Freyers „Walküre“ in Mannheim

Nimm doch endlich diesen Raben vom Kopf!

Von Christian Wildhagen
27.03.2012
, 11:13
Für das Wagner-Jahr 2013 rüsten die Bühnen zum großen „Ring“-Kampf. Nach vielversprechendem Beginn verrennt sich Achim Freyer jetzt in Mannheim bei der „Walküre“ in seiner eigenen Bilderflut.

Das erste Opfer des ominösen Rings liegt an der Rampe und starrt uns an. Stumm klagt das abgeschlagene Haupt des Riesen Fasolt in die Runde: So endet, wer der Gier nach Gold und Weltherrschaft verfällt. Er wird nicht das letzte Opfer bleiben in diesem fatalen, immerwährenden Spiel. Achim Freyer, der jetzt mit einer heftig umstrittenen Neuproduktion der „Walküre“ den zweiten Teil seines vielbeachteten „Ring“-Projekts am Mannheimer Nationaltheater vorlegte, lässt keine Zweifel, dass der Fehler bereits tief im System steckt. Irgendetwas läuft gründlich schief in diesem mythischen Kosmos, den der Regisseur mit zeichenhaften Urelementen wie Dreieck, Kreis und Kugel in einen schwarz und weiß verhängten Bühnenraum zaubert. Doch es gibt kein Entrinnen - auch Wotans tönende Monade hat keine Fenster.

Stattdessen gibt es immerhin ein klar geregeltes Oben und Unten: Im Miniaturformat baumelt das Bühnenbild und in ihm die versammelte Götterschar aus Freyers „Rheingold“-Inszenierung (F.A.Z. vom 31. Oktober 2011) im Theaterhimmel. Eine leuchtende Linie, die zum strafenden Speer und zum blutroten Schwert mutiert, verbindet dieses Höhenreich mit den Niederungen der Menschen. Immer häufiger muss sich der große Puppenspieler Wotan allerdings hinabbequemen zu den Sterblichen, um zu verhindern, dass der Weltenlauf vollends aus den Fugen gerät. Freyer findet auch hierfür ein einfaches Ausdrucksmittel: Fast zwei Akte lang rotiert die Drehbühne in schwindelerregender Gleichförmigkeit - bis der Tod Siegmunds das Kreisen abrupt zum Stehen bringt.

Persönlich an die Wand gefahren

Zuvor allerdings lässt Freyer auch seinen bewährten Traum- und Assoziationsautomaten kräftig rotieren. Unablässig stellt er neue, teilweise höchst suggestive Bilder aufs kreisende Rund. Schon die Kostüme, ebenfalls vom Regisseur entworfen, schaffen ein ganzes System aus Querverweisen und Anspielungen. Da schreitet Wotan (der sehr textklug gestaltende Karsten Mewes) mit schwarzem Rieseneierkopf und blitzendem Zyklopenauge durch seine in Trümmer gehende Welt und scheint bisweilen - mit Hilfe zweier Doppelgänger - sogar die Grenzen des Raums hinter sich zu lassen. Da hechelt Hunding (der machtvoll belfernde Manfred Hemm) als blutrote Dogge hinter dem einsamen Leitwolf Siegmund her (vom bayreuthgestählten Endrik Wottrich mit baritonal eingedunkeltem, aber höhensicherem Tenor gesungen). Brünnhilde (die am Premierenabend ungewohnt verhaltene Judit Németh) trägt einen Wotanschen Überwachungsraben auf dem Kopf, muss dann aber bei ihrer Einschläferung im dritten Akt nicht nur den skurrilen Aufpasservogel, sondern auch die putzigen Schmetterlingsflügel abgeben, mit denen sie bislang offenbar Götter-Papis Haupt und Gemüt umschwirrt hat.

Die Walküren schließlich - und hier gleitet die Optik ein wenig arg ins Kunstgewerbliche ab - schleppen als Kopfputz Nähmaschinen, Scheren, eine Tröte und anderes sinnentleertes Zeug und kutschieren mit seltsamen mechanischen Schlachtrössern herum. Die sehen so deformiert aus (und quietschen leider auch so enervierend), als habe sie der große Maschinenkünstler Jean Tinguely vor Wut persönlich vor die Wand gefahren. In seinen besseren Momenten erinnern Freyers Traumimaginationen hingegen an den poetisch verrätselten Surrealismus eines Max Ernst; in den schlechteren darf man zumindest rätseln, in welcher Freyer-Inszenierung man diesen oder jenen optischen Einfall schon einmal bewundert hat.

Ein Korsett, das dem Ausdruck den Atem nimmt

Nicht die bei einem Regisseur mit derart ausgeprägtem Personalstil immer drohende Gefahr der Wiederholung als Zeichen ästhetischer Stagnation war jedoch das Hauptproblem der Inszenierung - und wohl auch der Auslöser der kontroversen Publikumsreaktionen. Vielmehr ist es Freyers konsequente Verweigerung alles theatralisch unmittelbaren Erzählens. Schon seit seiner Uraufführungsregie von Helmut Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ 1997 hat sich Freyer mehr und mehr einem postdramatischen Theater zugewandt, das nicht nur auf nahezu jede direkte gestische Untermalung des gesungenen Textes verzichtet, sondern oft auch - wie hier durch das gleichförmige Kreisen der Drehscheibe - ein völlig eigenes Tempo in der Abfolge der Bilder und szenischen Aktionen schafft.

Mit kaum einer Opernform dürfte dieses Ausdrucksvermeidungstheater indes heftiger kollidieren als mit Wagners musikalischem Gefühlsrealismus. Noch am überzeugendsten erscheint die Idee unabhängiger Zeitebenen zwischen Bühne und Orchestergraben bei den epischen Erzählstrukturen des „Parsifal“ - Robert Wilson hat dies bereits vor zwei Jahrzehnten mit erstaunlich ähnlichen Mitteln wie Freyer bewiesen. Doch wo immer die Pranke des Musikdramatikers Wagner voll zuschlägt, hat ein solches Konzept keine Chance: Die immer gleichen, streng stilisierten Bewegungsfolgen wirken dann künstlich und merkwürdig gehemmt. Schlimmer noch: Sie zwängen die Sänger in ein szenisches Korsett, das dem natürlichen Ausdruck buchstäblich jeden Atem nimmt.

Schlüsselmomente wie der eigentlich rauschhaft-befreiende Schluss des ersten Aufzugs oder Brünnhildes hochemotionale Kehrtwende in der „Todesverkündigung“, vor allem aber der aufwühlende Vater-Tochter-Disput des dritten Aktes können so nur unbefriedigend ins Leere laufen. Zumal Generalmusikdirektor Dan Ettinger und das immer rauhbeiniger tönende Hausorchester der Bildermacht der Szene kaum eigene dramatische Entwicklungs-, geschweige denn Spannungsbögen entgegensetzen. Nach dem vielversprechenden „Rheingold“-Start ist das doppelt schade.

Die nächsten Vorstellungen werden jeweils sonntags am 01.04, am 22.04 und am 27.05 gespielt.
 

Quelle: F.A.Z.
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