FAZ.NET-Kritik: „Günther Jauch“

Kommt noch was von Wulff?

Von Nils Minkmar
19.12.2011
, 07:23
Günther Jauch
Die Sendung „Günter Jauch“ geriet für jene, die den Bundespräsidenten Christian Wulff verteidigen möchten, zum Desaster. Es wird höchste Zeit, dass er sich selbst erklärt.

Man traute in der „Günter Jauch“-Sendung zum Skandal um Bundespräsident Wulff seinen Ohren nicht. Selten war eine Talkshow so eindeutig im Urteil, so verheerend für den Bundespräsidenten.

Das will etwas heißen: Die Bundesbürger pflegen eine ganz besondere Beziehung zu ihrem Staatsoberhaupt, das gilt auch für jene, die die Studios der Talkshows bewohnen. Jeder Deutsche weiß aus dem Geschichtsunterricht, dass der erste Mann im Staat auch der letzte sein kann, der es noch in der Hand hat, die Demokratie und den Rechtsstaat zu schützen. Im Alltag hat der Bundespräsident schöne Aufgaben, er versöhnt, besucht und belehrt. Aber die Geschichte hat nicht nur idyllische Jahre zu bieten, und der Umschlag kommt schnell und über Nacht.

Anfang des Jahres geriet Japan an den Rand einer Staatskrise, als sich die Regierung als unfähig erwies, mit der doppelten Herausforderung von Sturmflut und Kernschmelze fertig zu werden. Irgendwann war der Tenno gefordert, sich herauszuwagen. Manche erinnern sich noch an die Bilder des rechten Putschversuchs in Spanien, zu Beginn der achtziger Jahre, als der König der letzte war, der die Demokratie retten konnte. Und vor zwanzig Jahren war es Boris Jelzin, der durch seine Sturheit den Putsch der alten Genossen gegen Gorbatschow stoppte. Der erste Mann kann der letzte sein, und für solche Fälle haben wir ihn.

Früher hätte man gesagt: Es geht um seine Ehre

Wir erwarten keinen Militärputsch und keinen Tsunami, aber wir haben keine Garantie auf das Glück der bundesrepublikanischen Biederkeit, auch wenn es nun schon so lange währt. Gerade das macht eine Krise so bedrohlich, denn es braucht nicht viel, nur eine Kombination von Schicksalsschlägen: Der Kollaps der Banken, ein gewaltiger Stromausfall, ein Anschlag der Rechten oder der Islamisten – unsere Nerven wären ebenso schnell ruiniert wie die Institutionen. Man muss kein Thrillerautor sein, um sich Szenarien auszudenken, in denen es recht schnell sehr eng wird, in denen alles auf den Bundespräsidenten ankommt. Und dann? Er hat keinen großen Apparat, keine Bank, ist nicht Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Sein Instrument ist die Rede, und unter Umständen kommt alles darauf an: eine Rede – man hat in historischen Situationen dann selten mehrere Anläufe.

Christian Wulff hat dieses Instrument stumpf werden lassen. Er hat keine große Rede gehalten, er sollte keine große Reden halten, Merkel wollte das nicht, sonst hätte sie ja Gauck wählen können. Nun aber geht es, seit einer Woche, für Christian Wulff um alles: Nicht allein um sein Amt, das mehr sein sollte als ein Job, es geht um seine Glaubwürdigkeit, seine Vertrauenswürdigkeit. Früher hätte man gesagt: Es geht um seine Ehre.

Nichts weniger war Gegenstand der sonntäglichen Talkshow, die bei vielen Zuschauern ein zentrales Forum der Meinungsbildung ist, denn nicht jeder hat die Zeit, in einer Arbeitswoche alle Fragmente der Verteidigung Wulffs aufzusammeln, zu sortieren und zu bewerten. Darum mussten jene, die Wulff ins Amt gewählt haben, die ihn noch verteidigen, auf diese Sendung setzen.

Für die Verteidiger war die Linie des Autors und ZDF-Literaturmoderators Wolfgang Herles bezeichnend. Er war dagegen, den Skandal um den Privatkredit so hoch zu hängen, denn das eigentliche Problem war für ihn Wulffs Amtszeit, die er miserabel nannte. Den berühmten, in Wahrheit den einzigen bislang memorablen Satz des Bundespräsidenten, „der Islam gehört zu Deutschland“, nannte Herles „unterkomplex“, „schlicht“, „saublöd“, ja den blödesten Satz des Jahres. Und der Mann war als ein Verteidiger Wulffs geladen.

Fataler kann eine Verteidigung kaum sein

In der amtlichen Rolle des Exegeten der komplizierten Vermögens- und Freundschaftsverhältnisse des Bundespräsidenten war CDU-Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier besetzt. Es tat weh, diesen intelligenten Mann mit solch untauglichen Argumenten herumfuchteln zu sehen. Er hatte eigentlich nur drei: Andere hatten auch Skandale. Zudem wird sich der Ältestenrat des niedersächsischen Landtags mit dem Fall befassen (in dem, das sagte er nicht, die Union die Mehrheit hat, was immer praktisch ist). Das letzte Argument war das erschütterndste: Man solle „aus vorliegenden Informationen keine Schlussfolgerungen“ ziehen, weil man war ja nicht dabei, beziehungsweise er kenne Wulff schon dreißig Jahre. Das alles hinderte ihn aber nicht, gewissermaßen als Fluchtlinie, abschließend zu murmeln: Der Präsident „bemühe sich“ um Aufklärung und man werde ja sehen, „ob es ausreichend war.“ Fataler kann eine Verteidigung kaum sein. Außer der natürlich, die der Bundespräsident selbst versucht.

In Journalistenkreisen erzählt man sich von umständlichen, gewundenen Mailboxansagen bei Medienchefs, in denen der Bundespräsident bald drohend, bald bittend noch vor Veröffentlichung interveniert. Monate hatte Christian Wulff Zeit, die Geschichte zu formulieren, mit der er die Bundesbürger überzeugt, denn dass so ein Kredit nicht unbemerkt bleibt, davon musste er ausgehen. Wobei er sich wirklich, wie Altmaier sagen würde, „bemüht“ hatte, die Herkunft des Geldes gleich hinter zwei Firewalls zu verbergen, einmal über den Umweg des Kontos der Ehefrau, dann über den Bundesbankscheck. Warum eigentlich?

Eine unzulässige Verknüpfung

Nun hat Wulffs Freund Egon klar gemacht, dass das Geld von ihm stammt, und es ist auch plausibel. Dieser Darstellung wurde auch durch seine Ehefrau Edith nicht widersprochen. Weswegen dann aber, als es längst um Amt und Ehre geht, sogar Peter Altmaier immer noch auf dieser Legende beharrt, bleibt unverständlich. Man hegt als Beobachter die Befürchtung, dass mit dieser Legende noch viel mehr zum Einsturz kommen könnte. War der Kredit vielleicht eine Schenkung? Das Ehepaar Geerkens verfügte über keine Sicherheit, verlangte auch keine. Die Konditionen glichen denen unseriöser Internetanbieter: Sofortkredit ohne Schufa.

Günter Jauch vermied jeden Pomp, lenkte aber die Diskussion immer wieder auf Fragen, die nach wie vor unbeantwortet sind, etwa warum der Kreditgeber darauf verzichtete, ins Grundbuch eingetragen zu werden. Zur juristischen Seite der Sache hatte sich schon zu Beginn der Sendung der Verfassungsrechtler von Arnim präzise und nachvollziehbar geäussert: Die Einladung zu Auslandsreisen, die ein Minsterpräsident aussprechen kann, ist eine Amtshandlung und die Gewährung eines günstigen Kredits ist ein Vorteil. Im Falle Geerken kam eines zum anderen - eine unzulässige Verknüpfung.

Manifestes Unvermögen

Sie mag nicht schwer wiegen, aber die oberschlaue Vertuschungsstrategie und die eiligen Verdunkelungsbemühungen liegen unterhalb dessen, was für den Bundespräsidenten das Mindeste ist.

Man muss Peter Altmaier recht geben: Wenn man anfängt, aus den vorliegenden Informationen Schlussfolgerungen zu ziehen, ergibt sich ein eindeutiges Bild, und man müsste den Rücktritt den Präsidenten verlangen. Klar wurde gestern: Seine politischen Verbündeten bekommen selbst im zentralen Forum des wichtigsten Massenmediums keine auch nur halbwegs tragbare Verteidigung hin.

Kommt denn noch etwas von Wulff? Er hätte in der gestrigen Sendung sitzen müssen. Wann erklärt er sich im Ganzen? Unendlich ist die Geduld der Bürger nicht. Wenn es noch eine günstige Version der Geschichte zu erzählen gibt, in der von der epischen Freundschaft, von Großzügigkeitsanfällen in Osnabrück und den liebenswerten Eigenheiten des Freundes Egon die Rede sein müsste, eines Freundes also, wie es wohl nur wenige im Lande gibt, dann sollte Christian Wulff sie besser jetzt erzählen.

Das ist sein, das ist aber auch unser Interesse. Der Präsident müsste im Notfall in der Lage sein, durch seine Worte uns alle zu schützen. Sein manifestes Unvermögen, uns seine Geschichte kohärent zu erzählen und so seine Ehre zu verteidigen, beweist seine mangelnde Eignung für das höchste Amt der Bundesrepublik.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot