. Was aber, wenn man beim Check-in am Flughafen stundenlang in der Schlange warten muss? Oder auf der Autobahn in brütender Hitze im Stau steht? Wenn die Unterkunft an einer lauten Straße liegt? Wenn es tagelang regnet? Dann kann es ganz schnell gehen, dass bei Kindern oder Eltern oder bei allen zusammen die Stimmung sinkt und sich wie bei einem Hitzegewitter die Spannung in einem heftigen Streit entlädt.

Hinzu kommt, dass Kinder und Erwachsene oft unterschiedliche Interessen haben. Einer will vielleicht lieber baden gehen, die anderen einen Ausflug machen. Wenn man da nicht zueinander findet, gibt es Krach. Man muss sich klar darüber sein, dass das Leben im Urlaub anders ist als im Alltag – und das birgt Konflikte. Wann sonst hockt man schon mit den Eltern vierundzwanzig Stunden am Tag aufeinander? Meist kommt im Urlaub dann das zum Vorschein, was unter der Oberfläche brodelt und im Alltag einfach untergeht. Das können Machtkämpfe zwischen den Elternteilen oder Konkurrenz unter Geschwistern sein. Und ganz schnell steckt man in einem Teufelskreis fest: Weil man sich streitet, wird der Urlaub noch doofer, obwohl er doch eigentlich so schön sein soll.

Deshalb muss man sich über einige Dinge im Klaren sein. Das erste ist: Streiten ist nicht schlimm. Es gehört dazu, wie zu Hause auch. Nur wenn es Dauerstreit gibt, stimmt was nicht. Wichtig sind daher genaue Absprachen in der Familie, möglichst schon, bevor man losfährt. Gemeinsam sollte man beispielsweise darüber sprechen, wer sich was von dem Urlaub erwartet und wer was unbedingt machen möchte. Vielleicht kann sich jeder an einem Tag wünschen, was gemeinsam unternommen wird. Wichtig ist, dass man Kompromisse aushandelt und die Bedürfnisse der anderen akzeptiert. Wenn einer keine Lust auf Museum hat, muss er vielleicht doch mal mitgehen. Dafür gehen die Eltern an einem anderen Tag mit auf die Sommerrodelbahn.

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Und wenn man partout nicht zusammenkommt, muss man auch mal sagen: Heute machen wir etwas getrennt. Die jüngeren Kinder gehen in die Betreuung und die älteren Kinder an den Hotelpool, während die Eltern wandern oder ins Museum gehen. Beim Abendessen kann dann jeder von seinen Erlebnissen erzählen – ganz ohne Streit.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schipp, Anke
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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