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Akademischer Mittelbau

Flexible Dienstleister der Wissenschaft

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Die neue Bundesregierung hat angekündigt, befristete Arbeitsverträge zu begrenzen. Die Universitäten sollen dabei ausgespart werden, obwohl dort mit rund 85 Prozent ein Ausmaß an Befristungen erreicht ist, das weit jenseits dessen liegt, was in der freien Wirtschaft und im restlichen öffentlichen Dienst praktiziert wird.

Das Verhältnis zwischen befristeten und unbefristeten Positionen sowie zwischen abhängigen Mitarbeiterstellen und unabhängigen Professuren hat sich an den Universitäten seit Jahrzehnten kontinuierlich verschlechtert. Die Chancen für das stets wachsende qualifizierte Personal, eine Professur zu erreichen, schrumpfen laufend. Auch im Mitarbeiterbereich ist es immer schwieriger geworden, einen festen Vertrag zu erhalten, obwohl niemand die wissenschaftlichen Einrichtungen daran hindert, mehr Festanstellungen zu vergeben. Die großzügigen rechtlichen Möglichkeiten, die der Gesetzgeber in Gestalt eines Sonderarbeitsrechts für Befristungen in der Wissenschaft geschaffen hat, befördern diese Praxis ebenso wie die chronische Unterfinanzierung der Universitäten durch die Länder. In den wissenschaftlichen Einrichtungen gibt es heute eine tief verankerte Aversion gegenüber unbefristeten Verträgen.

Die Schere zwischen Professuren und Mitarbeiterstellen hat sich seit Mitte der achtziger Jahre immer weiter geöffnet. Gleichzeitig ist der Befristungsanteil unter den Nichtprofessoren kontinuierlich gestiegen. Bereits 1995 waren 78 Prozent der akademischem Mitarbeiter befristet beschäftigt, 2005 waren es 79,4 Prozent und 2015 schließlich 85,3 Prozent – gegenüber sieben Prozent in der freien Wirtschaft. 1985 hatte die Regierung Kohl das Hochschulrahmengesetz erstmals um Regelungen für Befristungen in der Wissenschaft ergänzt. Seitdem hat der Bundestag die Möglichkeiten der Befristung immer weiter ausgedehnt, dann mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz 2007 für den sogenannten wissenschaftlichen „Nachwuchs“ sogar jeglichen Begründungszwang abgeschafft und den Arbeitgebern eine präzedenzlose Rechtssicherheit für Befristungen verschafft.

Die wissenschaftlichen Einrichtungen nutzten diese Spielräume weidlich aus. Oder anders formuliert: Sie befristen nicht, weil sie es müssen, sondern weil sie es können. Das Risiko liegt bei den Beschäftigten. Ist der persönliche Befristungsrahmen von zwölf Jahren ausgeschöpft, werden die Möglichkeiten für weitere Anstellungen in der Wissenschaft immer schwieriger, da kaum ein Arbeitgeber tut, was der Gesetzgeber eigentlich erreichen wollte: nämlich nach Ende der zwölf Jahre einen festen Vertrag zu vergeben.

Seitdem sind immer mehr qualifizierte Anwärter auf der Suche nach immer weniger festen Positionen. Das zusätzliche wissenschaftliche Personal, das die Universitäten seit 2005 auch mit Hilfe von Bundesmitteln in Milliardenhöhe aus Exzellenzinitiative und Hochschulpakten anstellten, war sämtlich befristet beschäftigt. Zwischen 2005 und 2015 stieg die Zahl der befristet beschäftigten akademischen Mitarbeiter um 59,2 Prozent (von 91 046 auf 144 928). Die Zahl der unbefristet beschäftigten Professoren dagegen im selben Zeitraum nur um 17,7 Prozent (von 18 649 auf 21 153). Sie lag damit 2015 sogar hinter dem Wert von 1995, als es noch 21 860 unbefristet besetzte Professuren gegeben hatte. Seit 2005 stand einem Plus von 2504 unbefristet besetzten Professuren damit ein Zuwachs von 53 882 befristet beschäftigten Wissenschaftlern im akademischen Mittelbau gegenüber, wo der Anteil der unbefristet Beschäftigten mit 14,7 Prozent auf einen historischen Tiefstand abstürzte.

Auch wenn es aufgrund der Datenlage in der Hochschulstatistik nicht möglich ist, die Zahl der Promovierenden unter den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu bestimmen, ist es sicher, dass der Anstieg der befristeten Arbeitsverhältnisse nicht auf den Bereich der Doktoranden beschränkt war. Außerdem kann er nicht einfach auf die (befristeten) Drittmittel in den Finanzierungsstrukturen zurückgeführt werden, worauf sich die Universitäten stets berufen. Auch in der Grundfinanzierung nahm der Anteil befristeter Beschäftigungen zu. Von den wissenschaftlichen Mitarbeitern und akademischen Räten und Oberräten waren in der Grundfinanzierung der Hochschulen 2005 bereits 67,8 Prozent befristet angestellt. Bis 2015 stieg der Anteil auf 74,9 Prozent. Solange der Gesetzgeber untätig bleibt, dürfte sich an dieser Praxis wenig ändern, denn die Kultur der Befristung ist tief in den Organisationen verankert. Eine Erhöhung der Grundfinanzierung lässt kaum Änderungen erwarten, wie das Hochschulbarometer jüngst zeigte. Die befragten Leitungsorgane halten allenfalls eine Senkung des Befristungsanteils um 5,5 Prozent für wünschenswert.

Die Politik beugt sich der Lobbymacht

Da die Regelungen des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes noch von der Regierung Schröder auf den Weg gebracht und dann von der ersten Großen Koalition unter Angela Merkel verabschiedet wurden, ist es kaum überraschend, dass die künftige Koalition die Wissenschaft von einer Begrenzung der Befristungen ausnehmen möchte. Schon bei der Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes war davon keine Rede. Die Lobby der Wissenschaftsorganisationen, die Änderungen im Befristungsrecht zugunsten ihres eigenen wissenschaftlichen Personal geschlossen abwehrt, scheint die Abgeordneten aller Parteien gut im Griff zu haben – ungeachtet der politischen Machtverhältnisse, haben zwischen 2004 und 2014 bis auf das kleine Saarland alle Bundesländer den Befristungsanteil an ihren Hochschulen erhöht.

Unter Wissenschaftsfunktionären und Personalverantwortlichen scheint es kaum eine beängstigendere Vorstellung zu geben, als das hochqualifizierte Forschungs- und Lehrpersonal auf Dauer beschäftigen zu müssen. Außerdem haben sich Hochschulen und Außeruniversitäre dem Leitprinzip der Flexibilität verschrieben. Feste Mitarbeiter, das bedeutet für sie Verfestigung, Verkrustung, intellektuelle Stagnation und mangelnden Leistungswillen. Nur wer als Organisation flexibel und dynamisch auf neue wissenschaftliche Entwicklungen reagieren kann und über möglichst große personelle Spielräume verfügt, gilt als hinreichend innovations- und wettbewerbsfähig. Nur die Besten sollen sich durchsetzen, nur die Leistungsfähigen belohnt werden.

So verstärkt die gegenwärtige politische Ökonomie der Wissenschaft eine Spielart des Kapitalismus, in der sich politisches und ökonomisches Kapital in den Händen weniger konzentrieren. Die Mehrheit des wissenschaftlichen Personals hat keine Lobby und ist politisch allenfalls randständig repräsentiert. Mächtige korporative Akteure wie die Hochschulrektorenkonferenz und die Allianz der Forschungseinrichtungen vertreten strategische Organisationsinteressen wohl noch mehr als die Interessen der breiten Professorenschaft. Der Wettbewerb gilt den wissenschaftspolitisch Verantwortlichen seit der Jahrtausendwende als überlegender Steuerungsmechanismus, der eine effiziente Verteilung der Ressourcen auf die Besten und Leistungsfähigen verspricht. Dieses System belohnt diejenigen, die in den Antragsgremien und Gutachterkreisen sitzen und die meisten Drittmittel einwerben.

Der institutionalisierte Wettbewerb und die extrinsische Form der Motivation durch finanzielle Leistungsanreize und soziale Unsicherheit lässt wenig Platz für Solidarität und erstickt jene Freiräume des Denkens, die für die Wissenschaft überlebenswichtig sind. Ein kleiner Teil der Professorenschaft kann sich aus dem zeitraubenden Tagesgeschäft der Massenuniversität, in der immer mehr Studenten betreut werden müssen, in die Exzellenzforschung freikaufen. Der große Rest arbeitet an den Grenzen der Belastbarkeit und kann von eigener Forschungszeit nur träumen. Das befristete wissenschaftliche Personal ist weitgehend auf sich selbst konzentriert, verhält sich unauffällig, hofft auf die nächste Vertragsverlängerung und auf Vorteile gegenüber der Konkurrenz – ein opportunistisches, aber letztlich vollkommen rationales Verhalten, das systemisch angelegt und politisch gewollt ist.

Die Exzellenzstrategie soll jetzt längerfristige Perspektiven eröffnen und der Hochschulpakt verstetigt werden. Der Nachwuchspakt des Bundes soll Reformen in der Personalstruktur anstoßen und immerhin tausend zusätzliche Dauerprofessuren schaffen, die nach dem Tenure-Track-Prinzip vergeben werden. Das mag hoffnungsvoll stimmen. Doch die Personalstrukturen hängen nicht allein am Geld, und das Tenure-Track-Programm ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, wie Reinhard Jahn und Florian Meinel jüngst in dieser Zeitung deutlich gemacht haben. Ein Wandel der Personalstrukturen und vor allem der Vertragspraxis setzt einen weitreichenden Kulturwandel voraus. Es gibt jedoch wenig Anzeichen dafür, dass die Universitäten wirklich von der bisherigen Befristungpraxis abrücken wollen. Um zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen befristeten und unbefristeten Stellen zu kommen, reichen Anreizprogramme und Absichtsbekundungen nicht aus. Der Bundestag hat die ausufernde Befristungspraxis durch seine Gesetzgebung erst ermöglicht. Jetzt liegt der Ball im Feld der neuen Regierungskoalition.

Autoren: Ariane Leendertz (Zeithistorikerin, Forschungsgruppenleiterin, Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln), Anette Schlimm (Historikerin, Akademische Rätin, LMU München), Eva-Maria Troelenberg (Professorin für Kunstgeschichte, Universität Utrecht), Martin Seeliger (Soziologe, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Flensburg), Matthias Goldmann (Jurist, Juniorprofessor, Goethe-Universität Frankfurt), Thomas Etzemüller (Professor für Kulturgeschichte der Moderne, Universität Oldenburg), Martin Höpner (Politikwissenschaftler, Forschungsgruppenleiter, MPI für Gesellschaftsforschung und apl. Professor, Universität zu Köln

Quelle: F.A.Z.
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