Im Gespräch: Luciano Floridi

„Wir brauchen eine neue Definition der Realität“

06.10.2015
, 13:39
Luciano Floridi
Datenphilosoph Luciano Floridi zeigt in seiner Theorie des vernetzten Lebens, was passiert, wenn die Grenze zwischen online und offline fällt. Ein Gespräch über runde Roboter und eckige Hauskanten, das Denken in Wahrscheinlichkeiten und editierbare Leben.

Professor Floridi, warum sorgen wir uns so um die Zukunft?

Das ist eine normale Reaktion auf Ungewissheit. Man betritt einen dunklen Raum und das erste, was einem in den Sinn kommt, ist: Lauert dort etwas? Es wäre ziemlich irrational, sich nicht vor Unbekanntem zu fürchten. Ein weiterer Grund ist, dass wir mehr und mehr von Technologien umgeben sind, die wir nicht verstehen.

Aber es gab doch auch in der Vergangenheit Technologien, die wir nicht verstanden haben. Das Telefon zum Beispiel: Nach seiner Erfindung fürchtete man zunächst, es würde die gesellschaftliche Ordnung stören und die Grenzen zwischen Privatsphäre und öffentlichem Raum einreißen. Was ist heute anders?

Der Unterschied liegt darin, dass die neuen Technologien hochgradig eigenständig sind. Wenn Ungewissheit und Autonomie zusammenkommen, ist es schon angebracht, sich ein paar Gedanken darüber zu machen, was passieren könnte. Wenn, sagen wir, der Thermostat das Haus heizt, während ich weg bin, dann bekomme ich eine gewaltige Stromrechnung. Sollte ich mir deshalb Sorgen machen? Manchmal schon. Wenn Ungewissheit und Autonomie bei Atomkraftwerken zusammenkommen, ist Sorge keine schlechte Idee. Aber ich denke nicht, dass wir das richtige Maß finden. Wir pendeln ständig zwischen zwei Extremen, einem einfältigen kalifornischen Optimismus einerseits – "alles wird ganz großartig sein!" – und einem Weltuntergangsgefühl – "alles wird nur noch schlimmer" – andererseits. Die langweilige Wahrheit liegt natürlich irgendwo dazwischen.

Über die Möglichkeit einer künstlichen Intelligenz sprechen wir auf ähnliche Weise, als Höhepunkt menschlichen Fortschritts, wie auch als Bedrohung unserer Existenz. Stephen Hawking rät der Menschheit gar zur Flucht ins all, bevor die KIs die Kontrolle über die Erde an sich reißen. Sind die Sorgen berechtigt?

Sind die KIs ein Risiko für den Arbeitsmarkt? Ja. Gefährden sie die menschliche Kontrolle über die Erde? Nein. Diese ganze Debatte über KIs, die die Weltherrschaft an sich reißen, ist Science Fiction und im besten Fall naiv. Im schlimmsten Fall steht dahinter der suspekte Versuch, die Menschen hinter den Maschinen aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Warum sprechen wir nicht über die wirklichen Probleme?

Was sind denn die wirklichen Probleme?

Wir sollten uns auf die Auswirkungen auf das menschliche Leben konzentrieren. Einer der wichtigsten Gründe, weshalb die Technologien, die wir entwickeln, funktionieren, liegt darin, dass die Welt immer IT-freundlicher wird. Die Tatsache, dass wir unsere Umwelt zunehmend an Maschinen anpassen, ist eines der Dinge, über die wir nachdenken sollten. Ein Beispiel: Wir haben zu Hause einen Roboter, der unser Haus sauber macht, Roomba. Er funktioniert großartig, aber er passt nicht unters Sofa. Also überlegen wir, ob wir uns ein neues, höheres Sofa kaufen sollen. Wir passen uns an Roomba an. Nun hat das Haus aber auch Ecken – und die kann der runde Roomba nicht erreichen. Kaufen wir jetzt ein neues Haus?

Trotzdem argumentieren Sie in Ihrem Buch Die vierte Revolution, dass unser Nachdenken über die Zukunft zu anthropozentrisch sei, vor allem, wenn man bedenkt, dass Maschinen uns in vielerlei Hinsicht schon überflügelt haben.

Es ist tatsächlich erstaunlich, wie anthropozentrisch wir immer noch denken. Wenn wir sehen, wie eine Maschine eine Aufgabe bewältigt, dann vergleichen wir das mit unserer Intelligenz. Wenn wir über ethische Fragen nachdenken, stellen wir unsere Interessen vorne an, nicht die der gesamten Umwelt. Wir sehen ja, wohin das führt: Wir sind im Begriff, den Planeten unbewohnbar zu machen. Vielleicht ist es Zeit, etwas zu verändern.

Aber unterscheidet sich der Mensch nicht fundamental von allen anderen Wesen und nimmt daher eine besondere Position in der Welt ein?

Der Mensch verdient aus mindestens zwei Gründen besondere Aufmerksamkeit. Er ist, erstens, eine Art Sonderfall, ein hapax legomenon. Ein hapax legomenon ist ein Wort, das innerhalb eines Buches nur ein einziges Mal vorkommt. Das klassische Beispiel ist das Wort 'Gopher' in der Bibel, das ein spezielles Holz bezeichnet, aus dem die Arche gebaut wird. Es wird nur ein einziges Mal erwähnt. Ein hapax legomenon ist völlig natürlich, aber es ist auch ein Sonderfall. Es ist zugleich normal und außergewöhnlich. So sehe ich die Menschheit.

Außerdem ist die Menschheit, und das ist der zweite Grund für ihre besondere Position, die einzige Spezies, die ausreichend Bewusstsein und Freiheit erlangt hat, um wirklich etwas zu verändern. Um diese Kreaturen sollten wir uns kümmern, denn es ist die einzige Chance auf Verbesserung, die das Universum hat. Aufgrund dieser speziellen Position in der Welt können wir also schon mehr Aufmerksamkeit erwarten. Aber nicht so, als wäre es unser Geburtstag und unsere Party. Wir sind auf dieselbe Weise etwas Besonderes, wie ein Gärtner etwas Besonderes ist: Wir sind Pfleger und Verwalter der Realität.

Treibt die digitale Revolution diese Verschiebung in der Selbstwahrnehmung voran?

Cyber-Kultur wird gerne als die Verschmelzung von Mensch und Maschine betrachtet. Das erscheint mir ein bisschen übertrieben, aber etwas Wahres steckt darin. Wir können ein Vokabular entwickeln, das zeigt, dass wir viel stärker Teil des Ganzen sind, als wir bisher dachten. Wenn Computer Dinge lernen, von denen wir dachten, nur Menschen seien zu ihnen fähig – Schach spielen zum Beispiel – dann ist das demütigend, aber im positiven Sinne. Es erdet uns.

Also markiert die Entstehung autonomer Technologien einen so noch nie dagewesenen Wendepunkt.

Ja. Ich wäre nicht überrascht, wenn man in hundert Jahren zurückblicken und sagen würde: Hier gab es wirklich einen Bruch in der Kontinuität. Die Gleichförmigkeit zwischen den 1960er, 70er, 80er und 90er Jahren ist viel stärker als die zwischen den 80ern und 2020. Wir haben eine Schwelle überschritten und dieser Schritt erfordert ein neues Denken.

Wie könnte dieses neue Denken aussehen?

Die Moderne ist hochgradig von Konzepten wie Dingen, Objekten und Mechanismen abhängig. Sogar die französischen Strukturalisten, die ja versucht haben, von dieser Perspektive loszukommen, waren immer noch völlig vom Sprechen über „Dinge“ besessen: dieses iPhone, dieser Stuhl, dieser Tisch. Heute hingegen geht es eher um Netzwerke als um Mechanismen, eher um Prozesse und Zusammenhänge als um Dinge und Eigenschaften.

Was ist das Besondere an einem Netzwerk?

In einem Netzwerk stehen Interaktionen und Zusammenhänge an erster Stelle, dann erst kommen die Knotenpunkte. Dieser Tisch wird zu einer Interaktion physikalischer Kräfte: diese Kräfte kommen zuerst, dann erst kommt der Tisch. Auch Individuen wie Sie und ich sind Teile sozialer Netzwerke. Das verändert unser Leben auf fundamentale Weise: Immer mehr Menschen denken heute in Begriffen wie Korrelation und Wahrscheinlichkeit, und nicht mehr in der mechanistischen Beziehung von Ursache und Wirkung.

Wir tendieren dazu, Netzwerke als nicht-physikalisch zu denken. Wird der physikalische Raum überflüssig?

Ja und nein. Prozesse und Beziehungen sind genauso physikalisch wie Objekte. Der Unterschied ist, dass wir nicht mehr über den Kreisverkehr reden, sondern über die Straßen, die den Kreisverkehr bilden. Es ist ein Irrtum, auf dem Gegensatz zwischen digital und analog zu beharren. In Wahrheit gibt es keine klare Trennung zwischen dem Realen und Analogen auf der einen Seite, und dem Virtuellen und Digitalen auf der anderen. Eine aufrichtige Online-Freundschaft kann echter sein als eine falsche in der „realen" Welt; ein Cyber-Angriff oder ein digitaler Raub sind so real wie etwas nur sein kann. Wir brauchen eine neue Definition der Realität, eine post-Newtonsche, und ich habe die Möglichkeit der Interaktion als Kriterium vorgeschlagen: Kann man mit etwas interagieren, dann ist es in diesem Kontext real, unabhängig davon, ob es ein Symbol auf dem Bildschirm ist, oder ein Kieselstein auf der Straße. Dementsprechend sind Geister und Engel nicht real, weil es unmöglich ist, mit ihnen zu interagieren. Datenbanken und Monster auf dem Bildschirm sind real, weil man es kann.

Aber der Körper zum Beispiel spielt in Online-Beziehungen eine völlig andere, viel geringere Rolle.

Ja, wir haben diese Form der Entkörperung. Damit verhält es sich ganz ähnlich wie bei der Verschiebung von Besitz hin zu Nutzung. Keiner der Computer in diesem Raum gehört mir. Wenn das physische Objekt da ist, um einen Dienst zu erweisen – Emails zu empfangen etwa –, dann spielt es gar keine Rolle, wem das Objekt gehört. Solange die Funktion erhalten bleibt, interessieren wir uns wenig für die tatsächliche physische Implementation.

Werden wir so auch irgendwann über Menschen denken?

Je mehr Zeit wir online verbringen, desto mehr trifft das auch auf Menschen zu. Ich sage nicht, dass das fantastisch ist. Es birgt große Risiken. Aber je mehr wir einen entkörperten Umgang miteinander pflegen, desto mehr können wir mit unserer eigenen Körperlichkeit spielen. Das erscheint mir letztendlich als etwas Gutes. Schließlich hat sich niemand den eigenen Körper ausgesucht. Und sobald dieser Körper nicht so funktioniert, wie man es gerne hätte, ist diese Entkörperung plötzlich ganz willkommen.

Ein anderes Beispiel dafür, wie wir nicht nur unsere Umwelt an Technologien anpassen, sondern uns selbst, betrifft unser Gedächtnis. Einerseits scheint die günstige digitale Verwahrung von Daten das Erinnern viel mehr zu begünstigen als das Vergessen. Andererseits ist, wie Sie in Ihrem Buch schreiben, „speichern" keinesfalls mit "sich erinnern" gleichzusetzen, sondern mit dem Ersetzen der alten Version. Werden wir mit der zunehmenden Digitalisierung in der Lage bleiben, Dinge wie bisher zu erinnern oder zu vergessen?

Die Vergangenheit wird mittlerweile kontinuierlich umgeschrieben. Zwar existieren einige Archivierungs-Initiativen, aber es gibt keine fixen Regeln, die vorschreiben, was gelöscht wird. Nun muss man das in die rechte Perspektive rücken. Die Vergangenheit ist recht knauserig, was Informationen betrifft – lokale Wahlen in Großbritannien im neunzehnten Jahrhundert sind zum Beispiel nur sehr spärlich dokumentiert. Heute haben wir eine viel größere Anzahl an Informationen, die aber problemlos überschrieben werden können. So leben wir in einer Art andauernden Gegenwart, die gleichzeitig sehr zerbrechlich ist, weil sie ständig editiert wird – denken Sie an alte Webseiten. Sie kann von Schadprogrammen zerstört werden, sie kann gelöscht werden, wenn zum Beispiel neue Bilder die alten verdrängen, weil es nicht genug Platz gibt. Und sie kann unzugänglich werden, wenn alte Disketten oder Programme, die in einer veralteten Software geschrieben wurden, plötzlich nicht mehr geöffnet werden können. Die Fragilität einer andauernden, sich stetig ausweitenden Gegenwart: das ist unser neues Dilemma.

Führt das Gefühl der Editierbarkeit auch zu einem kleineren Zeithorizont im Nachdenken über die Zukunft?

Ja, denn wenn man die Richtung unterwegs ändern kann, plant man nicht für die große Reise, oder zumindest weniger. Das Gefühl der Umkehrbarkeit und Editierbarkeit des Lebens lässt einen die Dinge nicht so ernst nehmen. Der Unterschied zwischen Schreibmaschine und Textverarbeitungsprogramm ist hier eine passende Analogie. Ein Fehler beim Tippen auf der Schreibmaschine ist ein massives Problem. Eine Zeile ist falsch, und schon sind Stunden an Arbeit verloren. Am Computer schreibt man locker drauf los, macht einen Fehler, versucht es noch einmal. Mit dem Leben verhält es sich ähnlich. Wer es als editierbar und umkehrbar begreift, könnte versucht sein, den Beta-Modus niemals zu verlassen.

Das scheint auch Auswirkungen auf politische Prozesse zu haben.

Die Editierbarkeit ist durchaus ein politisches Problem. Nehmen wir den Klimawandel als Beispiel. Hier ist irgendwann ein Punkt überschritten, an dem es kein Zurück mehr gibt. Stellen Sie sich vor, der Golfstrom stoppt – Großbritannien würde unbewohnbar. Das wäre nicht rückgängig zu machen. Mit Technologie wäre dem nicht beizukommen, wir müssten wohl oder übel umsiedeln.

Diesen tipping point ziehen auch die Teilnehmer eines freien Marktes selten in Betracht.

Wenn Ökonomen sagen, Märkte könnten dieses oder jenes Problem in den Griff bekommen, solange die Anreize nur richtig gesetzt sind, dann stimme ich ihnen theoretisch zu. Aber sobald sie die Klausel „früher oder später” hinzufügen, also eine Art Reversibilitätsklausel, widerspreche ich. Wenn wir einen point of no return erreicht haben, dann ist es mir egal, dass der Markt „theoretisch", „im Prinzip" etwas „hätte können" – er hat es nicht, und nun haben wir den Schlamassel.

Das Gefühl der Editierbarkeit und Umkehrbarkeit bringt also eine Art Kurzsichtigkeit mit sich?

Ja, und ein schwindendes Gefühl der Verantwortung, eine Unterschätzung der Gefahr, einen Punkt zu erreichen, an dem sich etwas nicht mehr rückgängig machen lässt. Jedes Kind, jede Frau, jeder Mann, der im Mittelmeer ertrinkt, ist so ein Wendepunkt.

Wir haben über die Vergangenheit gesprochen, und über die Zukunft. Beeinflusst die Art, wie wir die Vergangenheit betrachten, unser Nachdenken über die Zukunft?

Es gibt da einen wunderbaren Essay von Nietzsche, „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben". Nietzsche weist darauf hin, wie die Geschichte unser Denken über die Zukunft einschränkt, unsere Fähigkeit, Dinge neu zu sehen. Jedes Mal, wenn wir vorwärts schreiten, bleibt weniger Freiraum fürs Denken. Es gibt mehr Einschränkungen, es wird schwieriger, sich nicht all dessen bewusst zu sein, was geschrieben, gesagt und versucht wurde. Wir werden alt, als Menschheit.

Ist das Altern unserer Spezies ein linearer Prozess?

Ja, und er beginnt mit der Moderne. Das ist der Moment der ersten herkulischen Bemühung, die gesamte Vergangenheit mit Blick auf eine neue Erzählung neu zu denken. Mit dem Individuum ist es nicht anders: Jedes Mal, wenn etwas Wichtiges passiert, ist man versucht, das Leben angesichts dieser Episode neu zu ordnen. Wie oft funktioniert das? Der Grund, weshalb wir uns nicht beliebig oft verlieben können, ist, dass es so eine unermessliche semantische Anstrengung bedeutet, sicherzustellen, dass: „Nein, die vorherige Person war nicht die richtige, das ist alles nur passiert, damit ich dich treffen würde." Wir können das zwei Mal machen, vielleicht drei Mal. Dasselbe gilt für die Geschichte – und ich glaube nicht, dass die Akkumulation von Daten das verändert hat.

Das Gespräch führten Katharina Laszlo und Friedemann Bieber.

Die englische Fassung des Interviews finden Sie hier.

Die Welt von Morgen

Das Gespräch mit Luciano Floridi ist Auftakt zu einer Reihe von Gesprächen mit Philosophen, KI-Experten, Literaturwissenschaftlern, Historikern und Architekten über die digitale Zukunft, die in den nächsten Wochen auf FAZ.NET erscheinen.

Zu einem Porträt von Luciano Floridi gelangen sie hier.

Quelle: FAZ.NET
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