Neues Reisefieber

Bonusmeilen

EIN KOMMENTAR Von Jan Wiele
25.01.2022
, 06:07
Einmal die Augen schließen, und schon sitzt man in der Chicagoer Hochbahn
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Reisen ist so ungewohnt geworden, dass man schon zweifelt, ob es sich überhaupt lohnt. Aber dann gehen die Lampen an, als hätte ein Kind an einem Trafo gedreht, und eine Stimme raunt ein obszönes Wort.
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So entwöhnt ist man vom Reisen, dass schon die Frage aufkommt: Lohnt es sich denn, dafür neun Stunden lang in eine Tüte zu at­men? Und die über Tage sich hinziehenden amerikanischen Visaquerelen, die glauben machen, man bewerbe sich um eine Greencard fürs Leben, dabei geht es ja bloß um eine Bordkarte: Sind sie es wert, dafür mitten in der Nacht aufzustehen und auf einem kalten, zugigen Bahnsteig zu warten?

Aber dann am Flughafen der Geldautomat mit Wackelkontakt, verrückt flimmernd. Die riesige Dreamliner-Boeing draußen im Schneeregen, die eben noch leblos dort stand, in der plötzlich das Licht angeht und die lange Reihe der Lukenfenster gelb erleuchtet, als hätte ein Kind seinen Märklin-Trafo aufgedreht. Aber dann die Frau, die einen Koffer schiebt, fast so groß wie sie selbst. Die Familie in Jogginghosen und Gummilatschen, die so auf einen Langstreckenflug geht, Karl Lagerfelds Albtraum oder doch die Weisen des Reisens?

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Der Mann in Uniform auf dem kleinen Klappfahrrad, der Dokumente von einem Flugsteig zum anderen bringt wie ein Postbote. Der blinkende Laster der „Sky Chefs“, der über das dunkle Rollfeld flitzt, sie brauchen noch Brötchen über dem Atlantik, fast schon grotesk emsig, als wäre das alles hier „accidentally Wes Anderson“, wie jüngst ein von dessen Filmen inspirierter Bildband versprach, eine zur Wirklichkeit gewordene Märchenkulisse.

Auch die Lauf­bänder werden jetzt immer schneller, und während man auf ihnen dahingleitet, verschwinden mit jedem Schritt jene Stimmen in weitere Ferne, die jahrelang „Flugscham“ gerufen haben, und es schwellen Stimmen an, die ein an­deres Wort flüstern, immer deut­licher: „Bonusmeilen“, bald ist es ein obszönes Raunen, „Bonusmeilen, beginn jetzt zu sammeln!“, und draußen die rosarote Dämmerung ist schon die über Neufundland, und die Gummibrötchen werden duftende Bagels, und der Kaffeebecher hat die Größe eines Maßkruges, und die zwischen den Terminals pendelnde Hochbahn ist plötzlich die Hochbahn im Chicago Loop, quietschend und ratternd in den Kurven, und dann aus dem Dunst hervortretend die Skyline vor dem Michigansee – dabei sind das doch immer noch die Lichter von Frankfurt-Niederrad, die da leuchten, es ist fünf Uhr morgens, bewegt hat sich noch gar nichts, und auf dem Bahnsteig ist es kalt und still.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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