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Feuilleton-Glosse

Ehrenurkunde

EIN KOMMENTAR Von Edo Reents
 - 09:03

Die Sportlicheren unter uns wissen, dass es zu den Aufgaben eines Bundespräsidenten gehört, unter die Urkunde, die bei den Bundesjugendspielen für besondere Leistungen ausgehändigt wird und die deswegen „Ehrenurkunde“ heißt, seinen Kaiser Wilhelm zu setzen. Auch wenn der hier Unterzeichnende stets mit einer „Siegerurkunde“ vorliebnehmen musste, die aber immerhin noch die Unterschrift des niedersächsischen Kultusministers trug, so vermutet er, dass diese Unterschrift wohl nicht direkt durch die Hand des Staatsoberhaupts erfolgte, sondern vervielfältigt wurde. Aber von solchen, auf Dokumentenechtheit zielenden Zweifeln hätte sich ohnehin kein Ehrensieger die Freude trüben lassen; sie wären ihm kleinlich erschienen – so kleinlich wie die Überlegung, Christian Wulff den Ehrensold vorzuenthalten.

Zwar reichte seine sportliche Bilanz mit nur einem einzigen Bundesjugendspieljahrgang höchstens zu einer Siegerurkunde, aber auch für das Bundespräsidentenamt gilt: Dabei sein ist alles. Größere Rechnungen wie die, was denn die 199.000 Euro pro Jahr gegen all die Rettungsschirme seien, muss man gar nicht aufmachen. Der Staat ist es sich und Christian Wulff, der sonst wohl wirklich vor dem Nichts stünde, einfach schuldig, ihn auszuzahlen, gewissermaßen als Ehrenurkunde für jemanden, der die Latte für alle sichtbar gerissen hat. Das wäre der sportliche Aspekt. Der andere ist geistiger Natur und führt, wie so vieles in letzter Zeit, nach Hannover. Diese Stadt hatte Hermann Löns im Auge, als er im April 1908 sein Gedicht „Der Ehrensold“ schrieb.

Wir zitieren es, weil es künstlerisch nur für eine Siegerurkunde reicht, nur mit seinen ersten drei Strophen: „Ja in Hannover ist man nicht power / Da schätzt und ehrt man noch die Kunst / Da lohnt sogar sich schon die Lyrik / Der Dichter dichtet nicht umsunst. // Bist sechzig Jahr du dort geworden / Dann, Dichter, wird dein Schicksal hold / Die städtischen Kollegien spenden / Dir einen hohen Ehrensold. // In bar und nicht in Naturalien / Zum Beispiel Autos, ihn man zahlt / Wie andren Leuten; ist’s ein Wunder / Daß des Poeten Antlitz strahlt?“ Ahnte der Heidedichter, dass Wulffens Antlitz durch Bares wieder zum Strahlen gebracht werden könnte? Eine schöne, die ganze Affäre zumindest landsmannschaftlich abrundende Vorstellung. Sollte Wulffs Schwiegermutter, wie man nun hört, tatsächlich den vermaledeiten Sylt-Aufenthalt bezahlt haben, so wird sich von der Summe ja sicherlich etwas abzweigen lassen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.
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