Hochschulreform

Nach dem Streik: Flasche und Geist

Von Wolfgang Fach
07.01.2010
, 08:24
Studentische Vollversammlung auf dem Frankfurter Universitätsgelände
Die Kultusminister im Bologna-Gedränge: Wie soll die angeblich gewollte „Reform der Reform“ denn nun aussehen? Vorerst scheint man sich nur auf eins einigen zu können: mehr Spielraum für den Stillstand.
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Wenn die Politik dem Protest recht gibt und Kabinettsmitglieder mit Rädelsführern sympathisieren, dann ist etwas faul. Wie zuvorkommend die Kultusminister zuletzt das Anti-Bologna-Ressentiment bedienten – das macht misstrauisch. Man sei halt, bekennen sie reumütig, übers Ziel hinausgeschossen und müsse nun entschlossen gegensteuern, um das Ganze „studierbar“ zu machen: Deshalb müssen die Wirkungen analysiert und, wo nötig, Korrekturen vorgenommen werden. So der Beschluss der 327. Kultusministerkonferenz am 15. Oktober 2009. So einfach soll alles gewesen sein? Der Haken an dieser Sache: Zwar gibt es unbestreitbar eine Krise, doch verwechselt die ministerielle Diagnose Symptome mit Ursachen und mündet deshalb in untaugliche Therapien.

Eine schneidig geschönte Bilanz lässt den Wunsch, hinter die Kulissen zu blicken, gar nicht erst aufkommen. Die Bundesländer würdigen ausdrücklich die bisher geleistete Arbeit der Hochschulen, ihre Studienstrukturen innerhalb der letzten Jahre zum Großteil auf das Bachelor- und Mastersystem umgestellt, die Studieninhalte modularisiert, ihre Curricula entsprechend angepasst sowie die Vorbereitung und Durchführung der Akkreditierungsverfahren erfolgreich absolviert zu haben.

Zweifelsohne sind Deutschlands Hochschulen durch das Bologna-Projekt unter massiven Anpassungsdruck geraten. Ihre Strapazen lassen sich freilich in zwei Sparten unterteilen: Umsetzung und Umgehung. Über den Daumen gepeilt, sind mehr Energien in allerlei Versuche investiert worden, die Bologna-Politik zu unterlaufen, sprich: möglichst viele der gewohnten Praktiken in den neuen Strukturen unterzubringen. Unerbittlich haben Professoren mit ihresgleichen darum gefeilscht, den eigenen „Stoff“ möglichst ungeschmälert und unverändert im neuen Format unterzubringen. Wer seinen Besitzstand bewahrt hatte, wollte ihn auch bewehren: mit möglichst vielen Prüfungen, deren Aufgabe primär darin bestehen sollte, die knappe und durch Bologna weiter verknappte Ressource Aufmerksamkeit bei sich, beim eigenen Fach, der eigenen Subdisziplin, dem eigenen Lehrstuhl zu konzentrieren. Erst neuerdings dämmert es ihnen, dass, wer vom Kuchen ein möglichst großes Stück verschlungen hat, auch imstande sein muss, den Brocken zu verdauen. „Zu viel Lehre, zu viele Prüfungen“, empört man sich heute über die Folgen der eigenen Gefräßigkeit – und sucht zornentbrannt nach Schuldigen: Bologna habe es so gewollt, der Akkreditierung sei das Debakel anzulasten, die Politik müsse endlich ein Einsehen haben etc.pp.

Hauptstudium reloaded

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Dass es den Kultus- und Wissenschaftsministern nun einfällt, der Scheinheiligkeit ihre Ehre zu erweisen und sie zu „würdigen“, ist selbst scheinheilig. Zumal sich Vollzugsdefizite beim besten Willen nicht übersehen lassen: Die Länder fordern die Hochschulen dazu auf, im Rahmen der ländergemeinsamen Strukturvorgaben bei der Einführung neuer Studiengänge die vorhandene Bandbreite von Regelstudienzeiten in Bachelor-Studiengängen (die sechs, sieben oder acht Semester betragen kann) zu nutzen. Die Hochschulen werden gebeten, im Rahmen der Reakkreditierung die Studieninhalte zu überprüfen. Dabei können Grundlagen und Spezialisierungen im Rahmen von Bachelor- und Masterstudiengängen neu austariert werden. Das Studium darf also künftig wieder mehr Zeit in Anspruch nehmen; und seine Inhalte sollen neu geordnet werden. Angebracht sei es, erfahren wir, all jene Spezialitäten, die man, um ja nichts ändern zu müssen, einst panikartig ins randvolle BA-Programm gestopft hat, schleunigst wieder zu entfernen, um sie stattdessen dem interessierten Häuflein fortgeschrittener Master-Minds später zu servieren.

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Verrutscht da nicht etwas? Erinnerungen werden wach: an ein „Grundstudium“, dessen einzige Funktion darin bestand, den anspruchslosen Grund für die Hauptsache zu legen, das ambitionierte „Hauptstudium“. Dazwischen lag mal eine Prüfung mit dem simplen Zweck, jene auszusortieren, die nicht von selbst gemerkt haben, dass sie für höhere Weihen auf dem Felde des Wissens nicht geschaffen sind. Niemand ist damals auf den Gedanken verfallen, diese Selektion als geldwerte Qualifikation (employability) anzupreisen.

Dass der Zugewinn einstweilen das Papier nicht wert ist, auf dem er steht, wird im Handumdrehen deutlich. Den Hochschulen traut man nicht, sie müssen an die Kandare genommen werden: Die Länder erwarten vom Akkreditierungsrat und den Akkreditierungsagenturen, dass sie der Studierbarkeit des Studiums Geltung verschaffen. Auch die Modulgestaltung und Kompetenzorientierung sowie die „employability“ sind im Zuge anstehender (Re-)Akkreditierungen verstärkt einer kritischen Prüfung zu unterziehen. So die offizielle Verlautbarung. In einem Satz: Das Reformprojekt wird „outgesourct“ und externen Instanzen anvertraut. Sie sollen nicht alleine prüfen, ob alles mit rechten Dingen zugeht, sondern diese Dinge selbst richten und ihnen gehörig „Geltung verschaffen“.

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Exzellenz pfeift auf Bachelor

Gegenüber wem? Den Hochschulen, deren Veränderungswillen offenkundig nicht ausreicht, um ihre alten Zustände dem neuen Standard hinreichend anzunähern. Falls sich unsere Akkrediteure diesen Job tatsächlich andrehen lassen, werden sie an ihm scheitern, so sicher wie das Amen in der Kirche. Wie kann man ernsthaft glauben, die geforderte Entschlackungskur sei über alle universitären Köpfe hinweg mit Hilfe von Pressionen wirksam durchzuführen? Damit nicht genug. Wer vermag denn mit hinreichender Autorität anzugeben, welches Wissen entweder ganz wegfallen oder auf später verschoben werden kann? Bologna hat da seinen blinden Fleck, von Anfang an.

Eigentlich war daran gedacht, dass der Hinweis auf employability weiterhelfen würde. Doch niemand hat bisher irgendwelche ernsthaften Gedanken darauf verschwendet, was darunter zu verstehen sei. Am allerwenigsten kümmern sich jene Kreise darum, deren Interesse eigentlich bedient werden soll. Bis heute schwadroniert eine desorientierte Wirtschaft ahnungslos ins Blaue, wenn sie ihre Ansichten kundtun soll. Das kognitive Vakuum erlaubt es dem Wissenschaftsbetrieb, unbeirrt seine liebgewonnene Monadenmentalität zu pflegen: die von geistiger Askese schwärmt, an unverrückbaren Standards klebt, in delirierenden Exzellenzträumen schwelgt – und auf den Bachelor pfeift.

Berechenbarkeitsgewinn gegen Freiheitsdrang

Narrenfreiheit soll gleichwohl nicht herrschen; auch das ministerielle Auge will darauf sehen, dass am Ende Bologna über professorale Idiosynkrasien triumphiert: Die Länder wirken gegebenenfalls auch im Rahmen ihrer Hochschulgesetzgebung darauf hin, dass nicht ein kleinteiliges Prüfungswesen zu Lasten der Studierenden, aber auch der Lehrenden aufgebaut wird. Eine individuelle und flexible Studiengestaltung der Studierenden sollte, heißt es, nicht durch eine übermäßige Verknüpfung von Modulen innerhalb von Studiengängen eingeschränkt werden, damit individuelle Freiräume für die Studierenden erhalten bleiben beziehungsweise ausgebaut werden.

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Mögen sie darauf hinwirken und sich einmal wenigstens ihres sicheren Erfolges freuen. Er wird schon deshalb eintreten, weil der (Prüfungs-)Wahnsinn die Wahnsinnigen allmählich so ausgelaugt hat, dass sie ihren Wahnsinn selbst erkennen. Man lebt schließlich in einem elaborierten Bereich erprobter Selbstschutzmechanismen. Deutlich höhere Hindernisse stehen dem anderen Postulat im Wege: dass Studiengänge nicht starr durchnumeriert sein sollten, weil eine strikte Kurs-Verkettung dem studentischen Freiheitsdrang Abbruch tun könne. Schon die Prämisse ist hier falsch, denn nach libertär entfesselten Studienabläufen dürstet nur eine vernachlässigbar kleine (wiewohl nicht vernachlässigbar laute) Avantgarde. Sie will sich in der Tat lernend selbst finden und empfindet den Gedanken, das angestaute Wissen einmal nutzbringend abzuführen, als ferngesteuerte Ökonomisierung ihrer flottierenden Spiritualität. Der übergroße Rest verzichtet für Berechenbarkeitsgewinne gerne auf Freiheitsgrade.

Spielraum für den Stillstand

Perfekt passen solche Stabilitätssehnsüchte zur professoralen Begeisterung für aufsteigende (Studien-)Abläufe in kristallisierten (Fächer-)Kombinationen: Grund/Haupt, Haupt/Neben. Punkt. Die Modularisierung hätte, konsequent eingesetzt, diese Welt erschüttert, kanonische Bestände durch thematische Bezüge ersetzt und statt des „Wissensaufwuchses“ den Erkenntnisgewinn gefördert. Doch da sei Humboldt davor.

So kündigt sich vorderhand nur eine spektakuläre „Reform der Reform“ an: die Studienzeitverlängerung. Ihr können alle Seiten etwas abgewinnen. Politiker entsorgen überschäumende Protestenergien; Unternehmer können weitere Ausbildungskosten abwälzen; den Studierenden bleibt unbenommen, Zeitgewinne in Freiheitsphantasien zu investieren; und dem Lehrkörper fällt die Körperpflege wieder leichter. Kurzum: Mehr Spielraum für mehr Stillstand. Wer sich anderes wünscht, muss den Geist aus der Flasche lassen. Nur dann wird das Märchen wahr.

Der Autor lehrt Politikwissenschaft an der Universität Leipzig, deren Prorektor für Lehre er ist.

Quelle: F.A.Z.
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