Gauck und Kempowski

Zwei Rostocker

EIN KOMMENTAR Von Edo Reents
20.02.2012
, 16:41
1990 beschrieb Walter Kempowski Joachim Gauck als „dünnhäutig“. Heute würden wir ihm diese Eigenschaft nicht mehr zuschreiben. Die deutsche Geschichte hat eine neue Ironie für ihn parat.

Walter Kempowski sah, nachdem er im März 1948 in Rostock verhaftet worden war, acht Jahre in Bautzen verbracht hatte, in den Westen gegangen und dort nicht nur Dorfschullehrer, sondern auch einer der produktivsten, genauesten, erinnerungsseligsten, auch lustigsten, kurz: einer der größten deutschen Schriftsteller geworden war, seine Vaterstadt nach 42 Jahren wieder. Joachim Gauck hatte das Glück oder, wie man’s nimmt, das Pech, dass er seine Heimat nie dauerhaft verlassen musste. So kreuzten sich die Wege erst im Januar 1990.

Unter dem 7. jenes Monats notiert Kempowski im Tagebuch: „Gestern abend versammelten sich einige Bürger der Stadt, darunter ein dicker Architekt mit langem Bart, und der dünnhäutige Gauck, der die Gottesdienste in der Marienkirche organisiert und die anschließenden Demonstrationen.“ War Joachim Gauck nur bei dieser Gelegenheit dünnhäutig oder auch sonst? Es fiele schwer, ihm diese Eigenschaft heute noch zuzuschreiben. Er verkörpert jedenfalls eine historische Dialektik, für die auch der andere Rostocker immer viel Sinn hatte: „Laotse“, fährt Kempowski im Tagebuch fort, „hatte recht, als er sagte: Am Ende wird das Schwache doch das Starke sein.“

Mit Skepsis gegen Ideologien imprägniert

Er hätte genauso gut sagen können: „Das weiche Wasser bricht den Stein“, aber dieses sanfte Kampflied wäre ihm vermutlich zu „links“ gewesen, wie auch Gauck jetzt andere, bürgerlich-repräsentative Worte wählte und von der Berufung an die „Spitze des Staates“ sprach, um die neueste und vermutlich bemerkenswerteste Ironie zu umschreiben, die sich die Geschichte mit seinem Leben erlaubt. Beide wussten, wie es ist, wenn die Familie von „den Sowjets“ auseinandergerissen wird - der eine aus direkter, der andere aus indirekter, seinen Vater betreffender Erfahrung. Das hat sie mit Skepsis gegen Ideologien imprägniert und allergisch gemacht gegen DDR-Nostalgie.

Man darf wohl auch eine gewisse mecklenburgische Verbundenheit unterstellen, die Kempowski Gauck-Auftritte bei Kundgebungen oder in Talkshows als „großartig“ oder „klug“ loben ließ. Der eine wollte, wie er als Kind so naiv wie hellsichtig gesagt hatte, „Archiv“ werden und wurde es dann ja auch; der andere leitete eines. Ob sie wohl einmal miteinander gesprochen haben? Der Tagebucheintrag zu jenem Januarabend lässt es offen, wer im Einzelnen wem zum Abschied die Hand gab: „Fester Händedruck. Norddeutscher Blick in norddeutsche Augen.“ Zu sagen hätten sie sich auf jeden Fall etwas gehabt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
Redakteur im Feuilleton.
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