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FAZ.NET-Frühkritik: Wiener Opernball

Wunderbare Familienbande

Von Severin Groebner, Wien
 - 08:00
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„Wunderbar!“ Nach fünf Minuten fällt das Wort zum dritten Mal, und es wird nicht das letzte Mal an diesem Abend sein. Der Opernball hat seine eigene Grammatik. Hier gibt es keine halben Sachen. Wenn man den Moderatoren glauben darf, ist der Opernball ganz. Ganz besonders. Ganz bewundernswert. Ganz wunderbar.

Das kennt man von Familienfesten: Die Eltern vertragen sich seit Jahren nicht mehr. Die Mutter ist depressiv, der Vater ist pleite, hat aber eine Jüngere. Der Sohn ist verhaltensauffällig, die Tochter steht im Verdacht, bulimiekrank zu sein, der Onkel ist Alkoholiker, die Tante unterstützt eine Wehrsportgruppe, die Oma ist hinfällig und alle fragen sich, wer sie beerben wird - und wann. Nur der Opa hat es gut. Denn der ist tot.

Und trotzdem trifft man sich, weil gerade Weihnachten ist. Oder wegen der Hochzeit, des Geburtstags oder weil man einfach keinen triftigen Grund gefunden hat abzusagen. Und alle machen gute Miene zum bösen Spiel.

So ist auch der Opernball. Die Familienfeier einer Republik.

Und weil es ein bisschen, also bisserl, eng ist in der Republik, freut man sich auch über jeden Gast, der nicht aus dem eigenen Stall kommt. Da wollen wir mal nicht so sein. Darum dürfen auch die kleinen Enkelkinder durch die Reihen laufen und die Erwachsenen an den Hosen ziehen und fragen: „Und wer bist Du?“

Im Fernsehen nennt man diese Rolle „Moderator“. Barbara Rett, Miriam Weichselbraun und Alfons Haider, flankiert von Karl Hohenlohe und Christoph Wagner-Trenkwitz (die sich in der Rolle der leicht flegelhaften, aus der Art geschlagenen Cousins recht wohl zu fühlen scheinen) fragen die Gäste Fragen, die sich kein Erwachsener zu stellen traut: „Sind Sie tätowiert?“, „Wenn man miteinander verheiratet ist, tanzt man dann anders?“, „Zieht sie sich jetzt aus?“, „Was bist Du denn für ein Mann?“, „Sie sind frisch verheiratet: Bei wem von Euch lässt die Liebe schon nach?“

Selbst der österreichische Bundespräsident, das Staatsoberhaupt und somit quasi in der Rolle des Großonkels, dem das Wirtshaus gehört, in dem das Fest stattfindet, bleibt nicht verschont: „Was machen Sie denn lieber? Aus 3800 Meter aus dem Flugzeug springen oder zum Opernball gehen?“ Da weiß man natürlich nicht, was man antworten soll. Doch der Großonkel mag die Kleinen und gibt ihnen eine Wortspende. Das gehört sich so.

Ein Chef der Raiffeisenbank formuliert es so: „Man muss die Menschen mögen … und freundlich sein, auch wenn einem nicht danach zumute ist.“

Man muss sich benehmen. Schließlich sind ja Gäste da. Internationale Prominenz. Der Außenminister von Schweden („Die Beziehungen können gar nicht mehr besser werden“, meint sein österreichischer Amtskollege und merkt gar nicht, was seine Aussage impliziert), der kroatische Premierminister, der Liechtensteiner Regierungschef, der nicht über dubiose Geldgeschäfte reden möchte, und sogar der UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, bei dem die dreisten Cousins die tänzerische Fähigkeit zum Ban Ki-moon-Walk vermuten.

Schließlich ist das hier ein Ball, ein ganz wunderbarer, der Höhepunkt der Wiener Ball-Saison, im schönsten Ballsaal der Welt, in einer ganz wunderbaren Atmosphäre und mit einer „tollen Kultur“, wie der Bundeskanzler sagt, und mit internationaler und natürlich wunderbarer Prominenz: Eine „echte“ thailändische Prinzessin darf man auf dem „Red Carpet“ begrüßen. Es ist auch Brigitte Nielsen da, die schon mal mit Silvester Stallone verheiratet war. „Vom Regen in die Traufe“, sagt der eine Cousin. Der andere darauf: „Dazwischen war sie noch im Dschungelcamp“.

Eine Frisur, die man zuletzt bei Duran-Duran gesehen hat

Nicht zu vergessen Boris Becker, Lothar Matthäus, David Garrett und Christiane Hörbiger, die sich von einer Frisur leiten lässt, die man das letzte Mal bei Duran-Duran 1983 gesehen hat. Und natürlich Roger Moore, der oft wegen der Unicef in Wien ist und erklärt „During this evening, a lot of people are suffering in the world!“

Wohl wahr. Der ein oder andere Zuschauer wird wohl darunter sein.
Aber das Fest geht weiter. Die Stimmung wird lockerer. Eine ehemalige „Opernball-Lady“ (ein österreichischer Kampfname, etwa im Rang eines Oberst der Kavallerie) enthüllt, dass sie ihr Kleid zum letzten Mal exakt vor 30 Jahren getragen hat. Die Interviewerin fragt einen Counter-Tenor, ob er nun ein weiblicher oder männlicher Engel ist, und ihr Kollege sagt zu Brigitte Nielsen, sie wäre wie Grace Jones, nur die wäre dunkler. Dazwischen bleibt der Kameramann eine halbe Minute im üppigen Dekolleté einer etwa 20 Jahre alten Ballbesucherin hängen und es gibt Bilder von Tanzenden und Würsteln mit Senf und Kren (Meerrettich).

Doch die Familie weiß noch, welches Renommee es zu verteidigen gilt. Schließlich handelt es sich hier um einen „Künstlerball“. Die Eröffnung ist inspiriert von Gustav Klimts Lebensbaum, die Kopfbedeckungen der Debütantinnen wurden vom jugoslawischen Prinzen Dimitri entworfen, der damit die Winterstürme in New York ausdrücken wollte, und alle alten Männer, die die Kamera einfängt, nennt man „Doyen“. Nur einer heißt „Baumeister“. Das kommt aber in den besten Familien vor. Da und dort taucht sogar Politik auf.

Es wird viel getrunken, gelacht, gestritten

Ob man in den Logen der österreichischen Regierung noch Champagner trinkt angesichts des Sparpakets, das sich die Regierung gezwungen sah zu schnüren, um irgendwann das Triple-A (oder Dripple-A, wie es in Österreich heißt) wieder zu bekommen, möchte die Fragestellerin wissen. „Wir trinken nur Mineralwasser, aber für unsere Gäste nur das Beste: Sekt“, sagt der Vizekanzler, und da weiß man einfach nicht, ob er die Frage nicht verstanden hat, oder einfach nicht antworten wollte.

Und wie auf allen Familienfesten muss man die Verwandtschaft erwähnen: Die Tochter von … der Sohn von … der Neffe von … Auch die entferntere: Ilse Aigner beispielsweise. Die Verbraucherministerin heißt in Österreich „Landwirtschaftsministerin“ und scheint sich ein wenig fehl am Platz zu fühlen. Aber vielleicht kennt sie das ja aus Berlin.

In den anderen Logen trinkt man, lacht, streitet und stellt angeblich sehr wichtige Kontakte her. Und zeigt viel Metall. Die Ordensdichte ist eine hohe. „Orden zu tragen, ist in Frankreich ein bisschen lächerlich“, sagt der Staatsoperndirektor. Ein sympathischer, kleiner Mann mit viel Glatze und wenig Haar, der sich damit eindeutig als Ausländer zu erkennen gibt. Nicht der einzige. Einer der Choreographen der Ball-Eröffnung, wissen die beiden dreisten Cousins, sei „auf einer anatolischen Bergwiese geboren“. Nur zur Information. Damit wir wissen, wer zur Sippe gehört und wer nicht. H.C. Strache, der neue starke Mann der FPÖ, der sich irgendwo unter den Gästen versteckt, wird über diese Auskunft dankbar sein.

Müllkübel auf dem Kopf

Aber heute nicht mehr. Heute heißt es feiern. Auch für die Kommentatoren:

„Es ist wunderbar… man sieht Menschen völlig ahnungslos herumlaufen.“

„Es ist gigantisch eng geworden.“

„Vorher hab ich eine Frau gesehen mit einer Art Müllkübel auf dem Kopf.“

Und auch der neue Intendant der Salzburger Festspiele lässt es locker angehen: „Du musst noch sagen, dass ich auch einen Ball mach’ in Salzburg!“

Schön ist so ein Familienfest. Und erst recht, wenn es live übertragen wird. Und es fällt einem dann irgendwann der Polizist ein, der die Oper und das Fest darin bewacht und den man vor dem Ball gefragt hat: „Wären Sie lieber drinnen oder draußen?“ Und er hat geantwortet: „Lieber draußen.“

Wunderbar!

Severin Groebner stammt aus Wien. Er ist Kabarettist, Autor und Schauspieler. Im Augenblick ist er mit seinem Programm „Servus Piefke“ auf Tour.
www.severin-groebner.de

Quelle: FAZ.NET
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