Feuilletonglosse

Kosmokuratorik

EIN KOMMENTAR Von Dietmar Dath
21.12.2011
, 15:03
Wer sagt, dass das Leben, das wir auf fernen Exoplaneten suchen, dem unseren gleichen muss? Eine Anmerkung wider den DNA-Zentrismus.
ANZEIGE

Ob man auf fernen Himmelskörpern dereinst den (blauen?) Rasen mähen, den (sechsbeinigen?) Hund ausführen oder (in Quecksilber?) baden gehen wird, das sind hypothetische, vor allem: bloß abgeleitete Fragen. Das Hauptproblem der interstellaren Migration hat mit dem menschlichen Schönheitsempfinden zu tun: Was für eine Kunst wird man dort haben?

ANZEIGE

Lässt sich die Erdenschwere, der uns das Ästhetische enthebt, womöglich nur auf der Erde abstreifen? Die zwei jüngst mit Hilfe von Durchgangsschattenbeobachtungen entdeckten, auf den ersten Blick recht erdähnlichen Planeten wirken in vielerlei Hinsicht doch arg unirdisch: Sie laufen zu nah und zu schnell um ihren Stern, sie sind sehr heiß und gleichen eher dem Merkur als dem dritten Begleiter unserer Sonne. Könnten wir auf einem jener beiden leben? Wohl kaum. Könnte dort überhaupt etwas leben? Zweifellos. Denn dazu braucht es nichts als Zonen, in denen stoffwechselartige Homoöstasekämpfe ausgefochten werden und makromolekulare Replikatoren sich vermehren können.

Nicht nach unserem Bild

Leben muss nicht auf Kohlenstoffbasis gegründet sein wie hier. Es ließe sich auch eins aus anderen Atomen kochen. Schon die extremophilen Kreaturen unserer Heimat, von Alkaliseebewohnern über Geschöpfe, die in Säurequellen gedeihen oder in tiefen vulkanischen Schluchten großer Hitze widerstehen, bis hin zu Mikroben, die im Labor ionisierende Strahlung und Austrocknung wegstecken wie ein nervenstarker Würdenträger jeden Korruptionsverdacht, machen plausibel, dass es sich ganz anders leben lässt, als wir gewohnt sind.

Das Wissen über die Natur wird, wenn wir uns diese Plausibilität in Fleisch und Blut übergehen lassen wollen, zum Wissen übers menschengemachte Schöne aufschließen müssen: Als sich Künste in der Moderne ihre Arbeitsmittel (Töne, Farben, Wörter) zu Hauptgegenständen herrichteten, führte dies zunächst unter Bornierten zu dem Ausbruch: „Das ist doch keine Kunst!“ Was alles Kunst sein kann, hat man seither gelernt.

ANZEIGE

Die Begegnung mit Siliziumgiraffen, lichtatmenden Delphinen, brombeerbestickten Blüten von Doppelbettgröße oder flüsterndem Kupferfarn wird hiesigen Kohlenstoffchauvinisten und DNA-Zentristinnen einen verwandten Ausruf entlocken, der bislang, etwa bei Betrachtungen übers Elend in den Favelas oder die Peinlichkeiten des Medienalltags, stets nur metaphorisch gemeint war: „Das ist doch kein Leben!“ Was die Forschung uns hingegen zu denken lehrt, ist Toleranz als schlichte biologische Notwendigkeit.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE