Präimplantationsdiagnostik

Wider den PID-Alarmismus

Von Jürgen Kaube
07.07.2011
, 13:39
Injektion einer menschlichen Eizelle im Labor
Das Szenario einer frevelhaften Optimierung des Menschen durch Technologie ist ein Phantasma, durch keine Empirie gedeckt. Befruchtete Eizellen sind noch keine Individuen.

Der Bundestag entscheidet am 6. Juli über die Präimplantationsdiagnostik (PID). Umstritten ist, ob Paare, die eine schwere Erbkrankheit ihres Kindes befürchten müssen, an Embryonen prüfen lassen dürfen, ob auf diese ein solcher Erbschaden übertragen wurde. Diese Prüfung erfolgt bei künstlicher Befruchtung vor der Einpflanzung in die Gebärmutter. Es geht also darum, ob solche Paare gegebenenfalls das Recht haben, frühe Embryonen auch nicht einpflanzen zu lassen. Der einzige Grund, der dem entgegenstehen könnte, läge darin, dass eine solche befruchtete Eizelle bereits ein Mensch im Sinne des Grundgesetzes wäre.

Man muss an diesen einzigen Grund erinnern, weil inzwischen so viele scheinbare vorgetragen worden sind. Das geschieht etwa durch all diejenigen, die den Begriff des „Dammbruches“ im Munde führen. Sie erkennen an, dass die Erkrankungen, die vorliegen müssen, wenn in anderen Ländern PID zugelassen wird – beispielsweise akute spinale Muskelatrophie, Mukoviszidose, Addison-Schilder-Syndrom –, Familien grausam belasten können; nicht zuletzt dann, wenn schon eine Reihe Fehlgeburten oder legaler Abtreibungen vorherging oder ein Kind mit entsprechender Krankheit zur Welt kam und auf den vorzeitigen, qualvollen Tod sicher zuläuft.

Manchen genügen ein paar Aufsätze

Doch das hält sie nicht von jenem Kulturpessimismus ab, den sie „Technikfolgenabschätzung“ nennen. Man tut so, als sei hier individueller Nutzen gegen kollektive Gefahren abzuwägen. Die Anwendung der PID, heißt es, lasse sich nicht begrenzen. Denn der medizinische Fortschritt sowie eine gesellschaftliche Neigung zur Optimierung von Menschen würden über kurz oder lang für eine Ausweitung sorgen.

Bild: dpa-infografik

Dann, wird spekuliert, werde von der Darmpolypenkrankheit über den Bluthochdruck bis zum Geschlecht des späteren Kindes aus allen möglichen „Belastungen“ die Lizenz zur Selektion von Embryonen gezogen. Manchen genügen ein paar medizinische Aufsätze sowie die von zwei englischen Professoren propagierte „vorgeburtliche Verbesserung“, um kommende Inhumanitäten zu ahnen.

Es gibt keinen empirischen Hinweis auf einen Dammbruch

In Großbritannien selbst liegt seit Zulassung der PID 1992 die Zahl der jährlichen Fälle bei 214, also 3,6 auf eine Million Einwohner. Kein von den staatlichen Kommissionen zugelassener Fall hat dort Präzedenzwirkung für andere, es wird individuell entschieden. Selbst im regulierungsarmen Belgien bleibt es bei 350 Vorgängen im Jahr, wovon man mindestens hundert deutsche Paare abziehen muss, die sich des anderen Rechtssystems bedienen. Zum Vergleich: Im Jahr 2009 gab es hierzulande mehr als 110.000 Schwangerschaftsabbrüche.

Die PID ist aufwendig, unsicher und erfolgt unter hohem Leidensdruck der Betroffenen. Die Suggestion, es drohe genetisches Shopping, zielt auf Reflexe, empirisch ist sie haltlos, den Ärzten und den Paaren gegenüber eine Unverschämtheit. Es gibt keinen Hinweis auf einen Dammbruch.

Verhallende Unkenrufe

Das wird auch nicht durch die Behauptung anders, die PID sei im Ausland inzwischen das Standardverfahren bei künstlicher Befruchtung. Die ehemalige Staatssekretärin im hessischen Umweltministerium, Ulrike Riedel, hat sie wider bessere Wissensmöglichkeiten einer Rechtsanwältin in die Welt gesetzt (PID: Man wird mehr Embryonen brauchen). Tatsächlich nutzen nur 0,3 Prozent aller In-vitro-Befruchtungen weltweit auch die PID.„Dammbruch“ ist keine Kategorie des Rechts. Entweder handelt es sich bei der PID um die Tötung eines hilflosen Individuums.

Dann spielt es für ein Verbot gar keine Rolle, ob sich das Spektrum möglicher Nützlichkeiten einer solchen Tat in Zukunft erweitert. Oder es wird kein Individuum getötet. Dann sind Unkenrufe, medizinische Machbarkeit verändere unser Verhältnis zu Gesundheit, Schwangerschaft, Schicksal, nicht einschlägig. Wer Leid nicht hinnehmen will und dabei kein anderes verursacht, darf nicht daran gehindert werden. Wenn die PID keine Person schädigt, sondern nur einem Weltbild widerspricht, muss im liberalen Rechtsstaat das Weltbild zurückstehen.

Zur Geburt gesunder Kinder gezwungen?

Wie sähe das Argument andernfalls auch aus? Will man dem Paar mit einem prospektiv kurz nach der Geburt sterbenden Kind denn sagen: Ja, eure Qual können wir verstehen, aber leider kann der Staat den vernünftigen Gebrauch dieser Technik eventuell nicht garantieren, also ist er auch untersagt? Wir sind konservativ, mithin müsst ihr leiden? Und was wäre das für ein Staat, der sich außerstande sähe, den Missbrauch dessen zu verhindern, was er im Einzelfall für human und für ein Recht hält?

Die Frage ist also nur, ob es human und ein Recht ist. Sie schlägt auch eine weitere Form des Unbehagens an der gegenwärtigen Zivilisation aus dem Feld. Behauptet wird, es entstehe zunehmend ein sozialer und gesundheitsökonomischer Druck auf Paare, nur noch gesunde Kinder zur Welt zu bringen.

Schwangerschaft auf Probe

Die Statistik, die das belegen soll, zeigt einen Rückgang der Kinder mit Down-Syndrom seit Einführung der pränatalen Diagnostik (PND). Mit anderen Worten: Es findet nach Fruchtwasserdiagnosen zunehmend ein Schwangerschaftsabbruch statt. Für viele Frauen, die älter als Mitte dreißig sind, ist Schwangerschaft also schon heute das, was manche als Folge der PID bezeichnen, nämlich „Schwangerschaft auf Probe“.

Das liegt an den Risikotabellen, die den Paaren gezeigt werden, an der Diagnostik und daran, dass ein Abbruch strafrechtlich nicht verfolgt wird. Nicht wenige Kritiker der PID würden das gern wieder ändern; die katholischen Juristen Ernst-Wolfgang Böckenförde und Christian Hillgruber haben in dieser Zeitung (Es gibt keine Gleichheit im Unrecht) wenig Zweifel daran gelassen. Man könnte von einem intendierten Dammbruch in entgegengesetzter Stoßrichtung sprechen: Wenn PID unzulässig ist, so wird das Argument lauten, wie kann dann Abtreibung aufgrund von PND zulässig sein?

Die Behauptung sozialen Drucks

Im Vergleich zur Entschiedenheit, mit der solche Juristen die Abtreibungsfrage zur Wiedervorlage bringen wollen, dokumentiert die Behauptung, es existiere sozialer Druck zum gesunden Kind, nur ein zeitdiagnostisches Daherreden. An der rückläufigen Zahl der Kinder mit Down-Syndrom lässt sich nämlich nicht unterscheiden, ob sie auf individuellem Entscheiden oder auf gefühlten Pressionen beruht. Reicht schon der ärztliche Hinweis, es sich gut zu überlegen, aus, um von Pression zu sprechen?

Für wie unmündig hält man denn die Paare? Und für wie gewissenlos die Bürger? Nehmen wir beispielsweise die Einrede, Behinderte erschienen bei erlaubter PID als diejenigen, „die eigentlich nicht da sein sollten“ (Böckenförde). Wie weit will man es mit der Verwirrung der Urteilskraft treiben? Teilen denn auch kinderlose Paare mit, dass es Kinder eigentlich nicht geben sollte?

Dass es Kindern mit Down-Syndrom seit Existenz der PND schlechter ginge, weil ihre Existenz als eigentlich unnötig abgewertet worden wäre, ist nicht bekannt. Die Fürsorge für sie nimmt zu, nicht ab. Und käme jemals ein Gesetzgeber, der die Zuwendungen dafür mit dem Argument streichen wollte, sie seien ja vermeidbar gewesen, dann wäre dies der richtige Zeitpunkt für einen Aufschrei, aber nicht die Debatte über Embryonenschutz.

Staatliches Ersatzgewissen

Technologiekritik und freihändig erstellte Zeitdiagnosen, Klagen über die Ökonomisierung alles Sozialen und strategische Züge auf dem Weg zu einer Revision des Paragraphen 218 – all das lenkt nur von der elementaren Schwäche der Kritik an der PID ab. Ist es ein menschliches Wesen, das missachtet wird, wenn es zur Wahl zwischen Embryonen kommt? Ein Individuum ist es jedenfalls nicht. Im betreffenden Stadium ist die Entscheidung, ob aus dem Embryo Mehrlinge werden, noch nicht gefällt. Die befruchtete Eizelle ist noch nicht unverwechselbar, die „Entwicklung eines einzelnen individuellen Menschen“ (Böckenförde) hat noch nicht begonnen.

Es gibt ein einzigartiges genetisches Programm, aber noch keine humane Identität. Es stimmt einfach nicht, dass hier zu Testzwecken Kinder gezeugt und dann getötet werden.Dass zwei Drittel aller befruchteten Eizellen auch bei natürlicher Befruchtung sich nicht einnisten, wäre für die Kritiker der PID ebenfalls Stoff zum Nachdenken. Wollen sie diesen Vorgang wirklich als vorgeburtliches Massensterben von Grundrechtsträgern ansehen? Die Darstellung von Frauen, die zur Verhütung die Spirale nutzen, als Massentöterinnen scheuen sie jedenfalls. In der Rechtsprechung hätten sie dafür auch keine Grundlage.

Dabei „verwirft“ die Spirale ausnahmslos alle befruchteten Eizellen dieses Stadiums. Doch diese Praxis wird nicht attackiert, weil sie nichts hergibt für sinistre Szenarien einer fortschrittsgetriebenen, industriellen, embryonenvernichtenden Reproduktionsmedizin. Sie passt auch nicht zum Bild von Frauen, die sich gewissenlos sozialem Druck beugen. Die Kritiker der PID wollen ein staatliches Ersatzgewissen durchsetzen. Das der Bürger spricht ihnen nicht laut genug, weil es nicht nach Art ihres eigenen spricht. Ein geschädigtes Subjekt können sie nicht nachweisen, darum weichen sie in Orakel und Unterstellungen aus.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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