Luciano Floridi im Porträt

Vom Dasein zum Im-Netz-Sein

Von Friedemann Bieber und Katharina Laszlo
07.10.2015
, 11:17
Leben heißt Online-Sein: Luciano Floridi vor seinem Oxforder College
Luciano Floridi ist der Digital-Philosoph der Stunde. Seine Theorie des vernetzten Lebens hüllt uns in eine wimmelnde Sphäre autonomer Objekte. Da drückt auch Google den Gefällt-mir-Knopf.

Aber bitte schreiben Sie jetzt nicht: der Google-Philosoph“, sagt Luciano Floridi, bleibt einen Moment stehen und blinzelt durch seine dicken Brillengläser auf die mittagssonnenhelle Broad Street. Mit seinem dunkelgrauen Anzug und dem sorgsam gebundenen Krawattenknoten, die Arme wie am Rednerpult verschränkt, sieht er nicht gerade aus wie der Hausphilosoph des Silicon Valley. Der Titel ist eine Vereinfachung und Vereinnahmung. In einem bestimmten Sinn weist er jedoch in die richtige Richtung. Denn für die Entwicklungen, die Floridi beschäftigen, steht kein Unternehmen so sehr wie Google.

Die Macht autonomer Algorithmen und die immer dichtere informationelle Vernetzung, glaubt Floridi, Forschungsdirektor des Oxford Internet Institute, verändert unser Verhältnis zur Welt nicht nur an der Oberfläche. Für ihn sind wir auf dem Weg in eine Infosphäre, die wir nicht nur mit Tieren und Pflanzen, sondern auch mit Maschinen teilen. In dieser Infowelt wird unser Bild von uns selbst auf den Kopf gestellt.

Das Etikett „Google-Philosoph“ haftet an Floridi, seit ihn der Konzern vor einem Jahr in eine achtköpfige Expertengruppe berief, die ihn bei der Auslegung jenes Urteils beraten sollte, das als „Recht auf Vergessen“ bekannt wurde. Der Europäische Gerichtshof hatte der Suchmaschine im Mai letzten Jahres das Recht entzogen, innerhalb Europas zu persönlichen Informationen von Privatpersonen zu verlinken, wenn diese als fehlerhaft und unangemessen eingestuft werden. Über Nacht wurde Google vom bloßen Informationsvermittler, als der es sich gern darstellt, zu einer juristischen Instanz, die zwischen Meinungsfreiheit und Privatsphäre abwägen muss.

Löschen ist ein politischer Akt

Google berief ein unabhängiges Gremium ein, dem neben Floridi auch der Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales und die ehemalige deutsche Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger angehörte. Im Februar veröffentlichte die Gruppe ihre Überlegungen in einem Abschlussbericht. Dieser legt Google zwar auch konkrete Kriterien zur Einschätzung von Löschersuchen nahe, doch Floridi sieht seinen Wert vor allem darin, Aufmerksamkeit auf die Frage zu lenken, wie Bürgerrechte im digitalen Zeitalter zu schützen sind. In einer Welt, in der die Grenzen zwischen „online“ und „offline“ verschwimmen, da wir ständig mit vernetzten Maschinen in Kontakt sein werden, sei das Löschen persönlicher Daten nicht nur ein praktisches Prozedere, sondern ein politischer Akt.

Als Floridi in den achtziger Jahren in Rom Philosophie studierte, steckten Computerchips noch nicht in unsichtbaren Sensoren, sondern in wuchtigen, grauen Klötzen. Um seinen ersten PC zu kaufen, einen Commodore C64 mit Diskettenlaufwerk und 64 Kilobyte Arbeitsspeicher, reiste Floridi von Rom nach Florenz. Der Kauf war eine Investition. Die nächste Seminararbeit reichte Floridi in gedruckter Form ein, sie erhielt die Bestnote. Warum? Die Prüfer hätten schlicht nicht glauben können, dass er den Aufsatz auf einem Computer geschrieben hatte, meint Floridi. Für das Masterstudium ging er nach England. Wenn er von dieser Zeit erzählt, geht es weniger um philosophische Vorbilder, als um den Moment, als er seine Abschlussarbeit über das Telefonmodem seiner Eltern nach Warwick verschickte. In diesem Augenblick wurde ihm klar: „Das Internet wird unser Leben verändern.“

Floridi begann, über die gesellschaftlichen Konsequenzen der neuen Technologie nachzudenken, und darüber, wie Information zu definieren sei. Am Magdalen College in Oxford bewarb er sich für ein Forschungsstipendium, er wollte sich mit der Quantifizierbarkeit von Informationen beschäftigen. Informationen könne man nicht quantifizieren, habe ihm der Professor im Bewerbungsgespräch trocken geantwortet. Es war eine von vielen Stellen, die Floridi nicht bekam. Schließlich gab er sich Zeit bis zu seinem fünfunddreißigsten Geburtstag, um eine feste Stelle zu finden, nicht aus Sorge, er habe auf das falsche Thema gesetzt, sondern zu früh auf das richtige.

An der Schwelle zu einer neuen Epoche

Als dann doch ein Angebot kam, aus Oxford, verbrachte Floridi mehr Zeit mit Informatikern als mit Philosophen. Viele seiner Fachkollegen sieht er in „selbstreferentielle Diskussionen“ vertieft. „Dabei gibt es so viele Gebiete, auf denen wichtige intellektuelle Arbeit zu leisten ist.“ Wenn es um die Kurzsichtigkeit einiger Universitätsphilosophen geht, dann wird das konzentrierteste Gespräch für ein paar Sekunden zur One-Man-Show. Floridi in der Doppelrolle: „Das Internet ist eine Modeerscheinung“, habe ein Kollege einmal zu ihm gesagt, „das geht vorbei.“ „Wenn Sie das wirklich glauben, fein!“, pariert er. Dann winkt er ab, so als sei jedes über Mitleid hinausgehende Gefühl eine unangemessen intensive Reaktion. An der Philosophischen Fakultät, sagt er, wäre er wohl immer noch sehr einsam.

Seit 2013 ist Floridi nun der Forschungsdirektor des Oxford Internet Institute. Fünfunddreißig Wissenschaftler befassen sich dort mit den sozialen und politischen Auswirkungen des Internets. Ihre Arbeit ist interdisziplinär, Ökonomen, Soziologen und Geographen forschen gemeinsam, verfassen vor allem empirische Arbeiten. Er ist für die Theorie zuständig.

In seinem Buch „Die vierte Revolution“ positioniert Floridi die Menschheit an der Schwelle zu einer neuen Epoche, der Zeit nach der Turing- oder der Informations-Revolution. Im lichtdurchströmten Dachrestaurant des Oxforder Ashmolean Museums sitzt Floridi vor einem dicken Holzbrett mit Chorizo, Serrano-Schinken und Bresaola. Er hat die seltene Fähigkeit, über große Thesen zu sprechen, als wären es Anekdoten. Ohne den Tonfall zu ändern, lenkt er das Gespräch auf den Brand im gegenüberliegenden Hotel vor einigen Monaten, bei dem Schaulustige erst einmal fotografierten, statt die Feuerwehr zu alarmieren, und gelangt schließlich zur Dekonstruktion des Begriffs „Computer“. Bezeichnete das Wort zwischen dem siebzehnten und neunzehnten Jahrhundert noch ausnahmslos Menschen, die Rechnungen ausführten, musste Turing, als er 1950 seinen berühmten Aufsatz „Computing Machinery and Intelligence“ veröffentlichte, bereits hervorheben, wann er einen „menschlichen Computer“ meinte.

Mit den Fähigkeiten der digitalen Technologien konfrontiert, betrachten wir uns, so Floridi, ein weiteres Mal mit anderen Augen. Früher benutzte man ein Werkzeug, um etwas anderes zu bauen. Heutige Computersysteme agieren autonom und kommunizieren nur noch miteinander. Der Mensch bleibt außen vor. Längst übersteigt die Zahl untereinander vernetzter Geräte die der Menschen auf dem Planeten. Der einzelne Sensor ist nichts, erst im Netzwerk gewinnt er Bedeutung. Floridi glaubt, dass wir die Welt nicht länger als Ansammlung von Dingen betrachten müssen, die in einer Ursache-Wirkung-Beziehung zueinander stehen, sondern als Geflecht von Kräften. Das Paradigma des Netzwerks ersetzt das des Mechanismus. Die einzelnen Objekte und das Individuum treten zurück: „Welcome to the real world!“ Floridi sagt das oft und gerne. Wie ein Relikt der italienischen Satzmelodie in seinem geraden, beinahe britischen Englisch legt er die Betonung ganz auf ein einzelnes Wort: real.

Die Welt ist kein Schachbrett

In seinem Buch „The Ethics of Information“ skizziert Floridi eine neue Perspektive auf die Ethik in dieser veränderten Realität. Nicht mehr nur Lebewesen, sondern jedem Träger von Information müsse hier moralischer Wert zugeschrieben werden. Das klingt nach einem Relativismus, der den Menschen auf die gleiche Stufe wie die Festplatte stellt. Doch nicht jedem Träger von Information kommt bei Floridi der gleiche Wert zu. Entscheidend ist für ihn, dass die Unversehrtheit der Informationsumwelt einen eigenen Wert hat, wenn sie über Möglichkeiten und Freiheiten im Leben der Menschen entscheidet. Deshalb hat für Floridi die Frage, was Google löscht, so eine große Bedeutung.

Floridi ist kein Schachbrettphilosoph. Sein Interesse gilt der realen Umgebung. Zum Abschied reicht er die Hand, lächelt sein leicht schiefes, freundliches Lächeln. „Das mit dem ,Google-Philosophen‘ - wahrscheinlich lässt das sich gar nicht vermeiden, oder?“

Quelle: F.A.Z.
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