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Frühkritik: Sandra Maischberger

Der Geruch von Mottenkugeln

Von Frank Lübberding
Aktualisiert am 21.03.2012
 - 07:08
Maschmeyer gestern bei Maischberger
Sandra Maischberger hatte am Dienstagabend den Verlobten von Veronica Ferres zu Gast: Carsten Maschmeyer. Es wurde ihre beste Sendung seit Jahren.

Es war ein Samstag vor den Landtagswahlen. Am 28. Februar 1998 fiel dem Zeitungsleser beim Frühstück fast das Brötchen aus der Hand. In einer ganzseitigen Anzeige stand zu lesen: „Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein.“ Darunter die Bilder der bisherigen Bundeskanzler, versehen mit einem Untertitel: Kein Niedersachse. Erst Jahre später ist der Auftraggeber dieser Anzeige bekannt geworden: Der Finanzdienstleister Carsten Maschmeyer. Diese unverhohlene Parteinahme zugunsten Schröders und gegen das damalige CDU-Talent Christian Wulff war eine Sensation gewesen – und hatte ihren Anteil an Schröders Wahlsieg und seiner Nominierung zum SPD-Kanzlerkandidaten am Wahlabend des 1. März 1998.

Carsten Maschmeyer bestreitet, dass Schröder etwas davon gewusst habe, so auch an diesem Dienstag Abend bei Maischberger. Der Schröder-Kritiker und langjährige Sozialpolitker der SPD Bundestagsfraktion, Rudolf Dreßler, äußerte seine Zweifel an dieser Version. Nachweisen lässt sich das nicht. Allerdings ist es auch nicht wichtig. An dieser Anzeige erkennt man nämlich die Qualitäten des Carsten Maschmeyer. Sie erscheinen wie in einem Brennglas. Er hatte ein klares Ziel, das er bei Maischberger noch einmal deutlich machte: Den damaligen SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine als Kanzlerkandidaten zu verhindern.

Zugleich kannte er die Bedeutung dieser Wahl für die Nominierung und holte mit dieser Anzeige den Wähler dort ab, wo jeder Kunde am Besten zu überzeugen ist: bei seinen emotionalen Bedürfnissen. Ein guter Verkäufer sorgt dafür, dass der Kunde seine Emotionen mit dem angebotenen Produkt identifiziert. In diesem Fall hieß das Gerhard Schröder. So wie in dieser Anzeige handelte Maschmeyer in seinem gesamten Berufsleben als Verkäufer. Er ist ohne Zweifel ein Ausnahmetalent. Mehr muss man allerdings auch nicht wissen, um seinen Erfolg zu verstehen. Wie formulierte das Maschmeyer so schön: „Die meisten Menschen haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem.“

Maschmeyers Poesiealbum

Gute Verkäufer sind Menschen, die sich selbst verkaufen können und darüber ihr Produkt. Sie sind daher eine absolute Mangelware, genauso wie gute Entertainer im deutschen Fernsehen. Maschmeyer weiß das natürlich. Seine Erzählungen über Fleiß, Fortbildung und Enthaltsamkeit in Form des Konsumverzichts sind das kleinbürgerliche Standardprogramm des „Parvenüs“ zur Erklärung seines Erfolgs. So bezeichnete die frühere „Bunte“-Chefredakteurin Beate Wedekind den Verlobten der Schauspielerin Veronica Ferres.

„Rückschläge sind Vorschläge für die Zukunft.“ Seine Rhetorik setzt sich aus solchen Worthülsen zusammen, die wir aus den Poesiealben früherer Zeiten kennen. Diese Poesiealben haben für die Mädchen von einst einen immateriellen Wert, weil sie mit Erinnerungen verbunden sind. Für Maschmeyer gibt es keine immateriellen Werte, seine Welt besteht aus Soll und Haben. Frau Maischberger kitzelte das mit ihrer Interviewtechnik aus ihm heraus. So spricht Maschmeyer nicht ohne Grund von „Schulden“ und „Guthaben“, die bei seinem Networking anfallen. Sympathie und Vertrauen, er benutzte beide Begriffe, muss der Verkäufer erwerben. Das ist harte Arbeit, wenn er an sein Ziel kommen will. Wer sie wie Maschmeyer 30 Jahre lang betreibt, wird die Folgen spüren. Sie gehen nicht spurlos an einem vorbei.

Er wäre ausgelacht worden

Der Begriff des Parvenüs ist besser, als es Frau Wedekind wahrscheinlich ahnte. Das Ehepaar Wulff gehört auch in diese Kategorie der Aufsteiger, die die „feinen Unterschiede“ (Pierre Bourdieu) spüren, die ihnen den Zugang zur Welt der „Bunten“ versperren. Allerdings fehlten den Wulffs die Ressourcen, über die ihr Freund Maschmeyer reichlich verfügt. Der Alt-Bundespräsident kompensierte das mit dem Guthaben des Spitzenpolitikers namens Reputation.

Dem Parvenü merkt man das „Geldverdienen“ noch an. Es hängt ihm wie der Geruch von Mottenkugeln in den Kleidern. Ihn loszuwerden ist das Ziel, wenn man wie Maschmeyer mehr Geld hat, als man jemals ausgeben kann. Außerdem muss er sich mit Frau Ferres sehen lassen können. Und das war auch sein Problem mit der Anzeige aus dem Jahr 1998. Sie erschien anonym. Er hätte mit seinem Namen niemanden davon überzeugen können, dass der „nächste Kanzler“ ein Niedersachse und kein Saarländer sein soll. Er wäre schlicht ausgelacht worden.

„Habe auch die Schnauze nicht voll genug bekommen“

Das Buch, die Serie in der „Bild“, der Auftritt bei Maischberger sind der Versuch, diesen Status endlich loszuwerden. Ein Moritz Hunzinger stört dabei nur, wie am Dienstag Abend deutlich wurde. Es gilt, jenes bisherige Leben in Vergessenheit geraten zu lassen, das Maischberger allerdings reichlich dokumentierte. Betrogene Kunden und zahllose Gerichtsverfahren. Das Leben eines Verkäufers am Ende der Nahrungskette jener Finanzindustrie,die immer wusste, was sie an den Strukturvertrieben hatte.

Nämlich dort aktiv zu sein, wo es bisweilen eklig zugeht. Wo Maschmeyers „Berater“ ihren tatsächlichen Freunden die Produkte andrehen, die zwar hochriskant sind, aber allen Beteiligten hohe Provisionen bringen. Und wo sich Fondsemittenten und der Vertrieb wechselseitig die Schuld beim Totalverlust zuschieben können. Selbstredend sind die Kunden für ihre Verluste mitverantwortlich. Maschmeyer machte das Dienstag Abend wiederholt deutlich. „Je höher Menschen aufsteigen, umso weniger Zeit haben sie für ihre Finanzen.“ Diese Erfahrung machte er schon im Studium mit seinen Professoren. Nun gehören Zahnärzte und Rechtsanwälte, genauso wie Spitzensportler und Schauspieler, zu den bevorzugten Kunden solcher Berater. Sie haben Geld und sind häufig ahnungslos über Finanzprodukte. Und die Gier ist ein gutes Motiv, um das Großhirn auszuschalten.

Ein guter Verkäufer benutzt Vertrauen und Sympathie, um seinem Kunden die Gewissheit zu geben, dass seine Gier auch ganz sicher befriedigt werden wird. „Ich habe auch die Schnauze nicht voll genug bekommen.“ So beschrieb das Frau Wedekind. Sie hat allerdings ihr Vermögen bei einer Bank verloren und nicht bei Maschmeyers AWD.

Maschmeyers Zynismus

„Wofür bin ich denn da?“ Frau Wedekind verzweifelte am Dienstag Abend an ihrer Rolle. Sie wollte über Neid reden, vielleicht auch über Äthiopien. Die Qualität der Sendung bestand darin, dass es dazu nicht gekommen ist. Selbst der mittlerweile in solchen Talkshows unvermeidliche Textilunternehmer Wolfgang Grupp erwies sich als eine gute Wahl der Redaktion. Er gilt bekanntlich als Inbegriff des guten Unternehmers. Maschmeyer wurde nämlich am Ende zum Opfer seiner Poesiealbum-Weisheiten. Sie entpuppten sich als Zynismus: „Ohne Fleiß keine First Class“, meinte er, und „mit zweitklassiger Arbeit kann man nicht erstklassig leben.“

Als Dreßler daraufhin fragte, ob die Schlecker-Verkäuferin nicht fleißig gewesen sei oder wann sie „first class“ gelebt habe, gab Grupp die richtige Antwort: „Gewinner und Verlierer darf es in einem Unternehmen nicht geben.“ Was unterscheidet ihn von Maschmeyer? Nur eins: Das Menschenbild. Frau Maischberger hat das deutlich werden lassen. Es war ihre beste Sendung seit Jahren.

Quelle: FAZ.NET
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