Der Klimaforscher Schellnhuber im Gespräch

Die Weltkarte des Klimaschutzes hat sich verändert

11.12.2011
, 17:00
Europa und Afrika haben auf dem Klimagipfel in Durban eine wegweisende Allianz geschmiedet: Ein politisches „Subuniversum“, das unseren Planeten retten könnte.

Sie haben Durban hautnah erlebt, haben Sie auch die letzte Nacht, als Sie wieder in Potsdam waren, noch mitgefiebert und auf ein konkretes Ergebnis gehofft?

Ja, ich habe die ganze Nacht die Verhandlungen verfolgt, im Livestream und am Telefon. Es war tatsächlich eine spannendere Konferenz als erwartet. Der Ablauf jedenfalls, weniger das Ergebnis.

War es im Ergebnis das, was Sie erwartet hatten?

Leider hat sich bestätigt, dass das Endspiel zum Klimaschutz erst um 2015 herum kommt. Ich habe mir vorher aber auch ein Szenario vorstellen können, dass die Konferenz komplett scheitert. Dass dies nur knapp abgewendet wurde, zeigt sich daran, um wie viele Stunden in Durban länger verhandelt wurde als geplant. Nun hat man zumindest wieder einen neuen Fahrplan aufgelegt.

Was hat den Ausschlag gegeben?

Viele Teilnehmer haben eine neue Rolle gespielt. Die bislang stets behauptete Einheitsfront der Schwellen- und Entwicklungsländer ist quasi zusammengebrochen. China spricht nicht mehr für die armen Länder, stattdessen haben diese sich mit Europa zusammen getan. Die Welt sortiert sich neu in Umwelt- und Nachhaltigkeitsfragen, es gibt da vielleicht eine neue Ehrlichkeit.

Das heisst, die Nord-Süd-Teilung gibt es nicht mehr?

Nicht in den Klimagesprächen. Die Welt ist jetzt gleichsam quer geschnitten. Es gibt jetzt die langfristig und verantwortungsvoll denkenden Länder versus diejenigen, die immer noch ihre kurzfristigen nationalen Interessen voranstellen und das Weiter-so vorziehen, sei es aus einer Position des Superkonsums heraus wie die Vereinigten Staaten oder aus einem postkolonialen Lamento heraus wie leider Indien. Die Position Chinas ist, auch wenn derzeit viele von Peking enttäuscht sind, noch nicht festgelegt. Das Land hat das Potenzial, zu einem Hoffnungsträger der internationalen Klimapolitik zu werden, weil es im Inneren durchaus einiges anpackt - etwa den allmählichen Aufbau eines Emissionshandelssystem.

Sie meinen, die Weltkarte des Klimaschutzes hat sich verändert?

Ja, es hat sich ganz klar eine Allianz Europa/Afrika herausgebildet. Damit hat man ein Segment der Welt vom nördlichen Polarkreis bis zur Antarktis, in dem man alles vorhanden ist, was man für den Umbau braucht. Das ist ein neues Subuniversum, das für sich allein die neue Version des Wirtschaftens hervorbringen kann. Afrika ist wichtig, weil dort die Bevölkerungsexplosion stattfindet, nicht mehr in Asien. Und dann gibt es jetzt Verbündete wie Australien und einige lateinamerikanische Länder. Südafrika hat mir besonders imponiert. Meine Gespräche mit Präsident Jacob Zuma haben gezeigt, dass man Südafrika extrem offen ist, gerade auch für die Wissenschaft. Es hat ein Drittel der Weltreserven praktisch aller wichtigen Mineralien, ist also potentiell eines der reichsten Länder der Welt.

Und die Europäer haben das forciert?

Wenn es die Europäer nicht gäbe, würde sich niemand mehr um die Klimaverhandlungen kümmern. Der Wendepunkt in der Konferenz war, als die Europäer unfreundlich wurden. Als sie deutlich gemacht haben, dass das nicht ausreicht, was auf dem Verhandlungstisch lag. Da hat sich die zahlenmäßige Mehrheit der Länder dahintergestellt, im Gegensatz zu den Großmächten USA und China.

Nach Kopenhagen und vor Durban gab es diesen absoluten Vertrauensverlust. Ist das Vertrauen nun wiederhergestellt?

Zum Teil. Jetzt gibt es wieder Hoffnung - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Kopenhagen war deshalb eine unglaubliche Enttäuschung, weil man diejenigen, die sich am verantwortungsvollsten angeboten haben, die Europäer, gnadenlos düpierte. Viele Länder haben da erlebt, dass ihr bester Anwalt vom Prozess quasi ausgeschlossen wurde. Was für Chancen, fragten sie danach, haben wir ohne diesen Anwalt noch für ein gerechtes Urteil? Europa hat sich in Durban fulminant zurückgemeldet auf der Weltbühne. Connie Hedegaard , die normalerweise sehr konziliante EU-Klimakomissarin, hat unglaublich gekämpft.

Ein diplomatischer Fortschritt, aber ist der Konflikt nicht geblieben?

Es gab auch Länder wie Indien, die in die alte Politik wieder zurückgefallen sind. Aber es entstehen neue Bündnisse, die über die nächsten Monate und Jahre hinaus halten sollten. Die afrikanischen Staaten sind umgeschwenkt in die Philosophie der Europäer.

Ist Durban also eine Art Neustart?

Es ist ein neuer Ton; der Respekt ist zurück. Man könnte zwei Schlagzeilen formulieren: ,Durchbruch zum Weltklimavertrag' - oder, das wäre die negative Schlagzeile, ,Lizenz zum Nichtstun für ein weiteres Jahrzehnt'. Beides ist richtig. Es ist zumindest eine gemeinsame Plattform für einen neuen Klimavertrag geschaffen worden. Aber der Pferdefuss ist doppelt: Es bleibt unklar, was in dem Klimavertrag quantitativ festgelegt wird; es könnte sein, dass der Vertrag so gestaltet wird, dass ihm jeder für einen Apfel und ein Ei beitreten kann, also ohne wirklich eine substanzielle Verringerung des Ausstoßes an Treibhausgasen. Und zweitens ist 2020 als Zieljahr zu spät. Der Zug mag sich 2020 wirklich in Bewegung setzen, aber das Ziel existiert dann vielleicht nicht mehr. Das Ziel heißt: Die globale Erwärmung begrenzen auf maximale zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau. Man könnte ironisch sagen: Es fährt ein Zug nach nirgendwo.

Sind wir einer Stabilisierung des Klimas damit überhaupt näher gekommen?

Das glaube ich nicht. Der Klimavertrag wird als Forum zum reden bleiben, aber der Klimazug setzt sich definitiv zu langsam in Bewegung. Meine Hoffnung ist, dass sich gleichzeitig der Energiezug viel schneller in Bewegung setzt, also der Ausbau der erneuerbaren Energien und die Fortschritte in der Energieeffizienz. Die Stabilisierung könnte am Ende nicht durch einen Weltklimavertrag, sondern durch die Transformation der Industriegesellschaft erfolgen. Es gibt schon viele Initiativen in den Ländern, auch in Südafrika, das momentan noch null erneuerbare Energien hat. Es könnte sein, dass die Revolution praktisch am Rande der Klimagespräche geschieht. Länder wie Indien werden dann sehen, dass es machbar ist. Hierfür müssen sich Koalitionen der Willigen bilden, die schon mal vorangehen, während die anderen noch auf ihre Zehenspitzen starren.

Sind wir der von Wissenschaftlern geforderten Zwei-Grad-Marke nun auch nur ein kleines Stück näher gekommen?

Das Zwei-Grad-Ziel kann wissenschaftlich untermauert werden, aber gefordert wird es von den Staaten der Welt. Sie haben es sich selbst als Ziel gesetzt. Es gab vor kurzem eine zweifelhafte Veröffentlichung über die Klimasensitivität, deren Hauptaussage war, das Klima reagiere möglicherweise gar nicht so empfindlich auf die Treibhausgasemissionen. Darüber würde ich mich sehr freuen, aber ich bin noch skeptisch, ob das Ergebnis trägt. Wenn wir von einer realistischen Klimasensitivität ausgehen, nämlich einer globalen Erwärmung von zweieinhalb bis drei Grad bei einer Verdoppelung des Kohlendioxidgehaltes, so werden wir nur dann eine anständige Chance haben, die Zwei-Grad-Linie zu halten, wenn vor 2020 der Gipfelpunkt der Emissionen erreicht wird.

Das ist doch völlig unrealistisch.

Wenn erst 2020 oder später der Weltklimavertrag in Gang kommt, kann die Kurve sicher nicht mehr rechtzeitig nach unten gebogen werden. Es muss also in der Zwischenzeit etwas anderes geschehen, wie etwa durch erneuerbare Energien. Allein in der Russischen Föderation könnte man ungeheuer große Mengen an Treibhausgasen sparen durch simpelste Energiesparmaßnahmen. Wenn wir dem jetzigen Fahrplan folgen, wird der Scheitelpunkt der Emissionen eher 2030 kommen. Dennoch zählt natürlich auch jenseits dieser Linie noch jedes Grad, ja Zehntelgrad. Drei Grad Erwärmung sind gefährlicher als zwei, aber vier Grad sind noch brisanter. Das Problem ist, dass die Folgen der Erwärmung nicht linear mehr werden, sondern sprunghaft. Irgendwann erreichen wir Kipp-Punkte, und das Klimasystem ändert sich drastisch.

Wer soll eigentlich einem Prozess trauen, in dem es keine Möglichkeit von Sanktionen für Staaten gibt, die ihre Verpflichtungen nicht einhalten?

Die Vereinten Nationen schreiben das Drehbuch für einen gemeinsamen Traum, umgesetzt werden muss der dann von den Staaten selbst. Wir müssen darauf setzen, dass die Akteure sich ihrer Verantwortung bewusst werden.

Die Fragen stellte Joachim Müller-Jung.

Ein Wissenschaftler, der am großen Rad der Weltklimapolitik dreht

Es war der längste Klimagipfel aller Zeiten. Wegweisende Entscheidungen fällten die fast zweihundert Staaten schon in den sechzehn Klimakonferenzen davor fast immer in der letzten Nacht der zweiwöchigen Verhandlungen, doch nie mit anderthalb Tagen Verspätung. Tatsächlich stand diesmal die gesamte Weltklimapolitik auf der Kippe.

Hans Joachim Schellnhuber, der als Chaosforscher und Theoretischer Physiker in Oldenburg gearbeitet hatte und die „Erdsystemforschung“ etablierte, bevor er Anfang der neunziger Jahre das inzwischen zu weltweitem Ansehen gelangte Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung gründete, gehört zu den herausragenden Experten, die stets nicht nur wissenschaftliches Interesse am Thema hatten.

Er arbeitete, nicht zuletzt auch als Mitglied des nobelpreisgekrönten Weltklimarates IPCC, immer auch politisch aktiv am Fortkommen der Klimadiplomatie mit. 2007 war er als Klimaberater der Bundesregierung auf Klimakonferenzen der Vereinten Nationen unterwegs und auch danach als Berater von EU-Kommisionspräsident José Manuel Barroso. In Südafrika war er erneut dabei und wirkte auf Regierungen und Delegationen ein. Im aktuellen Herbstgutachten des Wissenschalichen Beirates der Bundesregierung „Globale Umweltveränderungen“, dem er vorsitzt, ist seine Klimaschutz-Philosophie nachzulesen: Es wird ein „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ vorgeschlagen.

Schellnhuber sieht eine postfossile Welt, die eine zweite Gründerzeit erlebt und in der Industrie wie Konsum zu allererst auf ökologische Nachhaltigkeit ausgerichtet sind. Was lange hält und die Umwelt schont, so sein Credo, wird sich bald auch ökonomisch durchsetzen. Umgekehrt verschwindet, was wie Kohle- und Ölverbrennung die Stabilität gefährdet. In den Klimakonferenzen hat sich diese Philosophie allerdings noch längst nicht voll durchgesetzt. (jom)

Quelle: F.A.Z.
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