Neuer „Polizeiruf“ aus München

Wie Störtebeker ohne Kopf

Von Michael Hanfeld
21.08.2011
, 17:12
Nur Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) weiß, was die Zeilen bedeuten, die eine Attentäterin hinterlässt
Der neue „Polizeiruf“ aus Bayern ist ein funkelndes Meisterwerk, ein Krimi, an dem alles stimmt. Nur dass der zweite Fall mit Matthias Brandt und Anna Maria Sturm verschoben wird, trübt das Vergnügen.
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Sein Name: Hanns von Meuffels. Sein Beruf: Kommissar. Sein Aufenthaltsort: deplaziert. Sein Gemütszustand: verwirrt. Es gibt keine Vorrede, nur Vexierspiele. Eine Frau in einem Bauernhaus, Blick von drinnen nach draußen, von draußen nach drinnen. Ein Eindringling mit einer großkalibrigen Waffe und ein Schuss. Mitten ins Gesicht, das Opfer unkenntlich machend. Hastiger Aufbruch der Polizei.

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Es tritt auf: der Kommissar (Matthias Brandt als distinguierter Herr). Die Kamera umschwirrt ihn, am Tatort herrscht Chaos, die Spurensicherung ist bei der Arbeit. Diana Vogt (Alma Leiberg als Wiedergeburt von Uschi Obermaier) ist ermordet worden, die Frau des beliebten Polizisten Gerry (Ronald Zehrfeld als Weiberheldkumpeldraufgänger). Auch der ist schon da und will natürlich selbst ermitteln. Ein Taxi fährt vor. Es steigt aus: Diana Vogt. Die Tote im Flur ist eine andere. Die Täterin, meint der hagestolze Ehemann Gerry, könnte eine seiner Verflossenen sein, „Cassandra“ sei ihr Name.

Das ist die Szene, mit welcher der neue „Polizeiruf 110“ des Bayerischen Rundfunks beginnt. Was folgt, ist nicht weniger verwirrend; verwirrend bis zum Schluss, an dem das vertrackteste Fernsehkrimirätsel gelöst wird, das wir seit Urzeiten gesehen haben. Die neunzig Minuten dazwischen sind ein atemloses Meisterwerk, eine reife Leistung des Regisseurs Dominik Graf und des Drehbuchautors Günter Schütter. Die beiden machen schon seit langem gemeinsame Sache, seit den frühen neunziger Jahren, seit sie zwei Folgen der Serie „Der Fahnder“ gestaltet haben und den Film „Die Sieger“. Sie sind ein eingespieltes Team, und nun spielen sie mit ihrem neuen Kommissar.

Anna (Anna Maria Sturm) beim Showdown, ihren Kollegen Ari (Samir Fuchs) hat es schon niedergestreckt.
Anna (Anna Maria Sturm) beim Showdown, ihren Kollegen Ari (Samir Fuchs) hat es schon niedergestreckt. Bild: Erika Hauri

Eine Abrechnung mit dem heutigen München

Dessen Charakter weist Cornelia Ackers, die zuständige Fernsehspielredakteurin des Bayerischen Rundfunks, als einen ganz besonderen aus, als unkonventionellen Konservativen, als jemanden, der „für eine Kurskorrektur in unserer Gesellschaft“ steht, „für ein ungeheuer brisantes Lebensgefühl“. Das ist vielleicht ein wenig hoch gegriffen, zunächst einmal sind die Umstände, unter denen dieser Kommissar von Meuffels antritt, brisant.

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Den Adligen aus dem Norden, gerade versetzt aus Bremen, lassen die Kollegen in München nämlich nach allen Regeln der Kunst auflaufen. Mit den Ritualen auf der Wache ist er nicht vertraut, das ändert sich erst nach einem derben Saufabend. Und was er von ihnen will, verstehen die meisten in seiner Truppe auch nicht. Mit „Esprit“ möge sie die weiterhin von der Attentäterin bedrohte Diana Vogt aushorchen, sagt der Kommissar einer Polizistin, die zur Bewachung abgestellt worden ist. Doch die versteht nur Bahnhof. Dass die Gedichtzeilen, die Cassandra der Polizei zukommen lässt, Zitate aus „Die Blumen des Bösen“ sind, erkennt außer von Meuffels auch keiner. Doch der kennt seinen Charles Baudelaire. Dabei hat der Bildungsermittler von seinem eigenen Adelsgeschlecht keine hohe Meinung. Es sei, bemerkt er nebenbei, „eher so eine Sippe, deren sinnentleertes Macht- und Pietätgehabe nach der Verarmung weitergelaufen ist wie Störtebeker ohne Kopf“.

Für solche Sentenzen hat das Drehbuch von Günter Schütter, bei all den Verwicklungen, mit denen es aufwartet, immer noch Platz. Und auch für Nebenfiguren, die man gern wiedersähe. Den Kriminaler McFly (Philipp Moog) zum Beispiel, der sich trotz aller Widerborstigkeit als verlässliche Stütze des Neuen erweist. Oder Ari Ben Kanaan (Samir Fuchs), der als Diana Vogts Bodyguard fungiert und den Schütter und Graf in die einzige etwas deplazierte Szene jagen, in der er sich mit seiner Schutzbefohlenen ein Rededuell über das Rollenverhalten von Frauen und Männern und die Feindschaft zwischen Israel und den Palästinensern liefert - Ari stammt aus dem Gazastreifen. Eine Abrechnung mit dem heutigen München („im Zeitalter der Babykacke“) gibt es obendrein, als Kommissar von Meuffels die pensionierte Kollegin Serrano (Doris Kunstmann) aufsucht („Serrano - wie der Schinken“), die den guten alten Zeiten nachtrauert, in denen es keine schicken Lofts gab, in denen „die darin Lebenden gar nicht merken, wie tot sie sind“, und noch fröhliche Schwulentrupps den Park bevölkerten und nicht urbane Erfolgsmenschen mit ihrem Nachwuchs.

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Gewohnte Zeit, am gewohnten Sendeplatz

Dieser „Polizeiruf“ platzt wirklich aus allen Nähten, es ist ein Film in Fülle, ein würdiger Auftakt für die Nachfolger von Michaela May und Edgar Selge, die lange für den Bayerischen Rundfunk unterwegs waren, und für den früh verstorbenen Jörg Hube und Stefanie Stappenbeck, die nur einen Auftritt hatten.

Dass es nicht nur einen Nachfolger, sondern auch eine Nachfolgerin gibt, fällt in dem Film „Cassandras Warnung“ allerdings fast unter den Tisch. Die Polizistin Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm als keckkluge Landpomeranze) taucht nämlich nur kurz zu Beginn und dann am Ende der Geschichte auf, als sie in die Lockvogelrolle der bedrohten Diana Vogt schlüpft. Bis dato hatte sich der Kommissar gegen den Gedanken gewehrt, eine Assistentin zu haben - Bewerberinnen gab es. Erst die junge Anna lässt von Meuffels auf den Beifahrersitz.

Man kann von diesem ersten neuen „Polizeiruf“ des Bayerischen Rundfunks mit Matthias Brandt und Anna Maria Sturm, die wie das gesamte Ensemble vortrefflich aufspielen, nicht reden, ohne den zweiten Fall zu erwähnen, die Episode „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Dieser Film sollte eigentlich in vier Wochen laufen, zu gewohnter Zeit, am gewohnten Sendeplatz. Doch weil die Jugendschutzbeauftragte des Senders Bedenken ob der dargestellten Gewalt hatte, entschied der Fernsehdirektor Gerhard Fuchs, das Stück auf einen späteren Sendeplatz zu verlegen. Der Film, der von einem Bombenattentat handelt, das ein islamistisch verblendeter Junge verübt, läuft nun an einem Freitagabend um 22 Uhr.

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Diese Verschiebung ist Unfug

Gegen den Jugendschutz lässt sich so leicht nicht argumentieren. Doch wer die Arbeit des Regisseurs Hans Steinbichler („Hierankl“) gesehen hat, wird die Entscheidung unverständlich finden. Dass dies kein Film sein kann, den Zwölfjährige sehen sollen, versteht sich von selbst. Doch das ist der Film von Dominik Graf auch nicht, Sendezeit hin oder her. Die erste Begründung der Jugendschützerin, den Film zu verschieben - neben der Gewalt fiel ihr auf, dass der Staat „hilflos“ erscheine -, klingt dubios. Und so muss man, gerade wenn man den vom BR zitierten öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsauftrag ernst nimmt, sagen: Diese Verschiebung ist Unfug. Nicht nur der Schauspieler Matthias Brandt und der Regisseur Hans Steinbichler verstehen sie nicht. Steinbichlers Hoffnung, dass sich daran eine fundierte Debatte über Sinn und Zweck des Jugendschutzes anschließe, ist schon verpufft. Zum Glück hat ihn der Bayerische Rundfunk beauftragt, auch beim dritten „Polizeiruf“ der neuen Ära Regie zu führen. Denn der zweite Fall ist - auf eine ganz eigene, andere Art (bei der man nur bedauert, dass die Nebenfiguren wegfallen) - genauso stark wie der erste von Dominik Graf.

„Lord Kacke“ nennt in „Cassandras Warnung“ der sich proletarisch gebärdende Polizist Vogt den neuen Kommissar. Dessen mit „Heinz-Rühmann-Fresse“ zur Schau gestellte Höflichkeit versetzt Vogts Frau in Rage. An von Meuffels' „brisantem Lebensgefühl“, das die Redakteurin Cornelia Ackers beschwört, muss wohl doch etwas dran sein. Es hilft ihm übrigens, seinen Job auszuhalten und seine Fälle zu lösen.

Polizeiruf 110. Cassandras Warnung läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hanfeld  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hanfeld
verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.
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