Europäische Hochschulreform

Wo ist der Ausweg aus dem Irrweg?

Von Thomas Thiel
10.11.2010
, 12:30
Nicht nur der neue Hochschulraum ist gesamteuropäisch, sondern auch das Unbehagen an ihm: Studentenproteste in Barcelona
Man hätte es wohl nicht so eng sehen dürfen: Zehn Jahre nach den Bologneser Beschlüssen ziehen europäische Professoren und Funktionäre eine vernichtende Bilanz der europäischen Hochschulreform und suchen den Ausweg aus dem Regelungsdickicht.
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In der Kritik des bisherigen Verlaufs des Bologna-Prozesses herrscht mittlerweile eine derart unheimliche Einigkeit, dass man auf den Gedanken kommen kann, eine feindliche Macht und nicht der konzertierte Wille der Bildungsminister habe sie dem europäischen Hochschulsystem eingetragen. Dass die Reform ihre Ziele nicht erreicht hat und selbst reformbedürftig ist, haben inzwischen nicht nur die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan, sondern auch ihre europäischen Amtskollegen bekannt. Die Abbrecherquote ist nicht gesunken, die wechselseitige Anerkennung von Abschlüssen bereitet weiter Probleme, und die maßlose Bürokratisierung der Lehre hintertreibt die erwünschte Mobilisierung der Studenten.

Im Studienalltag fühlt man sich unter Erfüllungsdruck technokratischer Vorgaben, ohne zu wissen, wohin erledigte Pflichten später führen. In der Arbeitswelt werden Bachelorabsolventen nicht mit offenen Armen empfangen. Auf Professorenseite wird der Freiheitsgewinn in der Forschung mit Knebelung in der Lehre und dem Zahlenterror permanenter Evaluationen bezahlt.

Zehn Jahre nach dem Bologneser Reformbeschluss kamen Professoren, Politiker, Verbandsvertreter und eine Studentin in der Villa Vigoni am Comer See zu einem Resumé aus internationaler Sicht zusammen. Die Bilanz fiel vernichtend aus. Geändert hat sich dabei, dass die Reformkritik nicht mehr als Sache gestriger Traditionalisten oder typisch deutsche Angelegenheit abgetan werden kann. Unbestritten war aber trotzdem der Wille, am Großen und Ganzen der Reform festzuhalten. Der Integrationsprozess sei, global betrachtet, unerlässlich, und der Autonomiegewinn der Universitäten genauso wie der vielzitierte europäische Raum „des ungehinderten Austauschs von Personen und Wissen“ seien unvermindert erstrebenswerte Ziele. Das nötigte zum rhetorischen Spagat zwischen der Entrüstung über „unsägliche Zustände“ und „dicke Skandale“ und dem davon auf seltsame Weise unangetasteten Bewusstsein, insgesamt doch auf dem „goldrichtigen Weg“ zu sein.

Alles nicht so eng sehen

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Der Kardinalfehler der Reform bestand in dem Glauben, die gewaltigen Umstellungen im Studiensystem zum Nulltarif und eine massive Ausweitung der Studentenzahlen ohne Aufstockung des Lehrpersonals bewältigen zu können. Der Versuch, die Vermassung der Universitäten mit dem Bachelor als Filter für wissenschaftlich ambitionslose Studenten aufzufangen, mag noch sinnvoll sein. Der Irrweg begann spätestens, als die Reform von der Politik zur Kosteneinsparung missbraucht wurde. Auf die Professoren kam dies als der Zwang zu, mehr Studenten mit gleichbleibenden Mitteln intensiver zu betreuen, studienbegleitend.

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Gemäßigt hat sich der politische Versuch, die Mängel im Reformprozess zu nationalen Umsetzungproblemen zu erklären. Während Hochschulvertreter sich deutlich zu erinnern meinen, die Bologna-Beschlüsse als unmissverständliches Oktroyat erfahren zu haben, warf ihnen die Politik vor, sich gegen Evaluationsverfahren gesperrt zu haben und aus der gestiegenen Lehrverantwortung geflohen zu sein. In der Villa Vigoni wurde dies zur Lesart abgemildert, die Beschlüsse der Kultusministerkonferenz seien falsch, nämlich zu verbindlich interpretiert worden. Wo stehe geschrieben, dass der Bachelor in der allgemein als zu kurz empfundenen Spanne von drei Jahren absolviert sein müsse, fragte der baden-württembergische Ministerialdirektor Klaus Tappeser, blieb aber die Antwort schuldig, woher das Geld für die Ausweitung auf vier Jahre zu nehmen sei. Die Hamburger Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach räumte ein generelles Finanzierungsdefizit der Reform ein, dämpfte die Hoffnung auf zusätzliche Mittel aber mit dem Hinweis auf die Schuldenbremse.

Der beliebte Ausweg, die Misere einem typisch deutschen Umsetzungsproblem zuzuschreiben, stand in Como auch deshalb nicht offen, weil im Länderüberblick von Italien über die Schweiz bis Polen in abgestufter Intensität ein ähnliches Unbehagen an Bologna zum Ausdruck kam. Das Reformwerk krankt eher an der typisch europäischen Logik, technokratische Verfahren nachträglich mit Sinn füllen zu müssen. Dass im Regeldickicht des Modulbetriebs kritisches Denken und persönliche Reifung auf der Strecke blieben, ist allgemein erkannt. Der ökonomistische Denkfehler der Reform drückt sich darin aus, dass unter der Managervokabel „employability“ nicht das Interesse am Studienfach, sondern am späteren Arbeitsplatz an erster Stelle rangierte. Inzwischen ist man sich einig, unter „employability“ nicht mehr Berufsfertigkeit, sondern Berufsfähigkeit zu verstehen. Der schnelle Wandel der Arbeitswelt macht flexibel übertragbare Fähigkeiten wertvoller als eng definierte Kenntnisse.

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Unklar ist weiter, welche Funktion der Bachelor ausfüllen soll. In der Praxis wird er meist als Vorbereitung für den Master und kaum als eigenständiger Studienabschluss verstanden. Als zweckfernes Mobilitätshindernis haben sich die Vielzahl der Bachelorstudiengänge und das verkrampfte Bemühen um Alleinstellungsmerkmale erwiesen. Der Bachelor müsse allgemeinen Charakter haben, schon um die Bildungsdefizite einer gewachsenen Zahl von Studienanfängern zu beheben. Zum Ausgleich dieser Mängel schlug Herlind Gundelach ein erstes Jahr mit allgemeinbildendem Charakter vor.

Wiedervorlage Fachhochschulausbau

Nationale Eigenart zeigt sich dann doch in dem aufgeblähten und von Bologna in keiner Weise erzwungenen deutschen Akkreditierungssystem, leider von ihrer schlimmsten Seite. Die Bewertung aller Studiengänge durch externe Agenturen hat horrende Kosten verursacht und gehört zu den Hauptverantwortlichen für den bürokratischen Exzess. Von Rainer Künzel, dem Leiter der Zentralen Akkreditierungsagentur, erfuhr man nun, dass das System ohnehin nur zur Prüfung formaler Kriterien, aber nicht zur qualitativen Bewertung der Lehre tauge. Die Tendenz geht dahin, die Qualitätssicherung den Hochschulen selbst zu überlassen und diese in regelmäßigen Abständen extern zu prüfen. Problematisch bleibt, dass die Systemakkreditierung, die statt einzelner Studiengänge das Evaluationssystem einer gesamten Universität prüft, bisher kaum weniger unübersichtlich ist.

Sabine Behrenbeck vom Wissenschaftsrat, die der Eigenregie der Universitäten nicht so recht traute, suchte nach Anreizen, um Professoren den gestiegenen Lehrbedarf schmackhaft zu machen, und brachte das Reizwort politische Steuerung in die Runde. Woraufhin man sich auf Professorenseite in Künstlerpose warf und nicht Erkenntnisinteresse, sondern Eitelkeit zur Haupttriebfeder der eigenen Profession erklärte. Weil Bologna bisher aber keine Methode gefunden hat, um Lehre qualitativ zu bewerten, kann sie dem Wissenschaftler weiterhin kaum Reputationsgewinn verschaffen. Sinnvoll erscheint Behrenbecks Vorschlag, die Universitäten mit dem Ausbau von Fachhochschulen von Lehraufgaben zu entlasten. Die Finanzierungsfrage dürfte hier erneut interessant werden: Ob sich die Universitäten an den Kosten dieser Entlastung wohl beteiligen würden?

„Bologna ist flexibler als gedacht“, so hieß am Ende die neue politische Wunschformel. Das ewige europäische Rätsel von der Einheit in der Vielfalt müsse nur etwas anders aufgelöst, die Einheit nur als formales Kriterium verstanden werden, dann bleibe den Nationen alle Freiheit in der Ausgestaltung. Für die Hochschulen soll das heißen, Strukturvorgaben nicht als strikte Normen zu verstehen. Für die Ministerialbürokratie soll es eine entspanntere Herangehensweise bedeuten. Vieles, aber nicht alles hängt am Geld: Wenn das byzantinische Regelwerk gelockert würde, das war Konsens, könnte man auch mit gleichbleibenden Mitteln Besseres erreichen.

Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
Redakteur im Feuilleton.
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