<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Fatale Technik

Unsere Scham vor der Maschine

Von Martina Heßler
 - 10:48

„Wie verstörte Saurier lungern wir inmitten unserer Geräte herum.“ Als der Philosoph Günther Anders dies schrieb, hatte er den Ausnahmezustand nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im Kopf. Gleichzeitig beschrieb Anders damit unser Dasein in einer technisierten Welt. Das Menschsein werde, so Anders vor mehr als einem halben Jahrhundert, zu einer antiquierten Daseinsform. Verstört, fassungslos und tatsächlich geradezu antiquiert erfahren wir uns heute erneut angesichts des nuklearen Unfalls in Japan.

Eigentlich sind technische Unfälle in einer Hochtechnologie-Gesellschaft nichts Ungewöhnliches. Die Erfindung der Eisenbahn war auch die Erfindung des Eisenbahnunfalls, die Erfindung des Flugverkehrs die Erfindung des Flugzeugunfalls; auch die Erfindung der Atomkraft war zugleich die Erfindung von nuklearen Unfällen. Unfälle bilden die ungezügelte Rückseite der technischen Kultur. Ihr Ausmaß wächst mit ihrem Entwicklungsstand. Ein Autounfall fordert in der Regel Verletzte; ein Flugzeugabsturz kennt meistens keine Überlebenden mehr; ein Nuklearunfall verseucht ganze Landstriche und macht sie für Jahrhunderte unbewohnbar. Nicht nur Sicherheit durch Technik ist Merkmal einer technischen Kultur, sondern auch deren grundsätzliche Verletzbarkeit, wie es der Techniksoziologe Wiebe Bijker ausdrückte. Verletzlich sind wir, gerade weil wir in einer High-Tech-Gesellschaft leben.

Technikforschung hat die unausweichliche Ambivalenz von Technik vielfach aufgezeigt. Den Wissenschaftshistorikern Harry Collins und Trevor Pinch diente der Golem, das Geschöpf der jüdischen Mythologie, als Metapher für die gleichermaßen produktive wie destruktive Kraft von Technik, wie sie sich in der unausweichlichen Mitgegebenheit des Unfalls zeigt. Der Golem sei stark, schreiben Collins und Pinch; jeden Tag werde er ein wenig stärker. „Er tut, was man ihm sagt, nimmt seinem Herrn lästige Arbeit ab und beschützt ihn gegen den immer drohenden Feind. Allerdings, er ist auch schwerfällig und gefährlich. Wenn er nicht aufmerksam überwacht wird, kann der Golem seinen Herrn mit seiner wilden Kraft vernichten.“

In der Antike ging jedes vierte Schiff verloren

Der Golem ist vom Menschen geschaffen und damit immer auch fehlerhaft. Das eigentlich Gefährliche sei aber der Mythos der Vollkommenheit. Gerade das Ignorieren von Risiken, die Unfähigkeit der Menschen, Unsicherheiten zu thematisieren, führe dazu, dass die „Golem-Technologie unerschrocken ihren Weg“ gehe und Unheil anrichtet. In einer technischen Kultur regieren der Glaube an den reibungslosen Ablauf, an die Beherrschbarkeit technischer Abläufe sowie die Rede vom zu vernachlässigenden Restrisiko, obwohl die Geschichte die Grenzen der Beherrschbarkeit immer wieder demonstriert hat. Der Untergang der Titanic 1912, das Zeppelin-Unglück 1937, das Challenger-Unglück 1986, der Absturz der Concorde 2000, vor allem aber Tschernobyl - die Reihe spektakulärer Unfälle, die in das kollektive Gedächtnis eingegangen sind, ließe sich beliebig fortsetzen.

Gleichwohl, technische Kulturen halten an der Vorstellung des reibungslosen Ablaufs fest. Auch ein Moratorium zur Prüfung der Sicherheit der Kernenergie argumentiert nach dieser Logik. Unfälle werden dem Paradigma des möglichen reibungslosen Ablaufs einverleibt. Sie werden zum Teil eines steten Fortschritts. Denn jeder Unfall bringt Verbesserungen mit sich, führt zur Weiterentwicklung der Technik. Wie der Ingenieur und Technikhistoriker Henry Petroski im Bann dieser Denkweise formulierte, ist Erfolg das Ergebnis von verarbeitetem Misserfolg. Das Leben in einer offenen, sich verändernden, innovativen Kultur bedeute, so auch Bijker, den Preis der Verletzbarkeit zu zahlen.

Wie hoch dieser Preis sein darf, darüber haben Gesellschaften zu entscheiden. Den Preis, den wir gerade in Japan zahlen, wäre wohl niemand bereit gewesen zu bezahlen. Auch Tschernobyl kann niemand ernsthaft als Tribut an den Komfort technisierter Kulturen legitimieren. Trotzdem, nach jedem Unfall scheint die Menschheit zurück in das Paradigma des reibungslosen Ablaufs, in den Glauben der Beherrschbarkeit zu fallen. Offensichtlich haben wir uns an technische Unfälle gewöhnt. Ohnehin sind sie kein neues Phänomen des Industriezeitalters. In der Antike ging, so schätzt man, jedes vierte Schiff verloren. Allerdings veränderte sich die Dimension von Unfällen in der technischen Moderne radikal.

Tschernobyl bot noch Ausreden

Wie der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch beobachtete, unterbrach ein Achsenbruch einer Kutsche im achtzehnten Jahrhundert eine ohnehin langsame und starken Erschütterungen ausgesetzte Reise. 1842 hatte dagegen der Achsenbruch einer Lokomotive in Frankreich zum ersten überregional wahrgenommenen Eisenbahnunfall geführt. Europa war erschüttert, das neue Verkehrsmittel wurde vorübergehend in Frage gestellt. Der Grad der Heftigkeit, die Zahl der Todesopfer, die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen, aber auch die gesundheitlichen und emotionalen Folgen von Unfällen haben sich seit dem neunzehnten, vor allem aber im zwanzigsten Jahrhundert drastisch verändert und waren historisch neu. Historisch wiederum neu ist die Dimension der Reaktorunfälle in Tschernobyl und Fukushima. Es stellt sich die Frage, ob wir uns auch an diese Unfälle gewöhnen sollen.

Der Organisationssoziologe Charles Perrow sprach provozierend von „normalen Katastrophen“. Er behauptete, sie seien in komplexen und gekoppelten Systemen, wie sie Hochtechnologien üblicherweise darstellen, unvermeidlich. Anlass für seine Überlegungen waren die Beschäftigung mit dem Reaktorunfall in Harrisburg 1979 und seine Rolle als Gutachter im Kontext der Untersuchung des Unfallhergangs in einer Kommission, deren Fehlersuche er als unbefriedigend empfand. Kern seiner Argumentation war, dass bei der Unfallanalyse auf das gesamte System zu schauen sei. Die Ursache sei kein unglücklicher und besonderer Einzelumstand, sondern gehe auf Eigenschaften des Systems selbst zurück. Je komplexer das System und die Interaktion seiner Bestandteile, desto häufiger kann es zu unvorhergesehenen Störungen kommen: „Wir haben uns Konstruktionen ausgedacht, die so kompliziert sind, dass wir nicht mehr alle möglichen Interaktionen der unvermeidbaren Defekte vorhersehen können.“

Demnach sind Unfälle wie Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima „normale Unfälle“. Gleichzeitig sind sie katastrophale Ausnahmezustände. Und in dieser Kopplung von „normalem Unfall“ und Ausnahmezustand liegt das Bestürzende. Heute können wir kaum noch ernsthaft den Verdacht von uns weisen, dass diese katastrophalen Ausnahmezustände „normale Unfälle“ in einer technischen Kultur sind. Tschernobyl bot noch Ausreden: Es fehlte die Sicherheitshülle; nun ja, die Bedingungen in der Sowjetunion, das leichtsinnige Experiment der Simulation eines Stromausfalls, der besondere Reaktortyp und so weiter.

Ganze Dörfer wurden beerdigt

Doch haben wir seit 1979 - und das ist kürzer als ein Menschenleben - drei katastrophale nukleare Unfälle erlebt: Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima. Der unwahrscheinliche Fall der Kernschmelze, auf den die Reaktoren in der Welt nicht einmal ausgelegt sind, weil er rechnerisch so unwahrscheinlich ist, geschieht - entgegen aller Statistik. Der Eintritt des Unwahrscheinlichen, seine Möglichkeit und Wirklichkeit macht uns etwas deutlich: die Verankerung und Legitimation der technischen Kultur in der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Viele Bilder aus Japan gleichen einem Déjà-vu. Die Evakuierungen, die Zwanzig-Kilometer-Zone, die Dreißig-Kilometer-Zone, die Angst vor der radioaktiven Wolke in Tokio, die unklaren Informationen: Was ist denn nun passiert?

Als in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 der Reaktorblock 4 in Tschernobyl explodierte, ahnten die Bewohner der nahe gelegenen Stadt Pribjat nicht, welche Katastrophe sich ereignete. Sie ahnten nichts von der nuklearen Strahlung, der sie ausgesetzt waren, nichts davon, dass diese Explosion ihr Leben nachhaltig verändern würde. Sie sahen das Feuer, Kinder fuhren mit dem Fahrrad zum Reaktor, um es zu betrachten, Bewohner standen auf den Balkonen und schauten. Der Tag nach dem Reaktorunfall, ein Samstag, schien ein normaler Tag; es war schönes Wetter, die Leute taten das, was sie am Wochenende immer taten, sie fuhren auf ihre Datscha, zum Angeln. Erst am Sonntag wurde die Evakuierung der Stadt angeordnet; die Bewohner sollten Lebensmittel und Kleidung für drei Tage mitnehmen. Drei Tage - es kehrten jedoch nur wenige wieder an ihren Heimatort zurück.

Die Folgen Tschernobyls waren in der Geschichte technischer Unfälle bislang einmalig. Sie waren von globalem Ausmaß und trafen unterschiedlichste soziale Schichten. Die radioaktive Wolke machte weder vor nationalen Grenzen halt noch vor „guten Vierteln“. Ulrich Beck hatte dies mit seinem Begriff der „Risikogesellschaft“ auf den Punkt gebracht: Die radioaktive Wolke betraf alle, je nach Windrichtung. Große Teile in Weißrussland, der Ukraine und in Russland sind verstrahlt - für eine Dauer, die jegliche historisch überschaubare Dimension sprengt. Ganze Dörfer wurden „beerdigt“, es wurde Erde abgetragen, Hausrat in „Gräbern“ unter der Erde entsorgt. Für viele bedeutete ihre Evakuierung eine traumatische Entwurzelung. Pierre Carle sprach vom „Ende der Welt für einen nicht unerheblichen Teil der Bewohner unseres Planeten“.

Der antiquierte Mensch

Tschernobyl stand für den GAU, der in einer technischen Kultur nicht eintreten soll, die minimale statistische Größe, die aufgrund der „Verkettung unglücklicher Umstände“ Wirklichkeit wurde. Die unbekümmerte Rede davon, ein Atomkraftwerk könne sogar auf dem Roten Platz in Moskau stehen, wurde konterkariert. Die Unbewohnbarkeit von Orten für eine extrem lange Dauer, das hohe und globale Maß der Betroffenen entziehen Unfälle dieser Dimension der Vergleichbarkeit mit technischen Unfällen, wie wir sie zuvor kannten, obwohl auch diese als Grenzen technischer Hybris in das kollektive Gedächtnis der technischen Moderne eingegangen sind. Tschernobyl und Fukushima stellen eine Zäsur in der Geschichte technischer Kulturen dar, auch wenn viele es nicht wahrhaben wollen.

Tschernobyl hatte das Wesen der Katastrophe verändert. Atomkraft wurde in Frage gestellt; die Antiatomkraftbewegung erhielt Auftrieb - vorübergehend. Inzwischen wird der Katastrophe vor allem an Jahrestagen gedacht. Das Handeln wird davon kaum berührt. Schon jetzt scheint es, dass im Falle von Fukushima die gleiche Gedächtnislogik einsetzen wird. Doch warum können wir jeweils zurückkehren zur Vorstellung der Beherrschbarkeit von Technik, zum Konzept des reibungslosen Ablaufs? Vielleicht verweist es auf unsere „Apokalypse-Blindheit“, die der Philosoph Günter Anders bereits in den fünfziger Jahren beschrieben hat. Sein Paradigma war der Atomkrieg. Die Rundfunkübertragung vom Abwurf der Atombombe auf Hiroshima war Ausgangspunkt seiner philosophischen Versuche, die Bombe zu begreifen.

Anders beobachtete ein mehrfaches Gefälle: ein Gefälle zwischen der Unvollkommenheit des Menschen und der Technik, das „prometheische Gefälle“. Der Mensch sei mit seiner Produkt- und Technikwelt „a-synchronisiert“. Die verzweifelten Versuche in Japan, die außer Kontrolle geratene Kernkraft wieder zu kontrollieren, wirken geradezu wie Anschauungsmaterial dieser Thesen. Einen Reaktor mit Wasserabwürfen aus Hubschraubern oder mit Wasserwerfern kühlen zu wollen, verweist auf das prometheische Gefälle. Dem Menschen steht kaum noch etwas zur Verfügung, was die Technik bezwingen könnte. Dieses Gefälle erzeuge nun, so Anders, beim Menschen eine Scham, die prometheische Scham. Der Mensch schämt sich, der Maschine, seiner eigenen Schöpfung, unterlegen zu sein. Anders entdeckte ein weiteres Gefälle: die grundsätzliche Kluft zwischen dem Machen, dem Herstellen und dem Vorstellen sowie Erfassen dessen, was man herstellt, andererseits. Er spricht von der „Antiquiertheit des Menschen“. Im Vergleich zur Technik, die er schafft, sei der Mensch in seinen Vorstellungen, seinem Denken antiquiert. Er vermag die Folgen der Dinge, die er herzustellen in der Lage ist, nicht mehr zu begreifen und zu verantworten. Deshalb lungern wir „wie verstörte Saurier zwischen unseren Geräten“ herum.

Der Golem Kernkraft

Als verstörte Saurier sind wir überfordert zu erfassen, was in Tschernobyl und nun auch in Fukushima geschieht. Günther Anders sah in dieser Kluft zwischen unserer begrenzten Vorstellungskraft und unserer viel größeren Fähigkeit, etwas herzustellen, ein grundsätzliches Dilemma, vor allem solange wir es nicht anerkennen: „Machen können wir zwar die Wasserstoffbombe; uns aber die Konsequenzen des Selbstgemachten ausmalen, reichen wir nicht hin. Und auf gleiche Weise humpelt unser Fühlen unserem Tun nach: Zerbomben können wir zwar Hunderttausende; sie aber beweinen oder bereuen nicht.“ Nicht weniger wichtig als das Gefälle zwischen „Machen“ und „Fühlen“ ist, so insistierte Anders, das zwischen „Wissen“ und „Begreifen“: Dass wir wissen, welche Folgen ein atomarer Krieg nach sich ziehen würde, kann nicht bestritten werden. Aber wir „wissen“ es eben nur. Anders bestand darauf, dass aus dem prometheischen Gefälle eine „Apokalypse-Blindheit“ resultiere. Menschen sind weder in der Lage, die Folgen ihres Tuns zu antizipieren noch sie zu verarbeiten.

Viele Zeitzeugenberichte aus Tschernobyl, wie sie beispielsweise Swetlana Alexijewitsch gesammelt und aufgezeichnet hat, sind geradezu erschütternd hilflose Versuche, das Unfassbare zu fassen und zu begreifen, was nicht zu begreifen ist: „Wir wissen nicht, wie wir dieses Grauen deuten sollen. Wir sind dazu nicht fähig. Tschernobyl ist weder mit unserer menschlichen Erfahrung noch mit unserer menschlichen Zeit zu messen.“

Nach dem Unfall in Tschernobyl füllten sich die Kirchen. Menschen, die Atheisten waren, suchten Antworten jenseits rationaler Welterklärungen von Physik und Mathematik. Angesichts der Lage in Fukushima sagte der EU-Energiekommissar Günther Oettinger kürzlich, man müsse befürchten, dass nun alles in Gottes Hand liege. Die Fähigkeit, Dinge herzustellen, denen der Mensch im Sinne des prometheischen Gefälles nicht gewachsen ist, führt auf merkwürdige Weise zurück zur Anrufung numinoser Kräfte.

Anders sprach in seinem Vorwort zur Neuauflage 1979 davon, er habe ein „Plädoyer für den Weiterbestand einer menschlicheren Welt, nein: leider bescheidener: für den Weiterbestand der Welt“ geschrieben. Das „Ende der Welt für einen Teil der Menschen unseres Planeten“ als Folge des Reaktorunglücks in Tschernobyl unterstreicht, was Günther Anders Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts beobachtete, erneut. Zu befürchten ist, dass auch die nukleare Katastrophe in Japan dies bezeugen wird. Zu befürchten ist zudem, dass die „Apokalypse-Blindheit“, die Unfähigkeit des Vorstellens und des Fühlens, schon bald zurückführen wird in das Konzept des reibungslosen Ablaufs, das Kennzeichen der modernen technischen Kultur ist und scheinbar alle Erschütterungen des Golems Technik übersteht, der unerschrocken weiter seinen Weg geht. Wir werden wohl noch Jahrzehnte mit dem Golem Kernkraft leben, denn die Apokalypse-Blindheit, das Nicht-Begreifen lässt den Golem weiterarbeiten.

Martina Heßler lehrt Neuere Sozial-, Wirtschafts- und Technikgeschichte an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenTschernobylJapanFukushimaHiroshimaTitanicConcordeAusnahmezustandEuropa