Max-Planck-Gesellschaft

Im Zweifel hat der Direktor recht

Von Sven Grünewald
22.10.2014
, 23:34
Es kann ein ziemlich steiniger Weg sein, bis man ihn sich aufsetzen kann: den Doktorhut
Wie geht die angesehene Max-Planck-Gesellschaft mit ihrem wissenschaftlichen Nachwuchs um? Es mehren sich die Fälle, in denen Direktorenherrlichkeit unwidersprochen bleibt.
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„Wir leben nicht mehr in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, wo ein Direktor wie ein kleiner König herrschen konnte“, betonte Peter Gruss, bis Juni 2014 Präsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), in seiner Abschiedsrede vor dem Wissenschaftlichen Rat der MPG. Dass er so deutliche Kritik übte, hatte seinen Grund. Anfang des Jahres bekam er von Doktorandenvertretern eine schwarze Liste mit seit Jahren bestehenden und verschleppten Problemen in der Nachwuchsförderung überreicht. „Wissenschaftlicher Nachwuchs bedeutet nicht billige Arbeitskräfte“, ergänzte Gruss und betonte die Verantwortung, die seitens der Direktoren gegenüber Nachwuchs bestehe.

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Mit Martin Stratmann ist seit einigen Monaten ein neuer Präsident im Amt, der vor denselben tiefgehenden Problemen steht. Nach außen bemüht sich die Generalverwaltung der MPG zwar um Aufklärung, übt bei Fehlverhalten auch Druck auf Direktoren aus und betont, wie wichtig ihr der Input des eigenen Nachwuchses ist. Hinter den Kulissen geschieht jedoch das Gegenteil. Die Generalverwaltung der MPG gibt sich jede Mühe, Kritik zu unterbinden und wenn es darauf ankommt im Interesse der Direktoren zu handeln.

Wie sehr Promovenden Willkür ausgesetzt sein können, illustriert der Fall eines asiatischen Stipendiaten. Sein Direktor bot ihm eine zusätzliche halbe Stelle in einer seiner privaten Firmen an, da das Forschungsprojekt für das Unternehmen von großem Interesse war. Als der Doktorand schließlich seine Forschungsergebnisse publizieren wollte - die Voraussetzung für den Doktortitel -, kam es zum Streit mit seinem Direktor, der die Publikation verhindern wollte. „Er ist davon ausgegangen, dass die Publikation das Geschäft der Firma beeinträchtigt“, so der Doktorand, der daraufhin seinen Nebenjob kündigte.

Betreuer-Doktoranden-Verhältnis zerstört

Die Generalverwaltung wurde eingeschaltet, und es kam zu einem klärenden Gespräch, infolge dessen sie zu dem Schluss kam, dass das Betreuer-Doktoranden-Verhältnis zerstört sei und die Promotion nicht abgeschlossen werden könne. Dem Direktor wurde nahegelegt, die Verbindung zu dem Doktoranden zu beenden, verbunden mit dem Hinweis, dass der Doktorand als Stipendiat keine Rechte an seiner wissenschaftlichen Leistung geltend machen kann. Daraufhin wurde ihm mit sechswöchiger Frist das Stipendium entzogen, ihm blieb nur wenig Zeit, um eine neue Stelle zu finden, andernfalls wären er sowie seine schwangere Frau ausgewiesen worden.

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Es ist beileibe kein Einzelfall, dass im Zweifel der Nachwuchs auf der Strecke bleibt. Im Münchener MPI für Psychiatrie wurde spätestens seit 2009 bei der internen Evaluation Kritik am einzigen Direktor des Instituts, Florian Holsboer, geübt. Aber erst 2013, nach weiterer Kritik, schaltete sich die Generalverwaltung ein, berief zwei weitere Direktoren in diesem Institut und blockierte Holsboers Budget mit der Folge, dass die Verträge und Stipendien seiner Mitarbeiter nicht mehr verlängert werden konnten.

Heuchelei der Generalverwaltung

Die Generalverwaltung bot allen Nachwuchswissenschaftlern lediglich dreimonatige Übergangsstipendien an. Viele von ihnen mussten daher am Ende auf Kosten der Sozialsysteme abschließen. Ein Vorgang, der vom wissenschaftlichen Nachwuchs als Beispiel für die Heuchelei der Generalverwaltung betrachtet wird. Obwohl die Budgetsperre als Bestrafung für das Fehlverhalten des Direktors gedacht war, wurde Holsboer weiter im Amt belassen und sogar zum Juli 2014 emeritiert, wodurch er viele Vergünstigungen behielt. Erneut hatte der Nachwuchs das Nachsehen, während der Direktor selbst keinerlei Konsequenzen fürchten musste.

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Ein Fall aus diesem Jahr zeigt die fortwährende Aktualität des Verhaltens der Generalverwaltung: Ein Stipendiat zieht in eine andere Stadt und will die Promotion dort fertigstellen - eigentlich kein Problem, denn für Stipendiaten besteht keine Anwesenheitspflicht in einem Institut. Doch der Direktor lehnt das kategorisch ab und beschließt, dass es keine Weiterführung des Stipendiums geben würde. Pikant ist der Fall, weil der Direktor in seiner Begründung direkt auf die Auskunft der Generalverwaltung verweist, wonach die Förderverlängerung von der Anwesenheit am Institutsort abhänge - ein klarer Bruch der Vorschriften, und das, obwohl im Laufe der Zeit mehrfach Rundschreiben der Generalverwaltung genau auf diesen Umstand hingewiesen haben.

Die Signale nach innen sind eindeutig: Wer sich beschwert, geht große Risiken ein, vor allem als Stipendiat - das sind mehr als sechzig Prozent aller Nachwuchswissenschaftler in der MPG. Dass einige Bedingungen für Stipendiaten in der Tat verbessert wurden, betont auch die Doktorandenvertretung PhDnet. Kritik übt sie jedoch weiterhin daran, dass diese Verbesserungen zwar von der Generalverwaltung eingeführt wurden, aber von den Direktoren umzusetzen sind und sie damit oft genug nur auf dem Papier existieren.

Länger bekannter Umstand

Genau deswegen mahnte auch Ex-Präsident Gruss in einem Brief an alle Direktoren: „In der Außenwirkung wäre es fatal, wenn der Eindruck entstünde, dass die Max-Planck-Gesellschaft trotz optimierter Förderbedingungen diese intern nicht verlässlich anwendet.“ Ein schon länger bekannter Umstand. Bereits Mitte 2013 stellte eine im Auftrag der Generalverwaltung durchgeführte Befragung von Doktoranden und Alumni durch das Hochschulinformationssystem HIS fest: „Im Rahmen der offenen Angaben wird mehrfach die Situation der Stipendiaten kritisiert. Diese subjektiven Erfahrungen decken sich mit den Erhebungen des PhDnet, das diese Praxis zu Recht kritisiert hat!“ Öffentlich erkennt man das jedoch nicht an.

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Um belastbare Zahlen zu erhalten, startete das PhDnet im Sommer einen „Payment Survey“. Dieser befasste sich unter anderem damit, wie oft Rekrutierungsboni, Umzugshilfen oder Sachkosten- und Familienzuschüsse gewährt wurden und inwiefern Stipendiaten weiterhin vertragswidrig in ihren Instituten in Alltagsaufgaben eingebunden sind - unangenehme Fragen, die immer noch nicht von der Generalverwaltung selbst gestellt wurden.

Daraufhin schrieb Rüdiger Willems, stellvertretender Generalsekretär der MPG, einen Brief an die Leitung des PhDnet, in dem er auf eine erst im Mai 2014 abgeschlossene „Gesamtbetriebsvereinbarung“ verwies: Erhebungen seien nur noch bei Verwendung einer bestimmten Softwareinfrastruktur, deren Nutzung unter der Kontrolle der Generalverwaltung ist, sowie nach Genehmigung durch den Gesamtbetriebsrat erlaubt. Falls diese Bedingungen nicht gegeben seien, so wäre die Erhebung unzulässig, die Daten müssten vernichtet werden; in Zukunft sollten alle Erhebungen im Vorfeld bitte mit der Generalverwaltung abgestimmt werden.

Von den Doktoranden war nie die Rede

Vorerst wurde die Erhebung daher ausgesetzt, doch die Doktoranden wollen sich ihr einziges wirksames Instrument der unabhängigen Interessenvertretung nicht aus der Hand nehmen lassen. Denn eigentlich sollte diese Vereinbarung dem Gesamtbetriebsrat nur die Prüfung der Erhebungswünsche seitens der Generalverwaltung erleichtern, von den Doktoranden war nie die Rede. Das PhDnet erfuhr überhaupt erst mit dem Willems-Brief von der Existenz dieser Regelung.

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Der Gesamtbetriebsrat bekam im Übrigen auch bereits Druck von oben. Wie das Protokoll einer gemeinsamen Sitzung mit dem Präsidium im Sommer 2012 zeigt, warf Präsident Gruss dem Gesamtbetriebsrat einen Bruch der vertrauensvollen Zusammenarbeit vor, da er „es als völlig inakzeptabel empfunden habe, dass auf der letzten Sitzung des Gesamtbetriebsrats unter Anwesenheit eines Mitarbeiters des Bildungsministeriums über die arbeits-, sozialversicherungs- und zuwendungsrechtliche Einbindung von Doktoranden an den MPIs diskutiert wurde“.

Nach dieser Standpauke verließ der Präsident die Sitzung, während Generalsekretär Kronthaler und sein Stellvertreter Willems die Diskussion weiterführten. Im Selbstverständnis der Generalverwaltung scheint sie offenbar das einzige Organ der MPG zu sein, das eigene Interessen haben und vertreten darf; statt sich gemeinsam für einen effizienten Einsatz der Steuergelder und exzellente Bedingungen für den Nachwuchs zu engagieren, verliert man sich in internen Kleinkriegen.

Aus öffentlichen Mitteln

Der öffentliche Anspruch, Kritik ernst zu nehmen und Taten folgen zu lassen, steht im Widerspruch zu ihren Handlungen. Dass die MPG bislang damit durchkommt, liegt unter anderem an der Gemeinsamen Wissenschaftlichen Kommission (GWK), der Aufsichtsbehörde der aus öffentlichen Mitteln finanzierten Forschungseinrichtungen. Nach der Aufsichtspflicht und den konkreten Vorfällen gefragt, verwies die GWK schlicht auf die Position der Generalverwaltung der MPG.

Auch seitens der Politik hielt sich die Kritik an der MPG bisher in Grenzen. Doch das könnte sich ändern. „Dass allein nur wissenschaftliche Kriterien wie die Generierung von Nobelpreisen oder die Entwicklung von Patenten ausschlaggebend für die Finanzierung von Forschungseinrichtungen sind, gilt als überholt. Wissenschaft lebt immer auch von ihrer Reputation, welche die Nachwuchsförderung umfassen muss“, sagt Daniela De Ridder, SPD-Mitglied im Bildungsausschuss des Bundestags. „Wenn wir konkurrenzfähig bleiben wollen, müssen wir uns vermehrt auch der Binnenstrukturen der Forschungseinrichtungen annehmen. Kritische Nachfragen sind daher kein Zeichen von Misstrauen, sondern ein Indiz für Verantwortungsgefühl. Das gilt für unsere Wissenschaftslandschaft insgesamt und damit auch die MPG.“

Ende November steht die Entscheidung über den Bundeshaushalt 2015 an und damit über den Pakt für Innovation und Forschung. Es sollte jemand die Verantwortung übernehmen, mit allen Beteiligten sprechen und Strukturen ändern, die im Kern noch aus der Kaiserzeit stammen.

Quelle: F.A.Z.
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