Diversitätspolitik

Das Recht gehört den Beleidigten

Von Gerald Wagner
17.02.2016
, 12:31
Die Humboldt-Universität zu Berlin: Hier gerät alle paar Monate ein Professor ins Visier anonymer Kritiker.
Ein Jahr nach den Attacken auf Herfried Münkler ist die Stimmung in den Berliner Sozialwissenschaften gereizt. Dozenten wappnen sich gegen die Missionare der Diversitäts-Romantik.
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Man kann über alles reden. Aber auf keinen Fall unter Nennung eines Namens. Das Gelände ist vermint und weitere mediale Aufmerksamkeit nicht hilfreich.“ Solche Sätze bekommt zu hören, wer in diesen Wochen am Institut für Sozialwissenschaften der Berliner Humboldt-Universität das Gespräch mit Vertretern der Lehre sucht. An jenem Institut also, das oft als Beispiel herhalten muss, wenn in Berichten über die antirassistische Protestwelle an mittlerweile mehr als siebzig amerikanischen Universitäten nach einem vergleichbaren deutschen Fall gesucht wird.

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Zur Erinnerung: Dem am Institut lehrenden Politikwissenschaftler Herfried Münkler war vergangenen Sommer von anonymen Bloggern vorgeworfen worden, er habe sich in seiner Vorlesung über politische Theorie und Ideengeschichte zu chauvinistischen und rassistischen Bemerkungen hinreißen lassen. Münklers Forderung, sich in der Öffentlichkeit einer Auseinandersetzung zu stellen, kamen die Blogger nicht nach. Seine Vorlesung hielt er dennoch zu Ende, und auch die Blogger verstummten pünktlich zum Beginn der Sommerferien.

Der universitäre Alltag aber, der inzwischen am Institut wieder eingekehrt scheint, ist vordergründig. Dahinter zeichnen sich ältere Konflikte ab, bei denen es um die programmatische Ausrichtung des Instituts und die Zukunft des Fachs und seiner Lehre geht. Die Diskussion dreht sich auch um die Frage, welche Persönlichkeiten den besonderen studentischen Ansprüchen an die Lehrtätigkeit wohl am besten gewachsen sind.

Im Bann der Diversität

Was lässt sich über diese Studenten sagen? Wer heute beispielsweise im sechsten Semester an diesem Institut studiert, hat sich vor drei Jahren gemeinsam mit 1542 anderen auf einen der 125 Studienplätze beworben. Wer genommen wurde, musste einen Abiturdurchschnitt von mindestens 1,7 vorweisen. Das führe schon zu einer recht elitären Einstellung unter den Studenten, hört man aus Kreisen der Dozenten. Bei manchem sei sie mit einem gesteigerten Sendungsbewusstsein gepaart, mit dem fast missionarischen Eifer, sich selbst, das Institut und die Gesellschaft von der alles überragenden Bedeutung des Themas Diversität zu überzeugen.

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Bekanntlich geht es dabei um ein kulturalistisches Konzept sozialer Vielfalt anhand von Kategorien wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Ethnie, Nationalität und Religion. Seine Brisanz verdankt das Konzept dem ergänzenden Begriff der Diskriminierung: Wer von Diversität spricht, beklagt stets auch deren Missachtung, ihre Nichtanerkennung oder gar bewusste Verletzung durch die Gesellschaft. Das Programm der Fächer, die sich unter dem Banner der „Diversity Politics“ versammelt haben, kreist daher um die Pole Distinktion und Indifferenz - jeder kann hier Angebote finden, seine persönliche Diskriminierung von der anderer Gruppen zu unterscheiden, und gleichzeitig am wissenschaftlichen Nachweis der gesellschaftlichen Gleichgültigkeit gegenüber dieser Diskriminierung mitzuarbeiten.

Sensibilisierung und Abhärtung

Das „brennende Interesse“ ihrer Studenten am Thema Diversität wird von den Institutsmitgliedern sehr unterschiedlich bewertet. Wer aufgrund seines Lehrangebots inhaltlich weniger betroffen ist, wundert sich bestenfalls, dass die Studenten soziale Ungleichheit nur noch kulturalistisch begreifen wollen, und zweifelt an der Relevanz der Befunde. Sie empfänden ihre Lebenswelt wohl sehr davon geprägt, sagt ein Professor. Nun könnte man fragen, ob es nicht gerade die Aufgabe der Lehre wäre, diesen Studenten die Differenz von Empfindung und Wissenschaft wissenschaftlich zu vermitteln.

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Die meisten Dozenten reagieren weniger distanziert. Man habe doch auf die Interessenlage der Studenten reagiert, heißt es, und zwar schon vor dem Blog, der darum auch keine Zäsur bedeute. Man müsse jederzeit damit rechnen, heißt es, dass sich Ereignisse wie der Münkler-Blog wiederholten. Inzwischen sei das Institut darauf aber viel besser vorbereitet. Es habe das Angebot an die Dozenten gegeben, sich in Seminaren für solche Vorkommnisse zu wappnen, selbstverständlich ohne verpflichtenden Charakter. Es handle sich dabei um Selbstsensibilisierung im Sinne der Diversitätsforschung - diskriminiere ich etwa, ohne es zu wissen? Aber auch um eine gewisse Abhärtung dieses Selbsts, sollte es dann doch mal im Feuer der Blogger stehen.

Vermessung der Vielfalt

An die Studenten sei appelliert worden, in Vorlesungen zwischen Inhalten und der sie vortragenden Person zu trennen. Die freie Rede neige nun einmal zur Ambiguität, sie benutze rhetorische Formen wie Ironie und Übertreibung oder auch mal die Imitation einer Position zur Verdeutlichung derselben. Es sei keine rhetorische Frage, ob man unter den gegebenen Umständen überhaupt noch Vorlesungen anbieten wolle. Die Bereitschaft habe der Münkler-Blog nicht gerade gefördert. Es heißt, man könne es den Studenten inzwischen schwer recht machen. Böte man keine Vorlesungen an, würde der Vorwurf laut, man „monopolisiere Wissen“. Liest man doch, heißt es gleich, man manipuliere sie mit dem „Machtgefälle des universitären Diskurses“. Immerhin scheint das Drohbild einer komplett verschriftlichten Universität noch ein gewisses Potential zu haben. Es wird also weiter vorgelesen - noch.

Nun kann man die schriftlich überlieferten Quellen der Soziologie nicht umschreiben, auch wenn sie vom angeblichen Makel des Kanons der „heterosexuellen weißen Männer“ geprägt sind. Aber lässt sich dem heutigen Institut ernsthaft ein Mangel an Aufmerksamkeit für Diversität vorwerfen? Das diesbezügliche Angebot ist jedenfalls beeindruckend. Es gibt an der Fakultät das „Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien“, am Institut den Lehrbereich „Diversity Politics“, der sich zu „postkolonialen Perspektiven in den Sozialwissenschaften jenseits des methodologischen Eurozentrismus“ bekennt; nicht zu verwechseln mit dem Lehrbereich „Diversity and Social Conflict“, der sich sowohl mit Migration und Antirassismus als auch institutionalisiertem Rassismus befasst; weiter der Lehrbereich „Arbeit und Geschlechterverhältnisse“, der sich ebenfalls mit Migration und Genderfragen beschäftigt; und schließlich ist dem Institut das „Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung“ angegliedert, das sich die kritische Reflexion und Versachlichung der Themen Diskriminierung und Rassismus vorgenommen hat. Und schließlich liegt der Frauenanteil an den Professoren des Instituts bei annähernd sechzig Prozent. Ist dem Konzept der Diversität damit nicht Genüge getan?

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In der Diskriminierungsspirale

Es gibt durchaus Dozenten, die das so sehen. Das Schlimmste an der „Diversitäts-Romantik - frühe Enthusiasmus-Phase“ sei, dass sie mit ihrem Fokus in kulturelle Unterschiede die real wachsende soziale Ungleichheit nicht nur der deutschen Gesellschaft schlicht ausblende. Am Vorwurf, Diskriminierungserfahrungen hätten keine ausreichende Resonanz, würden mehr und noch mehr Stellen für Diversitätsforschung ohnehin nichts ändern. Das Problem dieser Repräsentationsforschung, bei der jede kulturelle Minorität eine Professur bekommt, sei schließlich, dass ein ihr verpflichtetes Fach selbst keine Grenzen ziehen könne. Wer traute sich denn zu entscheiden, welche Diskriminierungserfahrung dann doch zu marginal sei, um noch akademisch repräsentiert zu werden?

Das Fach habe sich damit in die Defensive manövrieren lassen, aus der es nicht mehr herauskomme - was man ja alltäglich im Institut erlebe. Man erfahre das auch an der geringen Akzeptanz gegenüber der Historizität der Sozialwissenschaften. Es sei doch absurd, dem Soziologiehistoriker vorzuwerfen, er reproduziere besagten Kanon nur, anstatt sich von ihm hinreichend zu distanzieren. Inzwischen müsse man sich auch noch selbst vorwerfen, in der Vorlesung nicht ausreichend den Unterschied von Vorlesung und Tribunal „mitkommuniziert“ zu haben. Und darum sei es auch vorzuziehen, in der Lehre inzwischen bestimmte Reizwörter zu vermeiden. Die Bereitschaft unter den Studenten, sich beleidigt zu fühlen - Voraussetzung jeder Diskriminierung -, sei einfach zu groß geworden.

Eine sehr lautstarke und durchsetzungsfähige Minderheit unter den Studenten sieht das anders. Ihnen reicht das Ausmaß an Diversität in der Lehre noch nicht. Sie regten im November einen „Tag der Diversität“ am Institut an. Arbeitsgruppen sollen sich mit dem empfundenen Mangel an Vielfalt auseinandersetzen. Als folgenreicher könnte sich allerdings die „AG Erhebung“ erweisen. Sie soll das bisher nur vermutete Ausmaß realer Diversität am Institut endlich auf wissenschaftliche Füße stellen. Alle, wirklich alle Institutsmitglieder sollen sich daran beteiligen und Auskunft über Größen wie Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexuelle Orientierung und eben auch erlebte Diskriminierung geben. Ein durchaus mutiges Unternehmen, könnte sich am Ende doch zeigen, dass die empfundene Diversität am Institut viel größer ist als die empirisch messbare.

Quelle: F.A.Z.
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