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Was bleibt von Achtundsechzig?

Die Neuerfindung des Lebens

Von Ingrid Gilcher-Holtey
 - 15:49

Der Protest der Achtundsechziger zielte in allen westlichen Ländern auf eine andere Gesellschaft. Das sozial Imaginäre, das damit verbunden war, wurde auf neue Begriffe gebracht: „Être libre en 1968“, war an einer Treppe von Sciences Po zu lesen, „c’est participer.“ Freiheit wurde 1968 mit einem erweiterten Demokratiebegriff, der Demokratisierung aller Lebensbereiche, in Verbindung gebracht. In der Partizipation sah man das Mittel, Apathie und Gleichgültigkeit zu durchbrechen und das stillschweigende Einverständnis mit der bestehenden Ordnung aufzubrechen. Der Strukturwandel der Institutionen sollte aber nicht vom politischen System ausgehen. Der parlamentarischen Demokratie wurde „Aushöhlung“ angelastet. Es galt, sie durch eine außerparlamentarische Opposition und direkt-demokratische Strukturen zu ergänzen oder zu ersetzen.

Das Bild der „anderen“ Gesellschaft wurde nicht ausgemalt, denn einen Endzustand der Utopie gab es für die Neue Linke nicht. Die Utopie blieb in Bewegung, ein unvollendetes, permanentes Projekt. Beschrieben wurden jedoch – im „Kursbuch“, dem Forum der Außerparlamentarischen Opposition, oder auf Pariser Hauswänden – Kernelemente der erstrebten „anderen“ Gesellschaft mit Begriffen und Parolen wie „Assoziation freier Individuen“, „reale Demokratie“, Aufbau rätedemokratischer Strukturen nach dem Vorbild der Pariser Kommune, „Dezentralisierung der Entscheidungen“, „Kooperation statt Subordination“, „Reduktion des Arbeitstages auf fünf Stunden“, „Leben ohne tote Zeit“, „Das Leben neu erfinden“.

Wie konnten diese Ziele erreicht werden? Die Transformationskonzeption der Neuen Linken lehnte – und hierin liegt eine ihrer Neuerungen – die „Strategie der zwei Schritte“ (Immanuel Wallerstein) in die „andere“ Gesellschaft ab. Sozialismus sollte sich nicht in der Eroberung der politischen Macht (politische Revolution) und der Verstaatlichung der Produktionsmittel (soziale Revolution) erschöpfen. Die neuere Geschichte habe gezeigt, argumentierten Gabriel und Daniel Cohn-Bendit 1968, dass die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln keineswegs mit dem Ende der Ausbeutung zusammenfalle und mit der Eroberung der politischen Macht lediglich eine neue Elite die andere ablöse. Es ging der Neuen Linken um Machtkontrolle, Abbau von Herrschaft und Hierarchien, nicht Machteroberung.

Revolte jenseits des Staats

An die Stelle der Machteroberung im Staat trat die Antizipation freier Selbstorganisation der Gesellschaft durch die Schaffung von Gegenöffentlichkeit, von Gegeninstitutionen, Gegenkulturen und Gegenmilieus. Weltweit brachten die Achtundsechziger-Bewegungen eine breite und bunte Palette „gegenkultureller Räume“ hervor, zum einen durch Besetzung von kulturellen Institutionen (Universitäten, Theatern, Hörsälen, Redaktionen), von Straßen und Plätzen, aber auch durch Neugründungen von Kommunen und Kinderläden, alternativen Verlagen, Zeitschriften, Buchläden, Anwaltskanzleien oder Kliniken.

Damit löste die Neue Linke das Politische vom Staat und seinen Institutionen. „La politique est dans la rue“, lautete eine Parole in Frankreich. Das Politische manifestierte sich in Diskursen, die gängige Wahrnehmungsmuster der sozialen Welt auflösten. Die intellektuelle Neue Linke und ihre studentischen Trägergruppen vermittelten so ein neues Verständnis von Politik. Man setzte auf die Politisierung der Gesellschaft „von unten“, knüpfte das Politische an das Miteinander-Reden-und-Reflektieren im öffentlichen Raum.

Die Besetzung des Odéon in Paris ist ein Beispiel dafür. „Die Phantasie übernimmt die Macht“ ist an den Wänden des von Studenten und Künstlern besetzten Theaters im Mai 68 zu lesen. Nicht die Ersetzung der alten durch eine neue Regierung, nicht eine wie auch immer geartete Reform der Universität ist das Ziel der Besetzer. Es geht um mehr, um eine neue Sprache, ein neues Denken, ein neues Zuhören. Mit anderen Worten: um neue Formen der Kommunikation und der Lebensführung. Angestrebt wird, wie es im Grundsatzpapier der Commission Culture et Créativité de Nanterre heißt, die Aufhebung der individuellen Entfremdung durch Analyse und Kritik der Gesellschaft, in der Kultur zur Ware geworden und dadurch ihres kreativen und kritischen Potentials beraubt worden ist. Im besetzten Theater Odéon löst die freie Rede aller – jedermann soll sprechen können – das inszenierte Schauspiel ab. Studenten und Arbeiter, Hausfrauen, Kellner und Polizisten, Mitglieder religiöser Sekten und gelegentlich auch Paranoiker melden sich zu Wort. Im Mai 68 „das Wort ergriffen“ zu haben wurde in Paris der „Eroberung der Bastille“ 1789 gleichgesetzt. Die Wortergreifung wurde als Akt der Befreiung erfahren. Ausprobiert auch in Büros und Betrieben, vermittelte sie die „Freiheit, frei zu sein“, (Arendt) und erweiterte zugleich den Horizont des Politischen.

Revolution der Wahrnehmung

Die Neue Linke verfolgte, analytisch betrachtet, eine „Politik der Wahrnehmung“ (Pierre Bourdieu, 2001), „die darauf abzielt, durch Verändern oder Konservieren der Kategorien, mittels deren die Ordnung der Dinge wahrgenommen, und der Worte, in denen sie ausgedrückt wird, diese Ordnung selbst zu erhalten oder umzustürzen“. Angesichts der Proteste in den Vereinigten Staaten, in Frankreich und Deutschland schrieb Herbert Marcuse in „Versuch über die Befreiung“ (1968): „Die heutigen Rebellen wollen neue Dinge in einer neuen Weise sehen, hören und fühlen; sie verbinden Befreiung mit dem Auflösen der gewöhnlichen und geregelten Art des Wahrnehmens.“ Er folgerte: „Die Revolution muss gleichzeitig eine Revolution der Wahrnehmung sein, welche den materiellen und geistigen Umbau der Gesellschaft begleitet und die neue Umwelt hervorbringt.“

Radikale Gesellschaftskritik und kritische Ereignisse schufen im Frühjahr 1968 Momente, in denen, wie die Schriftstellerin Annie Ernaux in „Die Jahre“ schreibt, „nichts von dem, was man für normal gehalten“ hatte, „mehr selbstverständlich“ war. „Familie, Erziehung, Gefängnis, Arbeit, Urlaub, Werbung, die gesamte Wirklichkeit kam auf den Prüfstand“ und „sogar die Worte derer, die Kritik übten“. „Man lernte neue Wörter, eine neue Art zu sprechen“, und „man wurde aufgefordert, seine Herkunft offenzulegen, ,von wo aus sprichst du'?“.

Das Experimentieren mit Wahrnehmungsweisen ist ein Kennzeichen der künstlerischen Avantgarde. Die Neue Linke knüpfte mit der Konstruktion von Situationen daran an. „Wer Situationen konstruiert“, war in der Zeitschrift „Situationistische Internationale“ (1959) zu lesen, „wandelt, indem er durch seine Bewegung auf die äußere Natur wirkt und sie umwandelt, zugleich seine eigene Natur um.“ Die Konstruktion von Situationen setzte ebenso wie das parallel angewandte anarchistische Konzept der „direkten Aktion“ beim Individuum und dessen Veränderung in der und durch die Aktion an. Die Verbindung von individueller und kollektiver Emanzipation – Selbstverwirklichung und Selbstverwaltung – machte eine Besonderheit und die Attraktivität der Neuen Linken aus. Die französischen Sozialwissenschaftler Luc Boltanski und Ève Chiapello beschrieben die neuen Protestformen der Achtundsechziger in „Der neue Geist des Kapitalismus“ als Übergang von der „Sozialkritik“ zur „Künstlerkritik“.

Erben der Achtundsechziger

Die Charakterisierung der Achtundsechziger als bloße „Epigonen“ oder „Katalysatoren“ eines in der späten Adenauerzeit ansetzenden allgemeinen Demokratisierungsprozesses überzeugt vor diesem Hintergrund nicht. Die Transformationsstrategie und die Ziele der Achtundsechziger-Bewegung, ihr Politikverständnis und ihre den Nationalstaat transzendierende Kritik supranationaler Organisationen und Machtsphären (Nato, amerikanischer und sowjetischer Imperialismus) waren neu, ebenso, dass sie dem Nord-Süd-Konflikt den Vorrang vor dem Ost-West-Konflikt einräumte. Die Neue Linke verfolgte ein sozialistisches Projekt, das die etablierte kapitalistische Gesellschaft ebenso transzendierte wie die Transformationskonzeptionen der traditionellen Linken.

Seit den neunziger Jahren knüpfen die globalisierungskritischen Bewegungen an das Transformationsprojekt der Neuen Linken an, ohne deren Geschichtsphilosophie zu folgen. Ausgehend von der Prämisse, dass die Strukturen und Kommunikationsformen der zukünftigen Ordnung bereits in der bestehenden Gesellschaft experimentell erprobt werden müssen, setzen sie wiederum auf die Schaffung von autonomen Räumen. Die Zapatisten in Mexiko (1994), Occupy Wall Street und die Indignados in Spanien (2011) sowie die Bewegung Nuit debout in Frankreich (2016) sind Beispiele dafür. Mit den Achtundsechziger-Bewegungen teilen sie die Überzeugung, dass „eine andere Welt“ ohne die Eroberung der politischen Macht im Staat erreicht werden kann. Der Politikbegriff der Neuen Linken, der das Politische vom Staat löst, lebt hier ebenso fort wie das Selbstverständnis, eine transnationale Bewegung zu sein und damit auch Gegner außerhalb der nationalen Grenzen (supranationale Organisationen, transnationale Konzerne, globale Machtsphären) zu bekämpfen. An die zentrale Forderung der Achtundsechziger nach Partizipation knüpfen heute in Politikwissenschaft und politischer Philosophie, wie Antonio Florida in „From participation to deliberation“ (2017) zeigt, Debatten über eine deliberative, dialogische Demokratie an.

Im Frühjahr 1968 schufen radikale Gesellschaftskritik und kritische Ereignisse, die den Alltag und die normale Ordnung der Dinge durchbrachen, transitorische Momente, gekennzeichnet durch das Auftauchen der Möglichkeit des Neuen, die Wahrnehmung einer offenen Zeit. Es ist diese Öffnung eines Möglichkeitsraumes, von der die Magie, das Charisma von 1968 nach wie vor ausgeht. Die Ökonomisierung aller Teilbereiche unserer Gesellschaft sowie die sozialen und ökologischen Folgen einer Globalisierung im Geist des Neoliberalismus fordern heute – wie 1968 – zur Wortergreifung und zur Revolutionierung der Wahrnehmung heraus.

Die Autorin ist Professorin für Geschichte in Bielefeld.

Quelle: F.A.Z.
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