Film der Woche

Blutsaugen ist menschlich: Film über die Dreharbeiten zu „Nosferatu“

Von Evelyn Schielke
20.06.2001
, 16:00
Ein echter Vampir? Max Schreck 1922 in „Nosferatu”
Mit „Shadow of the Vampire“ von E. Elias Merhig erlebt Murnaus Vampir-Klassiker „Nosferatu“ noch einmal eine Auferstehung.

Vampir-Horror-Streifen gibt es mittlerweile viele. Doch unübertroffen bleibt nach wie vor der erste Dracula-Film „Nosferatu“, von F.W. Murnau, dem Kultregisseur des deutschen expressionistischen Kinos, 1922 kunstvoll in Szene gesetzt. Eine ganz eigene Art von Hommage an diesen brillanten Film liefert jetzt Newcomer E. Elias Merhige mit seiner schwarzen Komödie „Shadow of the Vampire“.

Mit viel Sinn für Details und Atmosphäre rekonstruiert er das künstlerische Milieu der damaligen Zeit und entwickelt seine eigene Version, wie die Dreharbeiten zu dem bekannten Film abgelaufen sein könnten.

Originelle Idee

Die Idee des Drehbuches ist einfallsreich: Warum wirkt Hauptdarsteller Max Schreck so schrecklich natürlich als Vampir? Unweigerlich drängt sich der Verdacht auf, ob ihm seine vampireske Natur nicht im wahrsten Sinne des Wortes im eigenen Blute liegt. Zu authentisch spielt er den Vampir, läuft auch ausserhalb des Drehs immer in seinem Kostüm herum. Zumindest wirken einige der Darsteller schon nach wenigen Tagen seltsam blutentleert und auch die ersten Todesopfer lassen nicht lange auf sich warten. Regisseur Murnau, gespielt von John Malkovich, weiss offensichtlich um die wahre Identität seines Vorzeigesaugers. Jedoch: Der Regisseur schweigt und lässt seinen Hauptdarsteller sich im Interesse des Films voll ausleben - auf Kosten seines Teams.

John Malkovich als fanatischer Regisseur Murnau mit Willem Dafoe als waschechtem Vampir
John Malkovich als fanatischer Regisseur Murnau mit Willem Dafoe als waschechtem Vampir Bild: Fox

„Shadow of the Vampire“ ist damit auch eine Persiflage auf das Filmemachen an sich. Er deutet zumindest an, dass Vampire und besessene Regisseure manchmal doch artgleich zu sein scheinen: irgendwie verbissen in ihre Idee und ohne Rücksicht auf Verluste.

Brillante Schauspielleistung

John Malkovich spielt überzeugend den besessenen Regisseur, der gnadenlos seiner Vision zu folgen scheint und dafür auch über Leichen schreitet. Auch Willem Dafoe ist die Rolle des faszinierend morbiden Vampir-Verschnittes wie auf den Leib geschneidert. Mit Wonne klappert er mit seinen überdimensionalen Fingernägeln, verspeist Fledermäuse und schmatzt lustvoll angesichts des blutigen Festmenues.

Hommage statt Horror

Wer jedoch den echten Grusel sucht, der wird in diesem Film vielleicht die Gänsehaut erregende Spannung vermissen. Wer hingegen die schwarze Art von Humor mag und Vampire eigentlich auch ganz sympathisch findet, für den könnte der Film ein echtes Vergnügen werden. Für alle Liebhaber der Stummfilmzeit ist „Shadow of the Vampire“ ohnehin ein echtes Muss. Sehr kunstvoll und gekonnt wurden Zitate und ironische
Querverweise auf das Originalwerk von 1922 in den Film eingearbeitet, so dass sich der Film eher als Hommage denn als Horrorfilm erweist.

Quelle: @eves
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