Hochschulforschung nach Bologna

Es ist alles entschieden, jetzt brauchen wir Beratung

Von Jürgen Kaube
20.04.2014
, 23:03
Die Göttin der Weisheit wacht: Minerva-Statue auf der Alten Brücke in der Universitätsstadt Heidelberg
Der Wissenschaftsrat ruft nach mehr Forschung über Hochschulen. Beratungsfähig, sogar prognosefähig soll sie sein. Jetzt, nachdem nicht zuletzt unter Ägide des Wissenschaftsrats die Messe der Bologna-Reformen gelesen ist.
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In seiner Frühjahrssitzung hat der Wissenschaftsrat, das wichtigste Konsultationsgremium der hiesigen Hochschul- und Forschungspolitik, auch Empfehlungen zur Selbsterkundung der Wissenschaft abgegeben. Die Wissenschafts- und Hochschulforschung erscheint ihm nämlich in Deutschland stark reformbedürftig. Oder wie er es in seinem das ganze „Positionspapier“ durchziehenden Neusprech formuliert: Sie erscheint ihm „nicht ihrer gesellschaftlichen Bedeutung entsprechend aufgestellt“.

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Nun ist nicht die Wissenschaftsforschung gesellschaftlich so bedeutend. Vielmehr meint der Wissenschaftsrat die Wissenschaft selber, deren Stellenwert für technische Innovation, Wirtschaftswachstum, Umweltschonung und das „Bildungsniveau der Bevölkerung“ er noch einmal unterstreicht. Sogar von einer zunehmenden Verwissenschaftlichung des Familienlebens ist die Rede (wer’s nicht glaubt, weil es Unfug ist: auf Seite 12). Und also, meint der Wissenschaftsrat, müsste auch dem Wissen über die Wissenschaft eine entsprechend zentrale Stellung zukommen. Eventuell sogar der Überprüfung von solchen Thesen zu ihrer Bedeutung etwa für das Bildungsniveau, von dem man ja auch annehmen könnte, dass es mehr von den Gymnasien abhängt.

Keine Selbstrekrutierungsfähigkeit

Die Wissenschaftsforschung müsste also wichtig sein, ist es aber nicht. Die Institute, die sich in diesem Land mit Wissenschaftsgeschichte, Erkenntnistheorie, mit der Soziologie des Labors, der Ökonomie von Forschung oder der Analyse von Hochschulreformen befassen, lassen sich an wenigen Fingern abzählen.

Nachdem ín den sechziger und siebziger Jahren die Wissenschaftsforschung ein aufsteigendes Gebiet war, werden entsprechende Lehrstühle an den hiesigen Universitäten inzwischen reihenweise umbesetzt. Ein bisschen Technikfolgenabschätzung hier, ein wenig Hochschuldidaktik da, außerdem ein ebenso herausragendes wie national isoliertes Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und schließlich das bislang der Deutschen Forschungsgemeinschaft zugehörige „Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung“ (IfQ) - das sind schon die prominentesten Strukturen.

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An der TU München wird gerade die Wissenschaftssoziologie mit Stiftungsmitteln eingerichtet. Doch die Schwierigkeiten, überhaupt jemanden zu finden, der dieses Fach vertreten kann, zeigten sich auch schon beim Versuch, das Bielefelder „Institut für Wissenschaft und Technik“ fortzuführen. Einst das Symbol des um 1960 aus den Vereinigten Staaten und Frankreich herkommenden Interesses an Selbsterforschung der Wissenschaft, hat es trotz zweier Graduiertenkollegs nicht einmal die Selbstrekrutierungsfähigkeit dieser Disziplin garantieren können.

Quantitative Analysen und Zusammenlegungen

Das ist weit über die Mängel- und Mangelanalyse des Wissenschaftsrats hinaus eine Malaise. Kommt doch ein Gutteil der Sprachlosigkeit deutscher Hochschulen gegenüber den Reformphrasen des vergangenen Jahrzehnts auch daher, dass hierzulande kaum gute Forschung zu ihnen und überhaupt zur Empirie der Hochschulen oder zu den Effekten von Hochschulpolitik existiert. Der Wissenschaftsrat wünscht sich jetzt solche beratungsfähige Forschung. Sogar prognosefähig soll sie nach Auskunft des „Positionspapiers“ sein. Jetzt, nachdem nicht zuletzt unter Ägide des Wissenschaftsrats die Reformmesse gelesen und alles mögliche - soll man also sagen „blind“? - durchgesetzt worden ist.

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Während oder gar vor den Bologna- und Exzellenz-Projekten hatte der Wissenschaftsrat nicht nach solcher Beratung gefragt. Die Prognosefähigkeit war, was die Wirkung der Studienzeitverkürzung, der Verkursung des Unterrichts und des Drittmittelrausches angeht, dementsprechend. Nicht einmal die absehbarsten Effekte wurden in den Blick genommen.

Dem hier naheliegenden Vorwurf der Heuchelei entgehen die Frühjahrsempfehlungen allerdings. Sie beziehen sich, wenn sie vom Beratungsbedarf der Hochschulpolitik sprechen, auf das, was sie als „empirische Wissenschafts- und Hochschulforschung“ bezeichnen und vom historischen, soziologischen oder politikwissenschaftlichen Nachdenken unterscheiden. Wovon sich der Wissenschaftsrat mehr und Besseres wünscht, sind also quantitative Analysen des Hochschul- und wissenschaftlichen Publikationswesens.

Dazu empfiehlt er unter anderem, das Hochschul-Informations-System in Hannover und das IfQ in Berlin zu einem „Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung“ zusammenzulegen. Den dringlichsten Bedarf sieht das „Positionspapier“ in der Datenerhebung, der Nutzung aktueller Informationstechnologien, der Verlaufsanalyse wissenschaftlicher Karrieren, der Entwicklung - man darf sagen: weiterer Indikatoren „für das Wissenschaftssystem insgesamt“.

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Interpretation gefragt

Selbstverständlich finden sich auch zwei Sätze dazu, dass diese empirische Forschung „allerdings jederzeit auch offenbleiben“ soll für jene anderen Disziplinen, von denen es heißt, sie arbeiteten „mit erkenntnistheoretischen, historisch-hermeneutischen und normativen Methoden“. Will sagen: Wir brauchen auch Juristen, und wer unbedingt historisch über Forschung forschen will, soll sich auch nicht ausgeschlossen fühlen.

Doch die Botschaft ist unwillkürlich klar, dass man Wissenschaft und Universität für längst verstanden, nur eben noch nicht ausreichend erhoben hält. Dass die Zahlen der empirischen Hochschulforschung fast beliebig interpretierbar sind, hat uns hingegen keine Hochschulforschung, sondern die Wirklichkeit gelehrt. Doch das hätte natürlich der Wissenschaftsrat genauso wenig formulieren können wie den Befund, dass man sich fortlaufend ohne empirisches Verständnis der Universität an ihrer Reform beteiligt. Denn damit hätte er ja seinerseits eingestanden, als Teil der Politik mehr als der Wissenschaft, bei seinen Empfehlungen fast ausschließlich von „normativen Methoden“ Gebrauch zu machen.

Das Positionspapier kann gelesen werden unter: www.wissenschaftsrat.de

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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