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Französische Studentenproteste

Im Hörsaal wird geprügelt

Von Thomas Thiel
 - 10:48

An die Regelungen des Hochschulzugangs hat in Frankreich im letzten halben Jahrhundert niemand Hand anzulegen gewagt. Emmanuel Macron wusste also, was er tat, als er im Wahlkampf versprach, auch dieses heiße Eisen anzupacken. Seine Regierung gab sich danach alle Mühe, um den Einschnitt zu kaschieren. Statt von Reform sprach man lieber von Transformation. Besonders ein Wort war tabu: Selektion, so das Mantra der Regierung, werde die Reform nicht bringen, die man Mitte Februar beschloss. Danach blieb es erst einmal ruhig.

Was überraschend war, denn die nach Bildungsministerin Frédérique Vidal benannte Loi Vidal ist eine kleine Revolution für ein Land, in dem bisher das Bac, das Abitur, das Maß aller Dinge für die Studienwahl war. Mit dem kommenden Wintersemester wird sich das drastisch ändern. In den Studiengängen, in denen die Nachfrage das Angebot übersteigt, bekommen die Universitäten erstmals das Recht, auf der Grundlage von Motivationsschreiben, Lehrerempfehlungen und den Schulnoten der letzten beiden Jahre relativ frei nach Profil und Eignung auszuwählen.

In Frankreich, das keinen Numerus clausus kennt, wird das als Tabubruch wahrgenommen. Dass es bei der Studienwahl wie bei der Vergabe der Studienplätze Probleme und Defizite gibt, kann aber niemand bestreiten. Die französischen Universitäten kämpfen mit dem Zustrom geburtenstarker Jahrgänge und der allgemeinen Ausweitung des Hochschulzugangs. In stark nachgefragten Fächern wie Medizin und Jura wurden die Studienplätze vergangenes Jahr per Los vergeben. Gegen das aktuelle System sprach besonders die sehr hohe Abbrecherquote von sechzig Prozent nach dem ersten Jahr. An ihr macht sich bemerkbar, dass die Abiturnote kaum noch eine Aussage über die Studienfähigkeit macht.

Größerer Wettbewerb zwischen den Universitäten

Es habe bisher eine Selektion durch Scheitern gegeben, sagen daher die Befürworter der Reform, der positiv anzurechnen ist, dass sie den Losentscheid überflüssig macht und Studenten dazu bringt, besser über ihre Studienwahl nachzudenken. Auch prestigereichen Universitäten und beliebten Studiengängen, die sich die Besten auswählen können, kommt das Gesetz entgegen. Es verstärkt den Wettbewerb zwischen den Universitäten in dem, abgesehen von den Elitehochschulen, wenig differenzierten französischen Hochschulsystem.

Das gefällt nicht jedem. Der größte Studentenverband Unef befürchtet die Errichtung neuer Aufstiegsschranken im ohnehin schon elitären französischen Bildungssystem. Gerade in stark nachgefragten Fächern wie Medizin würden die Universitäten das Recht auf Auslese nutzen. Würde man angesichts der unklaren Kriterien dann nicht doch auf den prestigereichen Namen der Schule oder die ethnische Herkunft schauen? Und wer könnte Eltern davon abhalten, das Motivationsschreiben ihrer Kinder zu verfassen?

War der erwartete Aufschrei zunächst ausgeblieben, so geht der Schlachtruf von Gewerkschaften und Studentenverbänden, „Non à la sélection“, inzwischen durch die gesamte französische Hochschullandschaft. Erst ein gewaltsamer Vorfall in Montpellier hatte die landesweite Protestwelle ausgelöst. An der Faculté des Lettres stürmte Ende März eine vermummte Miliz den besetzten Jura-Hörsaal und prügelte mit Stöcken auf Studenten ein. Der Dekan und ein weiterer Professor, die offenbar auf dubiose Weise in den Gewaltausbruch verstrickt waren, wurden festgenommen. Der Vorfall war Wasser auf die Mühlen der Studentenverbände, denen die Mobilisierung danach besser gelang. Seither hat sich eine Kluft zwischen Dozenten und Studenten aufgetan. Auch im Lager der Dozenten und der Studenten ist man sich aber uneins über das Gesetz.

Schulterschluss mit den Eisenbahnern

Seit einigen Wochen bietet sich an vielen Universitäten das gleiche Bild: Barrikaden, blockierte Hörsäle, ausgefallene Seminare. In Toulouse, Montpellier, Rennes und Nanterre ist die ganze Universität besetzt oder gesperrt. Das Ministerium spricht von acht, die Studentenverbände von zwanzig besetzten Universitäten. Inzwischen weitet sich der Protest nicht mehr aus, sondern radikalisiert sich. An der Pariser Universität Tolbiac ging eine maskierte Gruppe mit Baseballschlägern und Rauchbomben auf Besetzer los. Universitätspräsident Georges Haddad befürchtete die Bildung von besetzten Zonen, nachdem die Generalversammlung die zeitlich unbegrenzte Besetzung der Universität bis zur Annullierung der Loi Vidal beschloss und Molotow-Cocktails auf dem Campus gefunden wurden.

Am Mittwoch schaltete der Universitätspräsident schließlich die Polizei ein – was die juristische Studentengewerkschaft mit Applaus quittierte. Auch an anderen Universitäten kam es zu Polizeieinsätzen. In Nantes griffen zweihundert Studenten die Direktion mit Steinwürfen an. In Grenoble wurde das Präsidentengebäude besetzt, es kam zu Diebstahl und Beschädigungen. In Paris-Nanterre nahm die Polizei am Montag bei einer Evakuierung sieben Besetzer fest.

Inzwischen suchen die Studenten auch den Schulterschluss mit den Eisenbahnern, die ebenfalls Widerstand gegen Macrons Reformpolitik leisten. Manche Protestgruppen hoffen auf einen neuen Mai 68, als ebenfalls die Solidarität mit Gewerkschaften und Arbeitern ausgerufen wurde. Über den Protest gegen das Gesetz hinaus zeichnet sich aber bisher kein gesellschaftspolitisches Reformprogramm ab. Die Spannungen zwischen den studentischen Kritikern und Befürwortern werden mit Sicherheit noch einmal zunehmen, wenn Ende April die Examensphase ansteht. Die Prüfungen sollen in jedem Fall stattfinden, erklärte Premierminister Édouard Philippe, notfalls online, sofern, wie in Montpellier, der Campus geschlossen ist. Einige Protestgruppen hatten die Annullierung der Examen oder die Durchschnittsnote für alle gefordert, was den Premierminister an ihrer Arbeitsmoral zweifeln ließ. Er macht eine extreme linke Minderheit für die Proteste verantwortlich.

Am fünften Mai, dem Jahrestag von Macrons Wahl ins Präsidentenamt, soll der Widerstand in einer großen Protestaktion gipfeln. Der Regierung steht aber mehr als ein heißer Mai bevor. Im September sind Reaktionen auf die erste Anwendung des neuen Auswahlmodus für das Hochschulstudium zu erwarten. 2018 werde kein verlorenes Jahr sein, hat die französische Bildungsministerin Frédérique Vidal am Montag im Fernsehen gesagt.

Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel
Redakteur im Feuilleton.
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