FAZ.NET-Frühkritik: Beckmann

Die RAF schaut mit

Von Nils Minkmar
12.04.2011
, 10:24
Beckmann und Julia Albrecht, Schwester der früheren RAF-Terroristin Susanne Albrecht, am Montagabend in der ARD
Frischer als jede Sondersendung: Bei Beckmann ging es nicht um die RAF im engeren Sinne, sondern um die Schneisen der Verwüstung, die ihre Taten im Leben der Hinterbliebenen zurück ließen.
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Die Veteranen der Roten Armee Fraktion werden sich wieder zum Fernsehen getroffen haben, gestern Abend. Im Vorfeld des Stuttgarter Verfahrens gegen Verena Becker kam heraus, dass die begnadigten oder regulär entlassenen RAFler wichtige Fernsehsendungen gemeinsam ansehen, sogar Reisen unternehmen, um in der Gruppe zu kommentieren, was gesagt wurde über die Zeit ihrer Jugend, in der sie Staatsfeind Nummer Eins, Zwei und so weiter waren.

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Die gestrige Beckmann-Sendung war insofern ein Pflichttermin, konzentrierte sie sich doch auf das Jahr, in dem die Sache am höchsten stand und kippte, 1977 und auf die Familien ihrer berühmtesten Opfer. Für manchen Ehemaligen dürfte es ein Schock zur späten Stunde gewesen sein, ähneln doch die heute erwachsenen Kinder von Ponto, Schleyer und Buback so sehr ihren von der RAF ermordeten Vätern - auch in der Überzeugungskraft vor der Kamera.

Die Täter sind bekannt

Aber es ging bei Beckmann nicht um die RAF im engeren Sinn, mehr um die Schneisen der Verwüstung, die ihre Taten im Leben der Hinterbliebenen zurück ließen. Damit waren auch die Angehörigen der Terroristen gemeint: Anlass der schon vor einigen Wochen aufgezeichneten Sendung war das Buch „Patentöchter“, in dem Corinna Ponto und Julia Albrecht ihre Korrespondenz veröffentlicht haben. Das Schicksal beider Frauen ist durch die Tat einer abwesenden Dritten verbunden: Es war Julias Schwester Susanne, die der RAF den Einlass zum Haus ihres Nennonkels Jürgen Ponto verschaffte, wo sie den damaligen Chef der Dresdner Bank erst entführen wollten, dann aber erschossen.

Dass es sich bei den beiden anderen Tätern um Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar handelte, wissen wir, weil die Tat eine Augenzeugin hatte: Corinna Pontos Mutter hat alles mit angesehen. Klar und Mohnhaupt sind in Freiheit, sie hätten es gestern sehen können. Verstanden hätten sie wohl nicht allzu viel von der Beziehung zwischen Julia Albrecht und Corinna Ponto, von der jahrzehntelangen Arbeit, die Souveränität über das durch den Terror fragmentierte Leben wieder zu erlangen, zu der im letzten Schritt auch die Fähigkeit gehört, sich mit anderen zu verständigen. Sowohl die Schwester von Susanne Albrecht als auch Corinna Ponto analysieren mit ebenso berührenden wie überzeugenden Worten die Gewalt, die nach der Gewalt kommt, die nämlich aus einem souverän gelebten Leben ein Schicksal macht und man plötzlich singuläre, neue Rollen aufgezwungen bekommt: Opfertochter, Terrorschwester.

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In ihrer Intensität und Klarheit können Corinna Ponto und Julia Albrecht durchaus ein Vorbild sein für andere, die sich vom Schicksal entmündigt sehen, auch ohne derart in die Geschichte zu geraten. Andererseits bleibt ihre Erfahrung ebenso einzigartig wie die Worte, die sie darüber finden. Es geht in ihrem Verhältnis nicht um einen naiven oder gar kitschigen Täter-Opfer Ausgleich: Beide sind Opfer der RAF, die sich in mühsamer Arbeit die Kraft, ihr Leben selbst zu deuten, wieder erworben haben.

Frischer als aktuelle Sondersendungen

Dass diese ebenso brisante wie bewegende Sendung wochenlang nicht gesendet wurde, ist ein Zeichen unserer Zeit. Es war ja immer was, in diesen Monaten, vom Zerfall des japanischen Kernkraftwerks bis zu dem von Guido Westerwelle.

Und doch wirkt so eine Sendung, die tief an die Wurzeln unseres bundesdeutschen Selbstverständnisses rührt, auf jeden Fall frischer als jede sogenannte aktuelle Sondersendung. Denn der Terror, der Krieg gegen ihn, ist längst Teil unserer politischen Identität. Der Mord an ihrem Vater, so referiert Corinna Ponto die gut gemeinte Äußerung eines Politikers ihr gegenüber, sei „der Beginn von Leibwächtern“ in Deutschland gewesen. Ponto hatte so etwas nicht, die Familie lebte abgerüstet und ohne Schutz - wobei bei einem als Besuch der Freundestochter verkleideten Attentat auch ein Leibwächter keine Chance hat. Heute geht kaum ein Landesminister ohne Personenschutz zur Toilette. Mit dem Terror, den Warnungen vor ihm, lassen sich die verrücktesten Gesetze machen, werden Weihnachtsmärkte zu Festungen und der Hindukusch wird unsere Außengrenze.

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Der Terror wirft, wie der passende Titel der Beckmannsendung lautete, immer noch einen Schatten über die Republik. Michael Buback griff das Bild auf und fragte den Regisseur Andres Veiel, ob es denn denkbar sei, dass die so sehr von Beziehungsproblemen geplagten deutschen Linksterroristen,diese kleine Gruppe, ganz allein so einen Schatten werfen können. Er griff Gedanken auf, die Corinna Pontos Mutter schon unmittelbar 1977 hatte, dass nämlich die Taten System hatten und ein System dahinterstand, nämlich die DDR und die Sowjetunion. Wenn man den Aufmarsch der ehemaligen RAFler im Stuttgarter Verfahren gegen Verena Becker beobachtet, scheint es in der Tat unglaubwürdig, dass jene traurigen Gestalten allein handelten.

Von My Lai bis zur RAF

Das Schweigen der Täter - Jörg Schleyer setzte es in eine Kontinuität schweigender Killer von der NS-Zeit über My Lai bis zur RAF - ist bedrückend und erwartbar. Ihm steht aber auch das Schweigen der Behörden gegenüber: Die bundesdeutschen Geheimdienste, insbesondere die Verfassungsschützer der Länder behalten ihre zahlreichen Kenntnisse über die Grauzonen ihrer Zusammenarbeit mit Terroristen für sich. Die Bundeskanzlerin hat des öfteren schon Hilfe bei der Aufklärung dieses für unsere politische Identität so wichtigen Komplexes versprochen, getan hat sie nichts. Die juristische Aufarbeitung hat versagt - die künstlerische, urteilte Corinna Ponto knapp, ebenso. Nun fordern die Kinder der 1977 ermordeten Männer eine unabhängige Historikerkommission, um den Komplex aufzuarbeiten. Doch sie müsste mit echter politischer und juristischer Macht versehen sein, angesichts der wilden Widerstände, die beispielsweise der Bundesinnenminister gegen eine Freigabe der Akte regelmäßig entwickelt.

Es wird aber so etwas geben. Es ist ein Thema, das heutige Politiker oder Journalisten manchmal nervt, das sie gern verschieben. Aber wer auch immer damit zutun hat,merkt sofort, wie präsent es noch bei den Bürgern ist, gerade auch in der süddeutschen Provinz, in der der Terror so oft zugeschlagen hat und aus der so viele Täter kamen. Unzählige Hinweise hat Michael Buback aus Karlsruhe und Umgebung bekommen, noch Jahrzehnte nach dem ungeklärten Mord an seinem Vater, dem Generalbundesanwalt stellen sich Menschen als Zeugen zur Verfügung. Die Bürger, die Angehörigen, die Zeitzeugen sind längst dabei, den Sommer 77 zu verarbeiten, doch ihre Mittel sind beschränkt.

Die von Hartz Vier lebenden Killer haben sich im Schweigen eingemauert, es ist ihre letzte Möglichkeit, Macht auszuüben. Der Staat müsste nun voran gehen, und seine Rolle in der damaligen Zeit offenbaren: die Kontakte des Verfassungsschutz, die Kooperation mit den westlichen, aber auch mit den östlichen Diensten, die Verbindungen in den Nahen Osten und die Abhörmaßnahmen. Er tut es nicht, weder im Bund noch in den Ländern, weder der Bundestagspräsident noch die Kanzlerin, keiner der sonst von keinem Mikro fernzuhaltenden Politprofis ergreift irgendeine Initiative zur Aufklärung der Geschichte der frühen Bundesrepublik.Was hält sie ab?

Quelle: FAZ.NET
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