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Pisa-Schulpolitik

Vom Unsinn ewiger Bildungsreformen

Von Jürgen Kaube
Aktualisiert am 11.05.2014
 - 17:16
Ein Testverfahren, das sich längst verselbständigt hat: Seit 2000 werden Pisa-Studien durchgeführt.
Die OECD und ihre Pisa-Studien nehmen großen Einfluss auf die nationale Bildungspolitik. Pädagogen nehmen nun in einem offenen Brief kein Blatt vor den Mund, was sie von den Folgen der mittlerweile auf Dauer gestellten Testseligkeit halten.

Ein offener Brief an Andreas Schleicher macht die Runde. Schleicher ist OECD-Koordinator der Pisa-Studien und eine Art Dauerratgeber an Schulsysteme weltweit. Er wird nun aufgefordert, die Folgen seines Tuns und das der Pisa-Befürworter zur Kenntnis zu nehmen. Die gut einhundertdreißig Erstunterzeichner des Briefes sind Forscher, Lehrer und Schulleiter, Statistiker und Verwaltungsfachleute, von Oxford über Stockholm, Wien und Berlin bis Stanford. Initiator der Aktion ist der an der New Yorker State University lehrende Erziehungswissenschaftler Heinz-Dieter Meyer.

Und ihre Beschreibung der Pisa-Folgen liest sich so: Die Bildungspolitik starrt gebannt auf jedes Testergebnis und blendet alles andere aus. Für viele zählt nur noch, ob ihr Land sich in den Rangtabellen verbessern konnte. Immer mehr Tests bestimmen das Leben an den Schulen. Alles werde inzwischen getestet und in Rangfolgen gebracht: Schüler, Schulen, Regionen, Nationen, Lehrer, Verwaltungen. Die OECD werde zum „globalen Schiedsrichter über Mittel und Ziele von Bildung“ - und das, obwohl man wisse, wie wenig verlässlich die Aussagen dieser Tests seien: Man denke nur an das unerklärte Verschwinden Finnlands von der Pisa-Tabellenspitze.

Herunterfahren der Testmaschinerie

Dieser „Wettlauf um Testergebnisse“ verändere den Unterricht nicht zum Guten. Tatsächlich ist er mancherorts zu einer Vorbereitung auf Tests der sogenannten empirischen Bildungsforscher verkümmert. Die Klassenzimmer würden dadurch „bildungsärmer“, es nähme der Einsatz von Unterrichtsmodulen zu, die von privaten Firmen auf die Pisa-Welt zugeschnitten werden, überall verbreiteten sich „Multiple-Choice-Testbatterien“. Was von Pisa nicht getestet werde - gestalterische, musische, historische oder moralische Denkfähigkeit -, trete im Unterricht zurück.

Da die Pisa-Tests alle die Jahre stattfinden, nehme außerdem die Kurzfristigkeit der Bildungspolitik zu. Was nicht messbar sei, verschwinde aus ihrem Blick. Es verenge sich in der Folge von „Pisa“ der Begriff dessen, worum es bei schulischer Erziehung gehe. Dass die OECD als wirtschaftspolitische Organisation vor allem die Arbeitsmarktbefähigung von Schülern im Blick habe, sei verständlich, aber eben in Bezug auf Schulen nicht ausreichend. Das Leben, in das die Schule entlässt, besteht nicht ausschließlich aus Wirtschaft. Die OECD habe insofern gar kein politisches Mandat für Schulen.

Die Unterzeichner wehren sich gegen den Eindruck, der erweckt wird, als könne Schule - und gar eine nach Pisa-Maßstäben eingerichtete - soziale Ungleichheit beseitigen. Sie fordern eine Besinnungspause und ein Herunterfahren der OECD-Testmaschinerie. Und sie fordern, dass sich die OECD der Kritik an den Tests und ihren Auswertungen stellen solle. Die gesamten Kosten des Testens sollten offengelegt werden. Und es solle Rechenschaft über die Beteiligung privater Firmen am gesamten Verfahren abgelegt werden.

Widersprüche im System

In Deutschland haben sich dem Aufruf, der bislang nur im englischen „Guardian“ und im Internet publiziert worden ist, inzwischen schon mehr als vierhundert Unterzeichner angeschlossen. Bemerkenswerterweise kommen sie aus alle Regionen des Bildungssystems, von Grund-, Haupt- und Realschulen genauso wie von Berufsschulen, Gymnasien und Universitäten.

Es wurde auch Zeit. Zeit nämlich, dass sich Schulleute zur Wehr setzen gegen die Zermürbung von Lehrern und die Ablenkung von Schülern durch Reformen, die völlig blind über ihnen abgeworfen werden. Von Uppsala bis Mexiko City soll ein und derselbe Test und - wenn es nach Andreas Schleicher geht - ein und dieselbe Schulform zum größten sozialen Glück führen. Dass die OECD seit etwa vierzig Jahren beispielsweise das deutsche Bildungssystem als rückständig attackiert, ohne sich zu fragen, wie es dem Bildungsentwicklungsland Deutschland gelingen konnte, in derselben Zeit wirtschaftlich, technisch und wissenschaftlich mit beispielsweise Finnland, Japan oder England Schritt zu halten, ist dabei noch der geringste Widerspruch.

Reformen als Selbstzweck

Viel seltsamer ist die Vorstellung, dass sich die vielen existierenden Probleme an Schulen durch internationale Verabredungen und zentrale Reformen lösen oder auch nur analysieren lassen: Länder, in denen es nur wenige Großstädte und Einwanderung gibt, werden zum Maßstab für Länder, die beides in Fülle haben. Ob die Einwanderung stark gesteuert wird oder nicht, ignorieren die Testauswertungen ebenso wie die Frage, welche Art von Schulwahl jeweils stattfindet. An Schulen in Krisengebieten sollen dieselben Tests durchgeführt und dieselben Reformen implementiert werden wie an solchen in Wohlstandszonen. Dass die Unterschiede zwischen zwei Schulen in Bremen größer sein können als die zwischen Deutschland und Finnland insgesamt, interessiert die Bescheidwisser nicht, die ganze Nationen auf Rangplätze verteilen. Und das alles kommt sich „empirisch“ vor.

Nicht dass die Aufgaben der Pisa-Tests unsinnig wären. Auch kann gar nicht bestritten werden, dass sich hinter mancher Kritik daran der Unwille versteckt, die Lernstände der Schüler von außen beurteilen zu lassen. Wie hoch der Anteil von Jugendlichen auch hierzulande ist, denen elementare Fähigkeiten fehlen, wurde erst durch die Pisa-Studie offenkundig. Aber das Testsystem hat sich längst verselbständigt. Wenn seine Designer inzwischen die Bearbeitung der Aufgaben am Computer mit der scheinheiligen Begründung empfehlen, das entspreche der „Medienkompetenz“ der Schüler, wo sie in Wahrheit doch nur auf die leichtere Auswertung der Testresultate zielen, ist das nur ein weiterer Beleg für eine Zweck-Mittel-Vertauschung.

Sie geht über die Pisa-Studie hinaus. Die Reform ist vom Mittel zum Zweck geworden. Man kann es an den Debatten um G8 genauso ablesen wie an den Didaktik-Moden, die alljährlich über die Schulen hinweggehen. Je mehr Reform, desto aktiver kommt sich die Politik vor, desto beschäftigter sind Verwaltungen und desto mehr Absatzfreude entsteht bei den Ausrüstern in den Verlagen und an den pädagogischen Lehrstühlen, die sich für so etwas hergeben. Also kann es für sie alle gar nicht genug Reform, gar nicht genug Krisendiagnosen, gar nicht genug Bewegung in der Pisa-Tabelle geben. Das festzustellen heißt nicht, die Schulen für intakt zu erklären. Aber dass sie nicht intakt sind, dazu trägt die selbstbezügliche Dauerreform gehörig bei.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
Herausgeber.
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