Friedhof stürzt ins Meer

Totenunruhe an der ligurischen Küste

EIN KOMMENTAR Von Karen Krüger
25.02.2021
, 15:12
Es sind Bilder, auf die ganz Italien mit Bestürzung reagiert: Ein Friedhof an der ligurischen Küste stürzt ins Meer – ausgerechnet in der Zeit der Pandemie, in der es sowieso schon wenig Platz für die Toten gibt.

Manche Särge schaukeln wie seltsame Blüten auf dem Wasser, andere treiben wie Beiboote über den Golf von Paradiso, mit Seilen vertäut an den Motorbooten der Feuerwehrleute und Carabinieri, die nicht wollen, dass sich die Holzkisten mit den Verstorbenen dorthin bewegen, wohin Strömung und Wellen sie tragen wollen: zurück ins Leben, in den kleinen Fischerhafen des ligurischen Küstenorts Camogli.

Am Montag ist dort, wo sich bei warmem Wetter die Badegäste an den Stränden drängen und dahinter die Küste atemberaubend schön ist und so steil, dass Häuser, Straßen und die Eisenbahn sich eine Handbreit Erde teilen müssen, der äußere Teil eines Friedhofs ins Meer gestürzt. Seit einigen Tagen seien seltsame knackende Geräusche auf dem Felsvorsprung zu hören gewesen; die heftigen Stürme und Regenfälle des vergangenen Winters, heißt es, hätten am Stein genagt. Die Stadtverwaltung war alarmiert, und Arbeiter waren dort, um nach dem Rechten zu sehen. Einer filmte mit dem Handy, plötzlich ging alles ganz schnell, die Möwen flogen auf, sie verstanden als Erste, was passiert. Ein lauter Knall, dann sackten mehrere Familiengruften und das Kolumbarium, das die Särge von etwa zweihundert Toten aufbewahrte, in sich zusammen, und alles rutschte samt dem Felsen hinunter ins Meer – wo nicht alles den Aufprall überstand.

Der Film des Friedhofsarbeiters verbreitete sich in Windeseile in den sozialen Medien, begleitet von Fotos der Abbruchstelle, eines wüsten Durcheinanders aus Geröll, Erdreich, Särgen und zersplittertem Holz. Fast wirkt es, als habe der Friedhof seine Toten dem Meer übergeben wollen, weil er selbst keinen Platz mehr bieten konnte. Es sind apokalyptische Bilder, auf die ganz Italien mit Bestürzung reagiert: Ausgerechnet jetzt, in der Zeit der Pandemie, die so viele Opfer fordert, dass man nicht mehr weiß, wo man sie noch zur Ruhe betten soll, spuckt ein Friedhof seine Toten wieder aus.

Was der Friedhof und der Tod einmal waren

Vor fast genau einem Jahr wurde das Land schon einmal von Bildern erschüttert, die den Tod auf brutalste Weise ins Leben rückten. Die Fotos des Militärkonvois aus Bergamo mit Hunderten von Särgen, für die es keinen Platz mehr im Krematorium und auf dem Friedhof gab, rüttelten viele Menschen über die Grenzen Italiens hinaus wach und sensibilisierten sie für die Gefahren der Pandemie. Mittlerweile ist das Sterben alltäglich geworden, und man wird mit dem Tod nicht mehr nur beim sonntäglichen Besuch auf dem Friedhof konfrontiert, sondern jeden Tag beim Blick auf die neuesten Opferstatistiken der Pandemie. Früher zäunte der Friedhof den Tod ein und war in diesem Sinn die Rettung der Welt. Jetzt ist der Tod ständig mitten unter uns, ohne dass es einen festen Ort der Trauer gibt. Von den Särgen des Friedhofs von Camogli konnten bisher ein Dutzend geborgen werden. Weitere werden folgen, für viele der Toten aber wird von nun an das Meer die letzte Ruhestätte sein. In Italien wird also abermals getrauert. Nicht nur um die Verstorbenen, deren Ruhe gestört wurde, sondern auch darum, was der Friedhof und der Tod einmal waren.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton.
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