Der Erfinder des Doku-Dramas im Interview

Wie liebt man besser?

10.08.2010
, 12:50
Horst Königstein ist der Erfinder des Dokudramas. Nach 43 Jahren geht er in Rente. Ein Gespräch über das Fernsehen, die Unendlichkeit davor und dahinter und die Gemeinsamkeiten von Blake Carrington und Thomas Mann.

Hamburg, eine Parterrewohnung in einem Winterhuder Altbau. Horst Königstein, seit gut zwei Wochen ist er 65 Jahre alt, seit einer Woche ist er pensioniert, möchte unser Interview in seinem Vorführzimmer machen. Er hat schon einige DVDs mit seinen Fernsehfilmen bereitgelegt, zur Anregung, sagt er: „Denver Clan ohne Maske“ von 1994, „Nächte mit Joan“ von 1998 oder „Unser Reigen“ von 2006. Eine riesige Leinwand ist fest an die Wand montiert, ein Turm mit Beamer und DVD-Spielern steht bereit. Königstein schaltet mit der Fernbedienung ins richtige Format und setzt sich in seinen Lehnstuhl.

Fremdeln Sie gar nicht mit der neuen Technik?

Alles liebe ich. Die neue Technik, auch Youtube - die Kommunion mit Leuten, die man sonst nie kennenlernen würde, ihre Obsessionen. Deswegen liebe ich es natürlich auch sehr, wie man mit dem Internet arbeiten kann. Ich bin da ganz vorne.

(Wir sehen die ersten Szenen aus Königsteins Film „Unser Reigen“: „18. September 2005. Berliner Runde, Deutschland sucht den Superkanzler“, sagt eine Stimme. Dann folgen der berühmten Wutausbruch Gerhard Schröders - und die versteinerte Angela Merkel.)

Das ist meine Lieblingsszene aus der Politik der letzten zehn Jahre. Besser kann man das nicht spielen.

(Szenenwechsel, 30. Januar 2006, Hamburg-Niendorf: Fans belagern ein Haus, in dem sie Michael Jackson vermuten. Es folgt eine Spielszene zwischen dem Moderator Steven Gätjen und einem verschleierten Mann, er könnte Michael Jackson sein.)

Sie lassen oft Dinge aufeinanderprallen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Wie viel Mut gehört dazu, so frei zu assoziieren?

Mut nicht so sehr bei mir, sondern beim Zuschauer. Und der ist viel mutiger, als wir denken. Er hat eine Fernbedienung, damit teilt er die Welt in die Teile auf, an denen er sich ergötzt, die er schrecklich findet oder die er gar nicht zur Kenntnis nehmen will. Völlig egal, ob er Frauke Ludowig sieht oder Anne Will: Es ist möglich, gar nichts mehr anzufangen und gar nichts mehr zu beenden. Wie ich den Zuschauer verführe, damit er bei mir bleibt, ist schon sehr anspruchsvoll. „Unser Reigen“ lief leider sehr spät in der Nacht, aber vielleicht gehört er da auch hin.

Die Szene mit Schröder in der „Berliner Runde“ zeigt, dass Fernsehen dann am besten ist, wenn etwas passiert, das keiner erwartet. Wenn etwas hakt.

Das stimmt.

Ihr Freund und Weggefährte Heinrich Breloer hat in dem Dokudrama, das zu Ihrem Abschied gedreht wurde, gesagt: Fernsehen hat mit dem Leben zu tun.

Absolut. Mehr als jedes andere Medium. Sie sehen hier ja, wie groß man mittlerweile Fernsehen sehen kann, es kann aber auch klein sein, auf einem iPhone. Das Fernsehen ist so ein intimer Begleiter geworden. Als das erste Programm des NWDR produziert wurde, gab es visionäre Leute, die wussten, was sie da in der Hand haben. Besonders Adolf Grimme, der erste Direktor des Senders. Die Rede, mit der er das Programm eröffnet hat, ist so bestürzend aktuell - er redet von einer „Zauberschale“ ...

...„Das Schicksal der anderen wird künftig mitten in unserer eigenen Stube sein“, sagt Grimme.

Das ist so wunderbar. Sehr gut. Dann gab es auch noch den Postminister Schuberth, der sagte: Das Fernsehen ist wie eine Vase, es kommt darauf an, was man hineintut. Und sie wussten alle nicht, was das sein konnte. Meine Eltern haben erst sehr spät einen Fernseher gekauft. Ich war immer bei Freunden in einer Bremer Kleingartensiedlung, zu denen musste man am Torfkanal entlanggehen. Das war wie ein Weg ins Kino. Und dann saß man in dieser Baracke vor dem goldeingefassten Nordmendegerät. Wenn man rauskam, war tiefe Nacht, und es war kühler, und ich habe mit allen Gespenstern gerechnet. Das ist diese Verwandlung, diese Katharsis im klassischen Sinne, von der ich glaube, dass Millionen Menschen, wenn sie das Gerät anschalten, nicht wissen, dass sie sie suchen. Aber wenn sie sie erleben, sind sie glücklich.

Bei aller Liebe zum Fernsehen: Ihre Arbeit fußt auf einer Liebe zur Literatur, oder?

Ausgesprochen.

Und zum Kino.

Das am meisten.

Es ist ja nicht damit getan, die Kamera in die Gegenwart zu halten. Man muss ja Fragen im Kopf haben.

Nicht nur Fragen, auch Neugier. Wie lebt man besser? Wie überlebt man besser? Wie liebt man besser? Und wie liebt man möglichst lange? Sie werden das in all unseren Filmen beantwortet sehen. Auch die Reise ist eine zentrale Metapher für mich.

Als Sie das erste Mal in Amerika gedreht haben, erzählte der Schauspieler Dennis Hopper Ihnen: „Ich wollte wissen, wohin die Züge fahren.“

So ist es. Dennis Hopper habe ich wirklich bewundert. Als der mich hier in der Wohnung besucht hat, wollte der gar nicht mehr weg.

Sie wollten auch wissen, wohin die Züge fahren.

Ja. Ja. Nur nicht nach Berlin. Weil es heute so ein ahistorisches Medienereignis geworden ist.

Ich bin mit den Filmreihen im NDR großgeworden, Jack Arnold, Film noir, immer donnerstags abends. Wird es noch Platz für diese Art Filmschulen geben?

Es gibt mehr Nischen und auch Kanäle denn je, es muss aber auch jemanden geben, der etwas dazu sagen kann. Ich habe allerdings den Eindruck, dass der NDR-Intendant Lutz Marmor da sehr wach geworden ist. Ich bin über viele Entwicklungen überhaupt nicht besorgt.

Ihr Fernsehen, hat Heinrich Breloer gesagt, sollte ein suchendes Fernsehen sein.

Ja, deswegen sieht man in meinen Filmen immer Erzähler. Heinrich war einer davon, bei „Unterwegs zu den Manns“ habe ich es auch selbst mal getan.

Sie selbst haben enzyklopädische Materialsichtungen gemacht, vor allem über Popkultur, aber auch immer wieder über den Nationalsozialismus. Woher kam dieses starke historische Interesse?

Ich bin 1945 geboren. Wir hatten ein Milchgeschäft, meine Eltern mussten früh aufstehen, abends waren sie müde. Sehr spät war so etwas wie Konversation möglich. Mein Vater ist Parteimitglied gewesen, er hat deswegen auch noch im Knast gesessen. Es gab viele Geheimnisse in meiner Familie. Aber meine Mutter hatte lange stillgehalten. Bis zum Tag, als mein Vater starb. Er lag noch nicht im Sarg, da hat sie angefangen zu erzählen.

Das klingt wie eine Filmszene.

Ich möchte sie nicht noch mal erleben. Meine Mutter ist neunzig geworden. Ihren Geburtstag haben wir im Bremer „Parkhotel“ gefeiert, nur einer hat gefehlt, das war Udo Lindenberg. Der liebte meine Mutter heiß und innig. Zwei Wochen später war sie tot. Bei der Beerdigung hat er dann „Und über uns der Himmel“ gesungen. Udo ist ein wirklicher Volksheld. Trotz all der degoutanten Runden.

Tritt er deshalb in Ihrem „Liane“-Film als Hans Albers auf?

Das war wunderbar. Er ist auch ganz ohne Falsch, er ist authentisch, er ist der Beste.

Dem Authentischen sind Sie in Ihren Filmen auch auf der Spur gewesen.

Deswegen sind die ersten Einstellungen, die man dreht, immer die schönsten: Wenn man jemandem dabei zusieht, wie der zum ersten Mal im Leben zu etwas aufläuft, was seine Zukunft sein könnte: Jürgen Vogel mit sechzehn in „Reichshauptstadt privat“ zum Beispiel oder Martina Gedeck, bei der wusste ich sofort, als ich sie sah, was in ihr steckte. Das ist kostbar. Als würde man einem bestimmten, nicht so bevölkerten Teil des Himmels in die Kartei gucken dürfte.

Haben Sie heute eigentlich eine Lieblingssendung?

Ich bin ein bisschen kanalfixiert auf „Comedy Central“. „Closer“ finde ich großartig, mit dieser seltsamen, tierhaften Protagonistin, auch „CSI“ finde ich gut. Amerikanisches Fernsehen ist so avanciert, es lässt alles geschehen, was mal tabu war. David Lynch wirkt dagegen wie ein Verfasser von Kochrezepten.

Schauen Sie auch Serien auf DVD an?

Nicht so sehr, ich will es dann doch lieber da belassen, wo es jetzt ist. Bei den „Desperate Housewives“ war es für mich überwältigend, wie die ganze Topographie von Douglas Sirk noch einmal wiederkehrt. Manche „Tatorte“ erfreuen mich sehr. Und ich bin überrascht, wie die Qualität der Soaps angezogen hat: das Leuchten, die Kameras, auch die jungen Leute, die da spielen. Ich respektiere diese Kunst sehr. Aber wenn ich mir so etwas angucke wie Heidi Klum - das Interessanteste an dieser Sendung ist, wie nah man den Wünschen dieser jungen Mädchen kommt, das finde ich manchmal extrem berührend, aber ich kriege zu viel, wenn diese Mutter Oberin auftaucht.

„Germany's next Topmodel“ versucht doch auch, authentisches Fernsehen zu machen. Sind Sie entsetzt davon, wie demütigend Fernsehen sein kann?

Was ich ganz fürchterlich finde, sind Straßenbefragungen, wo dann die Uralten oder die Gehetzten gefragt werden, und keiner macht sich die Mühe, ihnen auch nur ein wahres Wort entlocken zu wollen. Ich kann auch bestimmte Moderatoren keine Sekunde lang sehen. Und wenn dann, wie im ZDF, „Raumschiff Enterprise“ die einzige Idee ist, die den Ausstattern noch einfällt, dieser ellenlange Bumerangtisch, und dann sitzt da Marietta Slomka, und man denkt: Ist die Lieutenant Uhura oder was? Sie ist eine Navigatorin, die ich nicht ernst nehmen kann. Auch in der ARD gibt es einige, die mir den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Aber es bedeutet nicht so viel. Die Zeit, in der es Glaubensbekenntnis war, ob man Sabine Christiansen gut fand oder Tom Buhrow, ist vorbei.

Ist das ein gutes Zeichen?

Ich glaube, dass die Öffentlich-Rechtlichen sich extrem am Riemen reißen müssen. So schwach, wie die privaten Sender im Moment sind, waren sie noch nie, aber so formatiert und kopierbereit waren auch die Öffentlich-Rechtlichen noch nie. Man muss dafür sorgen, dass die Menschen ihre Stimme nicht verlieren. Ich bin jedenfalls bester Hoffnung, was den Nachwuchs angeht. Mit diesen Leuten arbeite ich wahnsinnig gern zusammen.

Wer wäre so jemand in Ihrem Metier?

Da gibt es Eric Friedler, der mit „Aghet“ einen sensationellen Film über den türkischen Völkermord an den Armeniern gemacht hat. Ich war ja eine eigene Abteilung, die aber in den letzten Jahren sehr unter Druck geraten war. Doch der NDR hat bemerkt, wie Eric Friedler seine Arbeit in absoluter Klarheit auf meine Arbeit bezog. Und dass er sie jetzt fortsetzen wird, dazu hat sich die Spitze des Hauses erklärt. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Sollte das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht auch genau dafür da sein: Experimente zu fördern?

Ja. Ich wollte nichts machen, was irgend jemand anderer gekonnt hätte, sonst hätte ich es sofort delegiert. Das war so bis zum letzten Film über Birgit Breuel. Da wollte ich zeigen, dass hinter dem Bild einer bärbeißigen Abräumerin ein absolut empfindsamer, liebevoller Mensch steckt. Frau Breuel hatte Schnitthoheit, das hatte ich vorher nie jemandem konzediert. Aber sie hat das nicht wahrgenommen, es sei doch ein Kunstwerk.

Etwas verliebt zu sein in den Gegenstand der Recherche, haben Sie mal gesagt, gehöre dazu.

Absolut.

Aber ist das nicht hinderlich für einen Journalisten?

Liebe ist viel wichtiger als Hass und Kritik. Die Augen der Liebe erzählen einfach so unendlich viel, und sie erzählen auch anders. Ich finde, dass man dem allen Raum geben muss. Auch den „Denver Clan“, über den ich eine Dokumentation gedreht habe, habe ich geliebt. So sind ja auch die „Manns“ entstanden. Heinrich hört das nicht so gern, aber ich habe immer gesagt: die sind wie der „Denver Clan“.

Wer ist dann wer?

Es ist völlig klar, dass Blake Carrington Thomas Mann ist. Und Fallon ist Erika. Und Steven, der schwule Sohn, ist Klaus.

Arbeiten Sie im Moment an neuen Projekten?

Ich habe ein Stück geschrieben über das Studio 54 in New York. Ich mache die künstlerische Oberleitung, die Regie übernehmen Jan Bonny und Oliver Schwabe. Darüber hinaus wünscht sich der NDR, dass ich auf bestimmte Projekte des Hauses schaue.

„Es gehört euch, das Medium“, haben Sie einmal gesagt. Hat das jemals gestimmt?

Also, es hat ein bisschen gestimmt. Wir sind unterwegs gewesen, wir haben Signale gegeben. Ich bin immer davon ausgegangen, dass jeder Kapazitäten hat, ein Star zu sein. Wie in dem berühmten Satz von Ray Davies: „Everybody's in Showbiz. Everybody is a star.“

Interview Tobias Rüther

Quelle: F.A.S.
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