Frauen im Islam

Die Religion ist nicht das Problem

Von Khola Maryam Hübsch
12.04.2011
, 20:30
Sieht so Unterdrückung aus? Moderne Musliminnen in Katar
Das brennende Feuer verzehrt unsere Triebe: Schon ein Blick in den Koran lehrt, dass Mann und Frau gleichberechtigt sind. Trotzdem wird die Unterdrückung der Frau oft zur Spezialität des Islam erklärt.
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Es ist bequem, als Ursache für die Schlechterstellung der Frauen in muslimisch geprägten Ländern den Islam auszumachen, wie unlängst in dieser Zeitung in Bezug auf Ägypten geschehen (siehe Frauen in Ägypten: Die Ruhe nach dem Sturm). Auch sonst wird oft polarisiert zwischen Demokratie und Gleichberechtigung auf der einen Seite und Islam und Frauenunterdrückung auf der anderen Seite, als könnte es keinen Islam geben, der die Rechte der Frau achtet. Und das, obwohl der Islam bereits um 620 nach Christus Frauenrechte einführte, die für die damalige Zeit völlig undenkbar, ja, geradezu revolutionär waren, wie das Erb- und Scheidungsrecht. Die Frage ist nur, ob man sich durch diesen Geist der islamischen Lehre inspiriert sieht oder fundamentalistischer Buchstabengläubigkeit anheimfällt.

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Islamische Gelehrte legitimierten die Beschneidung von Frauen, heißt es. Frauen seien gezwungen, sich mit dem Kopftuch vor sexueller Belästigung zu schützen, der Mann gelte weiterhin als die Norm, als das „Maß aller Dinge“. Ehrenmord und Zwangsheirat sind weitere Schlagwörter. Das islamische Recht, die Scharia, richte sich gegen die Frauen. Als Lösung der Probleme wird daher postuliert, den Islam als Staatsreligion in Ägypten abzuschaffen.

Ehrenmorde unter Christen

Das würde aber keinen Unterschied machen, solange sich in den Köpfen nichts bewegt. Es ist vielmehr müßig, darüber zu streiten, ob der Islam schädlich ist oder nicht, da man den Islam nicht einfach abschaffen kann wie Atomkraftwerke. Es geht um die Köpfe der Menschen, die beeinflusst sind durch Werte, die sie möglicherweise für islamisch halten. Keine politische Instanz jedoch kann darüber entscheiden, dass es den Islam nicht mehr geben soll. Von daher ist es hilfreicher, aufklärerisch dahingehend zu wirken, die Deutungsmöglichkeiten islamischer Quellen aufzuzeigen, um für die aufgeklärte Version werben zu können.

Mit dem Kopftuch zu vergleichen? Auch christliche Nonnen bedecken ihren Kopf
Mit dem Kopftuch zu vergleichen? Auch christliche Nonnen bedecken ihren Kopf Bild: dpa

Das Problem ist nämlich nicht der Islam als solcher. Die Beschneidung von Frauen gibt es in afrikanischen Ländern unter Christen, Juden und Animisten ebenso; gleichzeitig kämpfen weltweit muslimische Gelehrte und Organisationen dagegen an. Zwangsehen werden in Indien nicht als hinduistisch stigmatisiert. Und Ehrenmorde in Italien oder Brasilien unter Christen führen selbst Terre des Femmes zu der Aussage, dass wir es hier nicht mit einem religiösen Phänomen zu tun haben. Dennoch wird der Ehrenmord muslimifiziert und als islaminhärent dargestellt. Sexuelle Belästigungen und Gewalt gegen Frauen seien, so heißt es, vorrangig ein Problem „islamischer“ Gesellschaften. Sozialarbeiterinnen von Frauenhäusern bestätigen aber, dass auch bei muslimischen Opfern von häuslicher Gewalt die männlichen Täter Gewaltanwendung nicht mit dem Islam begründen.

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Es ist deswegen zu einfach, wenn man, wie die Islamkritikerin Necla Kelek, suggeriert, die Religion des Islams sei das Problem, da sie von einer Triebhaftigkeit des Mannes ausgehe, der „nach islamischer Auffassung nicht in der Lage ist, seinen Trieb durch Vernunft zu steuern“, weswegen die Frau sich verhüllen müsse.

Der Koran nimmt beide Geschlechter in die Pflicht

Diese These ignoriert Grundprinzipien des Islams. Nehmen wir das Fasten, das es im Christentum und eben auch im Islam gibt. Es hat zum Ziel, die Seele zu schulen, deren Triebe zu disziplinieren, um frei zu werden für Transzendenzerfahrungen. Der Fastende ist angehalten, grundlegende körperliche Triebe wie den Hunger- und Sexualtrieb zu kontrollieren, um sich auf den Zustand der Seele im Jenseits vorzubereiten – jenseits von körperlichen Genüssen gilt es dann, Lust und Zufriedenheit durch innere Seelenarbeit wahrnehmen zu können. Der Reformer Mirza Ghulam Ahmad definierte Islam gar folgendermaßen: „Was ist Islam? Es ist das brennende Feuer, das all unsere niederen Wünsche verzehrt. Der Tag des Sterbens unserer körperlichen Begierden ist der Tag der Manifestation Gottes.“

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Zu solch einem philosophischen Grundgerüst passt ein Menschenbild nicht, das den Mann als triebgesteuert diskriminiert. Und dazu passt ebenso wenig, dass der Koran den Mann dazu auffordert, vor der Frau respektvoll „seine Blicke zu Boden zu schlagen“ (Sure 24:31), wenn er Frauen begegnet, und sie eben nicht anzüglich anzustarren, von handgreiflichen Belästigungen ganz zu schweigen. Dann erst erfolgt die Empfehlung für Frauen, sich zu bedecken, um als Muslimin „erkannt und nicht belästigt“ (Sure 33:60) zu werden. Es werden also beide Geschlechter in die Pflicht genommen.

Instrumentalisierende Willkürlichkeit

Interessant ist nun, dass als Grund für die Zunahme der Verschleierung von Frauen in Ägypten neben der Schutzfunktion vor sexueller Belästigung die Religiosität genannt wird. Sicherlich gibt es eine Vielzahl an Motiven für Frauen, ein Kopftuch zu tragen; doch ist man sich nicht nur gemeinhin darin einig, dass es vor allem ein Ausdruck von Religiosität ist. Für muslimische Frauen in Deutschland gibt es darüber hinaus repräsentative Studien, die untersucht haben, welche Beweggründe Musliminnen in Deutschland für das Tragen eines Kopftuches haben. Und wie zu erwarten, ist das Ergebnis immer wieder überwältigend eindeutig: 91 Prozent der befragten Frauen sagen, sie tragen es aus religiösen Gründen, wie eine Studie von 2009 im Auftrag der Deutschen Islamkonferenz zeigt.

Erstaunlich ist daher, dass Bildungsministerin Annette Schavan ungeachtet dieser faktisch gut belegten Erkenntnisse weiterhin behauptet, das Kopftuch sei „für viele muslimische Frauen überhaupt kein Ausdruck von Bekenntnis“, weswegen man es nicht gleichsetzen könne mit anderen religiösen Bekleidungsstücken, etwa mit der Haube einer Nonnen oder der Kippa eines Juden. Das ist auffällig. Das Kopftuch als ein religiöses Symbol zu sehen würde zur Folge haben, konsequenterweise auch andere religiöse Symbole an Schulen zu verbieten oder eben das Kopftuchtragen für Lehrerinnen zu erlauben. Doch das könnte unbequem werden für eine CDU-Politikerin, die auch eine christliche Klientel zu bedienen hat.

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Es scheint sich ein Mechanismus herauszukristallisieren, der von instrumentalisierender Willkürlichkeit durchzogen ist: Dort, wo es ungünstig ist, wird die Religion herausgerechnet, das Problem politisiert – das Kopftuch sei kein religiöses Symbol, sondern ein politisches. Und dort, wo es gelegen kommt, wird das Problem muslimisiert: Ehrenmord, Zwangsehen, häusliche Gewalt, sexuelle Belästigung – dies seien islamische Probleme, es müsse nur eine Ent-Islamisierung vorgenommen werden, schon seien die Probleme vom Tisch.

Der Mann als Maß aller Dinge?

Dass die Gleichberechtigung der Frau keine religiöse Frage ist und die Einstellung dazu von Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit zumindest in Deutschland sehr ähnlich ist, zeigen die Ergebnisse einer Studie der Bertelsmann Stiftung von 2010: Unabhängig davon, ob mit oder ohne Migrationshintergrund – auch im Deutschland des 21. Jahrhunderts sind es vor allem die Frauen, die sich um den Haushalt kümmern, gleichzeitig lehnen sogar mehr Menschen mit Migrationshintergrund die traditionelle Mutterrolle ab und zeigen sich offen für eine Berufstätigkeit der Frau. Dennoch gilt auch für weibliche Führungskräfte, dass sie mehr Hausarbeit leisten als männliche Kollegen, aber weniger Kinder haben, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung jüngst feststellte.

Nicht umsonst beschäftigen sich Genderforscher mit der Frage, warum Frauen auch heute noch an der gläsernen Decke zu scheitern scheinen, und kommen zu dem Ergebnis, dass eine Frau vor allem dann erfolgreich ist, wenn sich ihr Lebensentwurf einer männlichen Normalbiographie angleicht. Da Frauen aber mehr Wert auf ethische Aspekte legten und ihnen Geld und Macht weniger wichtig seien, seien sie weniger erfolgreich. Die gesamte Arbeitswelt dagegen ist weiterhin auf männliches Rollenverhalten eingestellt – gilt der Mann also auch in Deutschland als Maß aller Dinge?

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Die Pflicht, nach Wissen zu streben

Gleichzeitig fragen sich muslimische Feministinnen, ob im Zeitalter von Sendeformaten wie „Germany’s Next Topmodel“, bei denen eine ganze Generation von jungen Mädchen darauf getrimmt wird, den männlichen Blick zu internalisieren und Männern zu gefallen, der islamistische Patriarch nicht bloß durch einen mit kapitalistisch orientierten Interessen kompatiblen Patriarchen ersetzt wird. Das Kopftuch wird dann auch zu einem Ausdruck gegen die Sexualisierung und Vermarktung der Frau. Die Kultur dagegen, die sich in der Unterhaltungs- und Werbeindustrie manifestiert, lässt den Einzelnen nicht unbedingt als vernunftbegabtes Wesen erscheinen, wird hier doch auf primitivste Weise an archaische Triebe appelliert. Die von Necla Kelek vorgenommene Idealisierung des westlichen Individuums als ein rein vernunftgesteuertes Wesen erscheint also etwas naiv.

Natürlich heißt dies nicht, dass wir Missstände in Deutschland mit der Frauenverachtung in Ägypten aufwiegen oder vergleichen könnten. Aber wenn wir bereit sind, auch wahrzunehmen, dass der Anteil der weiblichen Universitätsprofessoren in Ägypten mehr als doppelt so hoch ist wie in Deutschland und es in Iran beispielsweise bereits eine Männermindestquote an Universitäten gibt, dann wird deutlich, dass die Ursachen für Frauenunterdrückung sehr viel komplexer sind. Der Islam jedenfalls gebietet in einer Überlieferung des Propheten: „Es ist Pflicht für jeden muslimischen Mann und jede muslimische Frau, nach Wissen zu streben“ (Ibn Majah).

Wenn der Islam jederzeit an den Pranger gestellt werden kann, sobald über die Benachteiligung der muslimischen Frau gesprochen wird, dann muss über die wirklichen Ursachen von Frauenunterdrückung weder nachgedacht noch diskutiert werden. Wie bequem, dass wir den Islam haben.

Quelle: F.A.Z.
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