Filmindustrie in der Krise

Hollywoods übelster Albtraum

Von Peter Körte
24.05.2020
, 13:01
Ber Betrieb steht still - das berühmte Tor der Paramount Studios an der Melrose Avenue in Hollywood.
Sichtbarkeit der Bildbeschreibung wechseln
Die Kinos sind geschlossen, alle Dreharbeiten unterbrochen, die Umsätze minimal: Amerikas Filmindustrie befindet sich in der schlimmsten Krise ihrer Geschichte.
ANZEIGE

Es ist gar nicht so schwer, sich Los Angeles im Lockdown vorzustellen. Bürgersteige ohne Menschen sind dort nichts Ungewöhnliches, weil man sich als autoloser Fußgänger sowieso nur verdächtig macht. Dass die Freeways, die Arterien der Stadt, durch die das Leben zirkuliert, leer sind, das kennt man aus postapokalyptischen Dramen. Und in Büchern und Filmen, das hat der Soziologe Mike Davis nachgezählt, ist Los Angeles in den letzten hundert Jahren rund 150 Mal untergegangen.

Das Umkehrbild der Desastermanie sind in Hollywood die Phantasien über das goldene Zeitalter. Mag die Netflix-Serie „Hollywood“ auch schon wieder langsam verwelken, die Welt, aus der sie erzählt, muss einem vorkommen wie das Paradies. Fast hundert Millionen Amerikaner gingen in den vierziger Jahren jede Woche ins Kino.

ANZEIGE

Vertreibung aus dem Paradies

In Hollywood regierte „die Genialität des Systems“ (André Bazin), und das Kino wurde zur Universalsprache, die man überall auf der Welt verstand, ohne lesen oder schreiben können zu müssen. Und wenn die kontrafaktische Geschichtsschreibung der Serie auch ziemlich unbeholfen und unwahrscheinlich bleibt, mit ihrer rückwärtsgewandten Utopie vom Sieg des Guten und Gerechten über Bigotterie, Rassismus und Homophobie, so spendet sie doch ein wenig Trost.

Denn wenn man sich das Box Office ansieht, die Kinoeinnahmen des vergangenen Wochenendes, stehen da gerade mal drei Titel, an der Spitze der Horrorfilm „The Wretched“, der in 21 Autokinos ein bisschen mehr als 90 000 Dollar eingespielt hat. Die Gesamteinnahmen im Mai betrugen bislang knapp 400 000 Dollar. Normal wäre im Mai, wenn die erste Stufe des Sommergeschäfts gezündet wird, eine Milliarde Dollar. Selbst in einem traditionell kargen Monat wie dem Februar waren es in diesem Jahr noch 638 Millionen Dollar.

ANZEIGE

Netflix ist auf Island aktiv

Aber nicht nur die Kinos sind geschlossen. Mehr als 100 000 Menschen in der Entertainmentindustrie haben ihren Job verloren, berichtete die „Los Angeles Times“. Aus den Studiogeländen sind Geisterstädte geworden. Gedreht wird nirgends. Während in Tschechien, Frankreich und Polen, unter strengen Auflagen, die ersten Dreharbeiten begonnen haben, ruht in Amerika der Betrieb. Nur Netflix ist bereits auf Island aktiv.

Bei Universal, war im „Hollywood Reporter“ zu lesen, entwickelt der Produzent Jason Blum, dessen Firma Blumhouse vor allem für preiswerte Horrorfilme bekannt ist, ein 6,5-Millionen-Projekt, das kleiner, schneller, leichter und ein Modell für schlankes Produzieren in den Zeiten von Corona sein soll. Doch auch ein solches Modell kann das grundsätzliche Problem nicht lösen: Wer soll einen Film versichern?

ANZEIGE

Manche Vertreter der Branche verlangen ein Bundesgesetz, das Versicherer verpflichten soll, auch Corona-bedingte Ansprüche in einem bestimmten Rahmen zu akzeptieren. Die großen Konzerne könnten sich zur Not selber absichern. Für Independents ist das unmöglich. Einen Bankkredit bekommt man nicht ohne „completion bonds“, eine Fertigstellungsgarantie; diese jedoch setzt eine Versicherung voraus.

Ein Produzent, der lieber ungenannt bleiben wollte, sagte dem „Hollywood Reporter“: „Kein Versicherer, der bei Verstand ist, wird zur Zeit eine Produktion gegen einen Covid-19-Fall versichern.“ Auch die Autoren, deren Streiks schon die Industrie lahmgelegt haben, geben sich zurückhaltend. Sie verhandeln seit kurzem in großen Zoomkonferenzen mit den Studios, um in der angespannten Auftragslage ihre Interessen zu wahren.

Auch im Chinese Theater am Hollywood Boulevard rührt sich nichts.
Auch im Chinese Theater am Hollywood Boulevard rührt sich nichts. Bild: dpa

Der Zeitpunkt der Pandemie könnte für die Industrie nicht schlechter sein. Kurz vor dem lukrativen Sommergeschäft, der großen Show der Blockbuster, wenn die Hoffnungen auf neue Rekorde blühen, befindet man sich in einer Situation, die Hollywood in seiner Geschichte noch nie erlebt hat. Statt Hoffnung herrscht tiefe Verunsicherung. Es stauen sich die ungezeigten Filme der letzten Wochen.

ANZEIGE

Neue Projekte sind eingefroren. Ein Manager wie Disney-Chef Bob Chapek, gerade ins Amt gekommen, steht nach der langen Erfolgsserie unter Druck. „Keine Vorhersagen“, erklärte er, nach den Projekten mit den Riesenbudgets befragt. „Für unsere Großproduktionen gilt dasselbe wie für unsere Themenparks.“ Disney hat die Dreharbeiten zu „The Last Duel“, dem neuen Film von Ridley Scott, unterbrochen, auch die zu gewinnträchtigen Familienfilmen wie „The Little Mermaid“, „Shrunk“ oder „Peter Pan & Wendy“. Zahlreiche Filme wurden bereits ins dritte oder vierte Quartal verschoben.

Den Anfang hatte der 25. Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ gemacht, der schon früh vom April in den November verlegt wurde. Auch auf „Black Widow“, ,„Top Gun: Maverick“ und „Wonder Woman 1984“ wird man eine Weile warten müssen. Und es ist klar, dass trotz Lockdowns Video-on-Demand keine Option ist. Bei zwei Filmen wird man es im Juni dennoch tun: Judd Apatows „The King of Staten Island“ und Kenneth Branaghs „Artemis Fowl“.

Alle hoffen auf Nolans „Tenet“

Zugleich ist für den 1. Juli ein Kino-Testlauf mit dem Psychothriller „Unhinged – Außer Kontrolle“ geplant. Die Schubwirkung des Fourth of July Weekends soll für einen starken Neustart sorgen. Ob Russell Crowe als Stalker das Potential dazu hat, ist die eine Frage. Ob genügend Kinos da sein werden, die andere.

ANZEIGE

Zwei Wochen nach „Unhinged“ soll es dann zur Nagelprobe kommen, mit Christopher Nolans „Tenet“, einem Science Fiction-Thriller mit John David Washington, Robert Pattinson, Michael Caine and Kenneth Branagh. Nolan hat es in den vergangenen Jahren mit seinen Filmen immer wieder geschafft, viel Geld zu verdienen und bei der Kritik beliebt zu sein. Für die Kinos, so das Branchenblatt „Variety“, sei der Satz „Wartet nur auf ,Tenet‘!“ zum „Mantra“ geworden.

Ob „Tenet“ der „Funken“ sein wird, der das Geschäft wieder „entzündet“, hängt allerdings davon ab, dass mindestens 80 Prozent aller Kinos (auf der ganzen Welt) wieder geöffnet sein werden. Andernfalls wäre ein solcher Blockbuster, der 200 Millionen Dollar gekostet hat, nicht in die Gewinnzone zu bringen.

Fatale Kettenreaktion

Scheitert „Tenet“, wäre eine fatale Kettenreaktion die Folge. Andere Hoffungsträger wie Disneys „Mulan“ würden mit Sicherheit verschoben werden, der Zeitplan würde kollabieren. Wie genau der „Funke“ überspringen soll, ist auch schwer zu erkennen, weil das absehbare Festhalten am Social Distancing eine Reduzierung der Sitzplätze im Kinosaal verlangt, was automatisch dazu führen wird, dass nicht genügend Tickets verkauft werden können.

ANZEIGE

Selbst wenn sich mangels Konkurrenz durch andere Filme die Zahl der Kinos für „Tenet“ erhöhen ließe, ist nicht sicher, wie das Publikum reagieren wird: Ob es ausgehungert in die Multiplexe strömt, oder ob die Mehrheit lieber zuhause bleibt. Die Erfahrungen mit der Wiedereröffnung der Kinos in China sind kein Anlass zu Optimismus. „Für eine Industrie, die ohnehin mit ständiger Ungewissheit arbeitet, ist Covid-19 eine komplizierte, womöglich unlösbare Gleichung mit Unbekannten“, schrieb die „Los Angeles Times“. Und schloss die düstere Prognose an, dass Kinos wohl zu den letzten Sektoren gehören würden, in denen der Normalbetrieb einsetzen könne.

Unlösbare Gleichung

Die Pandemie trifft das ganze Filmbusiness zudem in einer schon länger andauernden Phase des Umbruchs und der Krisenängste. Die Zuschauerzahlen gehen zurück, die Streamingportale waren schon vor Corona auf dem Vormarsch, die Zukunft ist eher grau. Ein kinofreier Sommer wäre da „Hollywoods schlimmster Albtraum“ („The Atlantic Monthly“). Dass die wirtschaftliche Entwicklung nach einem V-Szenario erfolgt, also einem dramatischen Einbruch, auf den eine rasche Erholung folgt, dafür spricht momentan nicht allzu viel.

Aber in Kalifornien, vor allem in Hollywood hat man schon immer ein sehr eigenes Verhältnis zu Katastrophen gehabt. Das Schwanken zwischen notorischer Selbstüberschätzung und der Stilisierung des eigenen Untergangs zur Apokalypse erzeugt eine besondere mentale Verfassung.

Sie erklärt auch, warum in amerikanischen Medien so ausgiebig über die Serie „Hollywood“ diskutiert wurde. Denn in der Filmindustrie weiß jeder, dass nach dem goldenen Zeitalter bereits in den späten vierziger Jahren, wenn die Serie mit ihrem fiktiven Happy End aufhört, der große Absturz einsetzte. Die Zuschauerzahlen sanken um mehr als fünfzig Prozent, das Fernsehen kam an die Macht, und als die fünfziger Jahre zu Ende gingen, war das Studiosystem nicht mehr wiederzuerkennen. Bislang allerdings hat Hollywod noch all seine Untergänge und Untergangsphantasien überlebt.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
ANZEIGE