Münchens Universität

Zu Besuch bei unserer Exzellenz

Von Kilian Trotier
14.08.2008
, 13:58
München hat ihn, den Status einer Exzellenzhochschule.
München hat ihn, den Status einer Exzellenzhochschule. Die meisten Strukturen stehen, die finanzielle Ausstattung stimmt, und die Elite drängt sich. Seltsam, dass trotzdem nur von Konflikten die Rede ist. Kilian Trotier hat sich umgehört.
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Parallel zum größten Umstrukturierungsprozess der deutschen Universitäten in ihrer Geschichte, der Bologna-Reform, haben die Bildungspolitiker mit der Exzellenzinitiative eine weitere Reform angestoßen. Mit ihr wollen sie einzelne Aspekte des Universitätskörpers verstärkt fördern, damit sich diese wissenschaftlichen Vorzeigeprojekte im Rückschluss stimulierend auf den gesamten Mechanismus auswirken. Seit zwei Jahren gibt es die Exzellenzinitiative. Bei den Gewinnern des entsprechenden Wettbewerbs sind die meisten Strukturen jetzt aufgebaut, wenn auch von Berlin bis Heidelberg und München noch nicht überall schon Räume für das Exzellenzpersonal gefunden sind. Schon aber denkt man laut über die zweite Runde der Inititative nach. Höchst umstritten ist jedoch bislang die Bilanz. Hilft die Exzellenzinitiative dabei, das angestaubte Image der deutschen Universitäten zu verändern, so dass sie auf absehbare Zeit mit der ausländischen Konkurrenz mithalten können? Oder baut die Initiative künstlich einige wenige Projekte so groß auf, dass die Universität am Ende gar als Gesamtgebilde auseinanderfällt?

Das liebe Geld

In München besitzt der Streit um diese Frage eine besondere Brisanz. Sowohl die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) als auch die Technische Universität München (TUM) waren schon in der ersten Runde der Exzellenzinitiative erfolgreich. In keiner anderen deutschen Stadt arbeiten mehr Forschungsverbünde, die sogenannten „Cluster“, und Graduiertenschulen unter den neuen Exzellenzbedingungen. Spricht man mit den Professoren, die die Cluster und Schools aufgebaut haben, herrscht erwartungsgemäß zunächst einmal Freude über die gewonnenen neuen Mittel und Möglichkeiten. Besonders die Infrastruktur und die interdisziplinäre Zusammenarbeit über die Universitätsgrenzen hinaus habe sich durch die Clusterbildung verbessert, sagt Andreas Burkert vom „Cluster Universe“. Gemeinsam mit Kollegen von der TUM und den Garchinger Max-Planck-Instituten forscht er über die Ursprünge und die Strukturen des Universums. Große Dienste leistet dabei ein Hochauflösungsrechner für Simulationen. Er konnte aus den Mitteln der Exzellenzinitiative finanziert werden.

Geld: Kein Gespräch mit den Professoren vergeht, ohne dass sie auf die finanzielle Ausstattung der Projekte zu sprechen kommen. Die Forscher können neue Stellen ausschreiben, den wissenschaftlichen Mittelbau stärken und Materialinvestitionen tätigen, die ohne die Exzellenzinitiative nicht möglich gewesen wären. Zum anderen erfahren sie aber auch täglich, wie eng die Grenzen dieser finanziellen Unterstützung gesteckt sind. Benedikt Grothe, Koordinator der „Graduate School of Systemic Neurosciences“, hat einen herben Rückschlag in seinen Personalplanungen hinnehmen müssen. Er wollte ein renommiertes Forscherehepaar an seine Schule holen. Im letzten Moment erhielt er eine Absage. „Unser inhaltliches Angebot war besser, aber wir konnten beim Gehalt einfach nicht konkurrieren.“ Das Ehepaar geht nun nach San Diego.

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Konkrete Pläne sind gefragt

Dennoch bereitet den Forschern nicht das Geld das größte Kopfzerbrechen. Viel gravierender wirkt sich die langfristig noch unklare Zukunft ihrer neuen Einrichtungen auf ihren Alltag aus. „Wir besitzen einfach keine Planungssicherheit“, klagt Jochen Feldmann, Koordinator des Exzellenzclusters „Nanosystems Initiative Munich“. Die Politik müsse möglichst bald klar sagen, wie es mit den Exzellenzforschungen weitergeht. Christian Stemmer, Projektleiter in der „International Graduate School of Science and Engineering“, pflichtet bei: „Einrichtungen wie die Graduate School laufen in der zugesicherten Förderzeit von fünf Jahren erst einmal an.“ Mit einem bunten Prospekt, in dem die Projekte schön präsentiert werden, sei es nicht getan.

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Ganz anders sieht die Entwicklung hingegen bei der öffentlichkeitswirksamen Ausschlachtung des Exzellenzlabels aus. Beide Münchener Universitäten setzen ihren Elitestatus seit dem Tag der Bekanntgabe im Oktober 2006 ganz bewusst ein, um die Attraktivität des eigenen Standorts zu steigern. Die Bewerber häufen sich - auch in den Fachbereichen, die gar nichts oder nur sehr wenig mit der Exzellenzinitiative zu tun haben. Aber profitieren die Studenten überhaupt von der Exzellenzinitiative?

Es gibt immer Gewinner und Verlierer

Moritz Tobiasch, Studentischer Vertreter im Senat der TUM, zeigt sich skeptisch: „Es ist zwar ein psychologischer Wandel zu spüren: Die Professoren fordern mehr von den Studenten, wenn sie Elite sein wollen, und umgekehrt. Da die Exzellenzinitiative aber auf die Forschung und nicht auf die Lehre ausgerichtet ist, kriegen die meisten Studenten nichts von ihr mit.“ Auch Professoren von Fachbereichen, die nicht in einem der Cluster oder in einer der Graduate Schools aktiv sind, haben Vorbehalte. Nicht zuletzt gegenüber dem verpürten Druck, sich an der Fortsetzung des Wettbewerbs beteiligen zu sollen.

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Der administrative Aufwand sei einfach enorm, sagt der Historiker Martin Baumeister: „Durch die Exzellenzinitiative soll die Forschung angetrieben werden, in den Zeiten der Anträge behindert sie aber eher die Arbeit, als dass sie nutzt.“ In jedem Wettbewerb gibt es Gewinner und Verlierer. Die Gewinner der Exzellenz-Konkurrenz haben in der Phase der Antragsstellung viel Zeit und Ressourcen investiert und sind belohnt worden. Die Verlierer haben ebenso viel Aufwand betrieben und stehen nun mit leeren Händen da. Woraus sollen sie die Motive ziehen, sich an einem immerwährenden Exzellenzwettbewerb zu beteiligen, anstatt einfach zu tun, wofür sie angestellt sind: zu forschen?

Die Konflikte häufen sich

Eine weitere unbeabsichtigte Nebenfolge ist die merkwürdige doppelte Autoritätsstruktur, mit der erfolgreiche Universitäten jetzt leben müssen: Es gibt Dekane, die etwas zu sagen haben, weil sie gewählt und für vieles zuständig sind, aber es gibt auch Cluster-Sprecher und School-Leute, die etwas zu sagen haben, weil sie Sieger sind und also Lieblinge der Universitätsleitungen. Wer wird sich im Konfliktfall - und Universitäten bestehen aus Konfliktfällen - durchsetzen?

Der Münchner Philosoph Axel Hutter prognostiziert eine dazu passende weitere Konfliktlinie: entlang der Trennung von Forschung und Lehre. „Einzelne Fakultäten werden genauso wie ganze Universitäten zerrissen. Fächer können in ihrer Breite nicht mehr gelehrt werden, und auch in den Universitäten werden einige wenige Hotspots zur Förderung auserkoren, die die Einheit der Universität akut gefährden.“ Mit anderen Worten: Es könnte sein, dass es demnächst auch innerhalb der Universitäten außeruniversitäre Forscher gibt. Das ist nicht aus der Luft gegriffen. Die Einrichtung sogenannter Forschungsprofessuren mit Freistellungen ihrer Inhaber auf Jahre hinaus, war in München schon ein Argument der Universität bei Bleibeverhandlungen mit Wissenschaftlern. Die geblieben sind, können sich nun auf ein lehrentlastetes Leben freuen, sofern es denn eine Freude ist.

Quelle: F.A.Z.
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