Hochschulreform

Bildungsstreik

EIN KOMMENTAR Von Jürgen Kaube
17.06.2009
, 14:00
Gegen den Planungsterror: Studentenprotest in einem Treppenhaus der Freien Universität Berlin
Erst hieß es, der Protest gegen die Bologna-Reform komme nur von bequemen Dozenten. Jetzt aber wehren sich auch die Studenten gegen die Kontroll- und Effizienz-Phantasien der Bildungstechnokraten. Hat man im Reformestablishment noch eine Anschauung von der Universität?
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Die Studenten haben schon aus schlechteren Gründen gestreikt. Wenn sie es jetzt gegen die Bologna-Reformen tun, hat das eine besondere Pointe. Denn seit Jahren wird vom Reformestablishment die Erzählung gepflegt, es handele sich um eine Reform, die vor allem den Studierenden zugute komme. Kürzer, „orientierter“, berufsnäher und international anschlussfähiger, „mobiler“ lasse sich nun studieren. Davon stimmte fast nichts. Doch die Bedenken dagegen, hieß es zunächst, kämen nur von Professoren, die ihr Privileg, sich im Seminar nur um die Suche nach dem eigenen Nachfolger kümmern zu müssen, dahinschwinden sähen. Kritikern wurden überdies unterstellt, sie hingen einem Humboldt-Idyll und einer sentimental verklärten Universität der Epoche vor der Reform nach.

Dann - als die ersten Zahlen vorlagen, die in keiner Dimension die versprochenen Verbesserungen zeigten - hieß es, eine gute Idee werde leider mancherorts nicht richtig verwirklicht. Nie habe doch jemand verlangt, die Studienzeit auf sechs Semester zu verkürzen, nie sei von einer Verschulung am Gängelband der Studienordnungen und „Kredit-Punkte“ die Rede gewesen, nie vom Bachelor als „berufsqualifizierend“. Und es wurde nachgerade so getan, als sabotierten renitente Kollegien eine Reform, die nur das Beste für Studenten vorgesehen habe. Wieder waren es also die Lehrenden, denen man die Schuld am sich nun aufdrängenden Eindruck zuschob, Bologna sei vor allem einen Riesenbürokratie und eine Mogelpackung. Vor allem aber: Ein Maßnahmenbündel, das den Studenten vielerorts jede Studienfreiheit nimmt. Und damit die Freude am Studium.

Punktejagd im Kontrollsystem

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Die brandenburgische Wissenschaftsministerin hatte noch dieser Tage die Frechheit zu behaupten, die Reform habe es „ermöglicht, das Studium individueller zu gestalten“. Das haben ja nicht einmal die Befürworter der Reform behauptet. Aber es zeigt, wie kommissionstrunken die Bildungspolitik inzwischen ist. Wann war die Ministerin zuletzt an einer der Universitäten ihres Bundeslandes? Hat sie schon einmal versucht, das absurde Regelwerk zu begreifen, das inzwischen die Studienzeit im Griff hat? Tauscht sie sich mit ihren Kollegen anderer Länder darüber aus, was es heute heißt, eine ganze Bildungsphase mit der Jagd auf Punkte zu verbringen, anstatt zu lesen, nachzudenken und kognitiven Interessen zu folgen? Hat man im Reformestablishment noch eine Anschauung von der Universität?

Nein, hat man nicht. Wie gesagt: Niemand kann behaupten, die Universität sei vor der Reform ein Ort der selbstbestimmten Bildung aller gewesen. Und genau so illusorisch wäre der Glaube, alle Studenten seien ihrer Natur nach auch Studierende. Aber die Wucht, mit der sich inzwischen vielerorts eine Kontroll- und Effizienz-Phantasie auf das Studium geworfen hat, kann nicht länger damit erklärt werden, früher sei auch nicht alles Gold gewesen. Denn was interessiert die Studenten die Vorvergangenheit der Reform? Sie leben jetzt, und viele von ihnen finden schon lange keinen Sinn mehr in dem, was ihnen die Studienordnungen an bulimischem Lernen, Verzweckung des Engagements und Mentalität des Sichdurchschlagens durch unverstandene Studienparcours nahelegen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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