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Gender-Aufklärung

Russlands kleiner Maghreb

Von Kerstin Holm, Tambow
 - 12:58

Russlands Hochschulbildung ist einer seiner wenigen Produktionszweige, die noch international konkurrieren können. Die Bildungsministerin Olga Wassiljewa hat den Export der russischen Bildung, zumal der Disziplinen Medizin, Landwirtschaft, Informations- und Ingenieurtechnik, zur strategischen Aufgabe erklärt. Die Zahl der ausländischen Studenten, die im Land derzeit bei 272 000 liegt, soll, so will es Wassiljewa, bis zur Mitte des kommenden Jahrzehnts auf fast das Dreifache anwachsen.

Zum Studium nach Russland zieht es traditionell Abiturienten aus den zentralasiatischen GUS-Ländern, außerdem aus Indien und China, seit einigen Jahren kommen dazu immer mehr junge Leute aus dem Nahen Osten und aus Afrika. Es sind vor allem Kinder der gehobenen Mittelklasse, aber auch der Eliten, darunter viele Zweit- und Drittgeborene, deren ältestes Geschwister nach Europa oder Amerika geschickt wurde. Das Studium in Russland bietet solide Qualität zu vergleichsweise günstigen Preisen. Um attraktiver zu werden, erlauben viele Hochschulen heute auch, einen Teil des Studiums in einer Fremdsprache zu bestreiten.

Zu ihnen gehört die Derschawin-Universität im zentralrussischen Tambow, die bei einer gesamtrussischen Evaluierung von 264 Hochschulen im vergangenen Jahr den 23. Platz erreichte. Die Universität ist auch wirtschaftlich das Rückgrat der Stadt. Von den rund dreizehntausend Studenten in Tambow sind 2400 Ausländer, das entspricht fast einem Fünftel, jedes Jahr kommen um die 500 hinzu. Nachdem in früheren Jahren Jura, Geschichte und internationale Beziehungen besonders gefragt waren, ist es jetzt die Medizin. Vorigen Herbst wurde an der medizinischen Fakultät ein modernes Zentrum mit anatomischen Mannequins eröffnet, an denen Studenten unterschiedliche Eingriffe simulieren können. Ein Großteil von ihnen stammt aus Marokko, Tunesien, Ägypten, Algerien sowie aus Kongo, Nigeria, Namibia. Viele absolvieren die ersten drei Studienjahre auf Englisch oder Französisch. Die Gebühren liegen mit rund 2000 Euro pro Jahr inklusive Wohnheim deutlich unter denen osteuropäischer Länder. Zugleich kennt Tambow – im Unterschied etwa zu Moskau und Sankt Petersburg – keine xenophobe Gewalt. Wenn Universitätsdozenten ihre Stadt „Klein-Maghreb“ nennen, so klingt es eher stolz.

Kampf gegen antiliberale Traditionen

Die russischen Studenten profitierten von ihren Kommilitonen aus südlichen Ländern, denn die seien lebhafter, offener und in diesem Sinn mehr europäisch, bezeugt der Historiker und Genderforscher Pawel Schtscherbinin, der an der Fakultät für Volksgesundheit lehrt. Der Wissenschaftler, der an der Universität einen Unesco-Lehrstuhl für Demokratie und Menschenrechte innehat, betrachtet es als seine Aufgabe, den Gästen – aber auch jungen Landsleuten – europäische Humanität und Toleranz nahezubringen.

Die aggressiv antiliberale, Homosexuelle stigmatisierende Politik des Kremls macht ihm das zunehmend schwer. Zumal Erstsemester aus traditionellen Familien und Klan-Gesellschaften seien oft militant homophob, weiß er, zum Glück schwinde das, je mehr sie lernten und reiften. Das können wir bei einer Diskussionsrunde mit afrikanischen Studenten erleben, die Schtscherbinins Vorlesungen in Medizingeschichte hören. „Wenn zu euch ein Patient kommt, der sagt, er sei homosexuell, würdet ihr ihn dann behandeln?“, will der Gelehrte wissen. Als Erster antwortet ein Syrer, der kurz vor dem Abschluss steht. „Als Arzt behandle ich natürlich jeden!“, sagt er. Sein marokkanischer Kommilitone erklärt, das täte er sicher auch. Freilich verrät seine Begründung, dass ihn der Gedanke schmerzt. Nach einem Terroranschlag würde er, wenn nötig, auch einen verletzten Terroristen versorgen – warum also nicht einen Schwulen? Doch ein noch junger Student aus Tansania gibt zu, für ihn wäre das ein Problem. Aber bis zum Examen bleibe ihm ja noch Zeit, diese Frage für sich zu entscheiden.

Die Mediziner leugnen nicht die praktischen Probleme im russischen Gesundheitswesen, insbesondere die von den Versicherungsfirmen erzwungene Standardisierung von Heilmethoden, weshalb viele Ärzte nicht ein konkretes Krankheitsbild behandeln, sondern dem Patienten eine vorgegebene Therapie verschreiben. Die Kommerzialisierung der Gesundheitsfürsorge sei freilich keine Hinterlassenschaft der Sowjetunion, merkt der Kardiologieprofessor Igor Woronin mit feinem Lächeln an. Man betreibe in Tambow seriöse Medizin, ergänzt Woronins Schüler, Alexej Tarassow, mit gewissen Abstrichen, so gebe es etwa keine Rettungshubschrauber. Europäisch nimmt sich die Situation freilich im Vergleich mit den Heimatländern vieler Gaststudenten aus, etwa Tunesien, wo, wie ein Jungmediziner von dort berichtet, wenn ein Patient stirbt, dessen Angehörige oft den behandelnden Arzt verprügeln. Ziviles Engagement wird an der Universität großgeschrieben. Medizinstudenten gehen in Schulen, um Heranwachsende über Aids aufzuklären, was von den Eltern einhellig begrüßt werde, berichtet Tarassow. Andere besuchten Altersheime, um mit den Senioren zu plaudern und ihnen „spirituell“ beizustehen.

Plaketten an der Universität und Denkmäler in der Stadt erinnern heute an den Chirurgen Valentin Voino-Jassenezki (1877 bis 1961), der mit Mönchsnamen Luka zugleich Bischof der Russischen Orthodoxen Kirche war und während des Zweiten Weltkriegs in Tambow praktizierte. Luka, ein Pionier seines Fachs, war von der Sowjetmacht dreimal ins Gefängnis geworfen und mehrfach verbannt worden. Als Stalin zur Stärkung des Patriotismus orthodoxe Priester aus dem Straflager holen ließ, wandte sich Luka mit einem Brief an den Diktator und konnte erreichen, dass er aus Sibirien nach Tambow versetzt wurde. Hier verfasste er sein Standardwerk über chirurgische Eingriffe bei Eiterbefall und baute das Gemeindeleben auf. Luka gilt, weil er sich dem Dienst an Armen und Waisen verschrieben hatte, als Vorbild für christliche Mediziner. Im Jahr 2000 wurde er heiliggesprochen. In dem Kloster, wo der Geistliche und Mediziner lebte, ist heute ein Priesterseminar untergebracht, das sich mittelfristig zur geistlichen Hochschule auswachsen will.

Schtscherbinin, der am Seminar kirchliche Sozialgeschichte unterrichtet hat, bemüht sich auch dort um eine Milderung patriarchalisch religiöser Moralvorstellungen. Von zwei noch jungen Priesterschülern will er wissen, was beide als Seelenhirten gläubigen Familienmüttern raten würden, wenn diese nach mehreren Geburten Verhütungsmittel nehmen wollten. Deren Antwort ist prompt und entschieden: Sexualverkehr nur um des Vergnügens willen sei abzulehnen, sagt der eine. Der andere stimmt ihm zu mit dem Argument, seine Großmutter habe vierzehn Kinder zur Welt gebracht.

Schtscherbinin, ein europäisch vernetzter Wissenschaftler, spürt politischen Gegenwind. Auch an der Fakultät für internationale Beziehungen leidet man unter Russlands Isolationskurs. Um Englisch in einem muttersprachlichen Umfeld zu praktizieren, seien sie auf Stipendien der Prochorow-Stiftung angewiesen, klagen Nachwuchspolitologen. Umso größer war die Überraschung, als vorigen Herbst der 21 Jahre alte Politikstudent Ilja Karew mit seinem beim Holocaust-Gedenkmuseum in Washington eingesandten Forschungsprojekt über den deutschen Judenmord ein Besuchsstipendium gewann. Karew findet, das Thema werde an russischen Schulen zu wenig behandelt, dabei könne man aus ihm zur Abwendung aktueller rassistischer und xenophober Konflikte Lehren ziehen. Leider luden die Amerikaner den Russen dann wieder aus, weil, wie man ihm mitteilte, das Konsulat es nicht schaffen würde, ihm rechtzeitig ein Visum auszustellen.

Quelle: F.A.Z.
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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