FAZ.NET-Frühkritik: „Hart aber fair“

Sind unsere Kinder noch zu retten?

Von Sandra Kegel
29.11.2011
, 07:01
Wer schützt Kinder vor dem Sicherheitsbedürfnis ihrer Eltern? Bei Frank Plasberg gab es kurze Antworten auf zu viele Fragen.
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Kinder gibt es immer weniger, dafür mehr Ratgeber über Erziehung: Bei Frank Plasberg diskutiert man über ängstliche Väter, überforderte Mütter und Kinder im Katastrophenmodus.
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Manchmal fragen sich junge Eltern ja insgeheim, wie sie ihre eigene Kindheit eigentlich überleben konnten. Denn in den sechziger und siebziger Jahren aufzuwachsen, war – aus heutiger Sicht betrachtet – eine Existenz voller Gefahren und Risiken. Da wurden die Kleinen im Auto ohne Kindersitz herumkutschiert, auch Fahrrad- und Skihelme gab es nicht. Da ließen Eltern ihre Kinder abends auch mal allein, wenn sie ausgingen. Dafür war der Nachwuchs nachmittags stundenlang draußen unterwegs, ohne dass ein Erwachsener je gewusst hätte, wo. Der Verlust der kindlichen Freiheit und das elterliche Bedürfnis nach Sicherheit sind drängende Fragen unserer Zeit, die nicht nur dem Ratgeber-Buchmarkt gigantische Zahlen bescheren - 1600 Erziehungsbücher erscheinen jedes Jahr- , sondern auch Talkshows ihr Publikum sichern.

Seit jeher wird über Kinder und die Frage nach der richtigen Erziehung debattiert. Verlässlich ist dabei allein der Wandel: von der autoritären zur antiautoritären Erziehung, vom Frontalunterricht zur Gruppenarbeit, vom Zwang zur Freiheit, auf die dann wieder der Ruf nach Ordnung ertönt. Dass heutzutage vielleicht noch ein wenig mehr diskutiert wird als früher, wie am Montagabend bei Frank Plasberg in „Hart aber fair“, liegt, darin waren sich die Gesprächspartner einig, an der wachsenden Verunsicherung der Eltern. Der Kinderpsychiater Michael Winterhoff („Warum unsere Kinder Tyrannen werden“) forderte deshalb, die Eltern aus dem „Katastrophenmodus“ zu holen. Für ihn ist klar: „Eltern haben ihre innere Ruhe verloren, deshalb bleiben die Kinder auf der Strecke“.

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Kleine Pillen für die Krake Hippihopp

Richard David Precht machte für den Verlust auch den frühkindlichen Förderwahn verantwortlich. Aus lauter Sorge, nur ja keine Chance ungenutzt zu lassen, haben manche Eltern das Augenmaß bei der Erziehung verloren. So wird das absurde Bedürfnis entfacht, schon drei Monate alte Säuglinge mit Fremdsprachen zu bombardieren. Wie ausgeprägt elterliche Intuition indes sein kann, erläuterte der Publizist am Beispiel seiner eigenen Biographie: Seine Eltern, die ihre fünf Kinder antiautoritär erzogen, verboten ihm als Kind die Teilnahme am Schulausflug ins Phantasialand. Statt in den Freizeitpark ging der kleine Richard an diesem Tag in die Parallelklasse zum Unterricht. Der Publizist, der heute als Vater in einer Patchworkfamilie mit vier Kindern lebt, hat seine Eltern weder damals noch heute dafür verdammt. Auch bei Oliver Pocher zeigte sich im Gespräch ein bekanntes Muster, wonach das Verständnis für die eigenen Eltern in dem Moment erwacht, in dem man selbst ein Kind bekommt. Der Comedian, dessen Vater im Publikum saß, lobte seine Eltern, die beide Zeugen Jehovas sind, vor allem dafür, dass sie ihn machen ließen, ohne sich einzumischen.

So interessant die Fragestellung des Abends („Wer gibt Kindern heute noch Richtung?“) war, geriet sie in ihren vielen Belangen zuletzt der Sendung doch zum Nachteil. Zahlreiche Aspekte und Bezüge wurden in die Runde geworfen und häufig gleich vom nächsten Gedanken verdrängt. Von der Feminisierung des Erziehungswesens war ebenso die Rede wie von den Jungen als Bildungsverlierern. Die veränderten Erziehungsparameter berufstätiger Eltern wurde angesprochen und die Problematik der ausgeprägten Schwangeren-Diagnostik, die schon werdenden Eltern ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis einimpfe. Die Versuchungen der modernen Medien im Kinderzimmer kamen kurz zur Sprache. Das Medikament Ritalin für Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen konnte nur noch schlagwortartig abgehakt werden. Dabei hätte man gern mehr über das Kinderbuch mit den lustigen Illustrationen erfahren, in dem die Geschichte der zappeligen Krake Hippihopp erzählt wird, die durch kleine weiße Tabletten geheilt wird. Herausgegeben wird Buch vom Pharmakonzern Novartis, dem Hersteller von Ritalin.

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Quelle: FAZ.NET
Sandra Kegel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Sandra Kegel
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.
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