TV-Sender Rai in der Kritik

Frauenbilder

EIN KOMMENTAR Von Matthias Rüb
Aktualisiert am 27.11.2020
 - 07:41
Fernsehen wie in den achtziger Jahren: Rai 2 macht es noch heute möglich.
Gesagt, getan: Während fast der gesamte italienische TV-Sender Rai im Zeichen des Tages gegen Gewalt an Frauen steht, gibt ihnen das Programm von Rai 2 Ratschläge für den sexy Auftritt im Supermarkt. Das kommt nicht gut an.

Auch in Italien wurde am Mittwoch der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen begangen. Der Staats- und der Regierungschef, die Innenministerin und weitere Kabinettsmitglieder, Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften, Kirchen- und Kulturleute beklagten die fortdauernden Gewalttaten gegen Frauen und richteten Weckrufe an die Gesellschaft. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres wurden in Italien 91 Femizide gezählt, elf Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Am Mittwoch selbst wurden zwei weitere Morde gemeldet: In Padua und in Catanzaro starben eine dreißig und eine 51 Jahre alte Frau an den Messerstichen ihrer Ehemänner. Als Zeichen der Solidarität mit den Opfern sowie der Hoffnung auf eine Zukunft ohne Gewalt gegen Frauen wurden am Abend zahlreiche öffentliche Gebäude mit orangefarbigem Licht angestrahlt. Das Nachrichtenradio des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Rai hatte sein gesamtes Programm vom Mittwoch unter das Motto „No Woman No Panel“ gestellt. Damit schloss sich der Sender Rai 1 der internationalen Kampagne zur Geschlechtergerechtigkeit an. Jede Sendung wurde von einer Frau (mit)moderiert.

Für Diskussionen über die Rai sorgte aber nicht diese Aktion des Nachrichtenfunks, sondern eine Fernsehsendung im Nachmittagsprogramm von Rai 2 mit dem Titel „Detto Fatto“ (Gesagt, getan). Dabei gaben Moderatorin Bianca Guaccero und die Poledancerin Emily Angelillo der italienischen Frau Ratschläge, wie sie beim Einkauf im Supermarkt möglichst sexy auftreten könne, um die Aufmerksamkeit des allfälligen Traummanns zu erregen.

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Angelillo trug ein nabelfreies Top, einen schwarzen Lederminirock und High Heels. Dann nahm sie einen Einkaufswagen und bewegte diesen vor ein im Studio aufgestelltes Supermarktregal. Und dann erklärte und demonstrierte Angelillo, wie man „die Regalreihen zur Bühne macht“. Beim Strecken nach einem Produkt im obersten Regel gelte es, ein Knie ein wenig anzuheben. Sollte ein Produkt versehentlich zu Boden fallen, sei dies kein Schaden, im Gegenteil, wie Angelillo zeigte: Elegant ging sie in die Hocke – dabei gelte es, die Beine geschlossen zu halten, „damit die Situation nicht zu vulgär wird“ – und erhob sich wieder, wobei sie den Po etwas in die Höhe streckte. Das sei nicht nur statthaft, sondern angezeigt, erklärte die lächelnde Einkäuferin im Fernsehstudio. Die Moderatorin lächelte auch. Vom Band im coronabedingt zuschauerlosen Studio rauschte Beifall.

Inzwischen haben die Verantwortlichen der Rai Bedauern gezeigt. Man habe nicht die Absicht gehabt, sexistische Stereotypen zu transportieren, sagte Programmdirektor Ludovico Di Meo. Leider sei der „ironische Charakter“ der Darstellung nicht deutlich geworden. Die Moderatorin Bianca Guaccero entschuldigte sich in aller Form. Die Folge vom Dienstag wurde noch am Mittwochabend aus der Mediathek entfernt. Es heißt, die Sendung „Detto Fatto“ werde ganz gestrichen. Ob damit auch ein Frauenbild verschwindet, das ursächlich zur grassierenden Gewalt gegen Frauen beiträgt, muss man bezweifeln.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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