Keine Pflichtlektüre mehr

Faustfrei

EIN KOMMENTAR Von Jürgen Kaube
06.08.2022
, 12:07
Bühnenrolle eines Lebens: Mehr als sechshundert Mal verkörperte Gustaf Gründgens Mephisto in Goethes Faust.
Goethes „Faust“ war die einzige Pflichtlektüre an bayrischen Gymnasien. Jetzt wird sie abgeschafft. Wer das beklagt, hat etwas übersehen.
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Im Vokabular des deutschen Literaturunterrichts gibt es das seltsame Wort „Ganzschrift“. Gemeint sind längere Werke, die im Unterricht von Anfang bis Ende gelesen werden. Zwar sind auch Hölderlins „Brod und Wein“ oder Kafkas „In der Strafkolonie“ Ganzschriften, denn welchen Sinn sollte es haben, sie nur auszugsweise zu lesen? Welchen Sinn sollte es überhaupt haben, Literatur in Auszügen zu lesen? Doch die Beschäftigung mit einem kompletten Buch scheint an deutschen Schulen eine Bergsteigerleistung, für die es einer eigenen Kategorie bedarf. Fünf Ganzschriften sieht der bayerische Lehrplan für die gymnasialen Klassen 12 und 13 vor. Fünf Bücher also in zwei Jahren, das ist ein Fünftel Buch im Monat.

Nehmen wir den ersten Teil des „Faust“, so beläuft sich das auf etwa 27 Seiten Lektüre, eine Seite am Tag. Nur um einmal die Mengen anzudeuten, um die es geht, wenn Jugendliche hierzulande angeblich mit Literatur vertraut gemacht werden. Ob man sich noch wundern soll, dass viele an den Universitäten dann der Ohnmacht nahe sind, wenn von ihnen erbeten wird, die siebzig Seiten der „Strafkolonie“ in einer Woche zu lesen und womöglich noch Kommentare dazu? Die Festlegung auf fünf Ganzschriften geht aber nicht nur mit Übungsrückständen einher. Sie erzeugt auch unlösbare Pro­bleme der Auswahl. Denn welche fünf Gipfel sollen es sein? Schon das Drama um 1800 würde mit Lessing, Schiller, Goethe und Kleist fast das ganze Programm ausfüllen, und auf dem Restplatz drängelten sich dann nicht nur die Ganzschriften Droste-Hülshoffs, Büchners, Kellers und Fontanes, sondern auch „Michael Kohlhaas“ oder „Werther“, ohne dass wir auch nur im zwanzigsten Jahrhundert wären.

Eine sehr deutsche Lösung dieses Problems ist es, einzelnen Werken die gesamte Last aufzuladen, den Kanon zu repräsentieren. Das bringt erneut den „Faust“ ins Spiel. Er ist die eiserne Ration der Lehrplankonstrukteure. Wenn fast nichts gelesen wird, so lautet die Devise, dann wenigstens er (oder „Nathan der Weise“). So war „Faust“ seit 2016 Pflichtstoff an bayerischen Gymnasien, war bis 2019 in Nordrhein-Westfalen obligatorisch, ist es noch in Hessen und Schleswig-Holstein. Weshalb? Dass im Drama philosophische und theologische Fragen einzigartig durchdacht würden, wie der bayerische Lehrplan bis dato meinte, zeichnet es schwerlich vor „Dantons Tod“ oder „Amphitryon“ aus.

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Ältere Begründungen, die „Faust“ irgendwie mit dem Deutschsein zu­sammenschlossen oder auf die fünfzig Einträge in Büchmanns Sprichwörterbuch verwiesen, werden heute nicht mehr gegeben. Stattdessen wird der Verlust kultureller Gemeinsamkeit be­­klagt, wenn es nach dem jüngsten Lehrplan auch in Bayern Abiturienten geben kann, die nicht wissen, wer Mephisto und was die Gretchenfrage ist. Dass solche Gemeinsamkeit die Lektüre vieler Werke voraussetzen würde, geht in den Klagen unter.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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