Eberhard Jüngel wird 80

Ein Analytiker des Glaubens

Von Christian Geyer
03.12.2014
, 17:11
Einer der angesehensten evangelischen Theologen: Eberhard Jüngel.
In klarer Sprache dem Geheimnis Rechnung tragen: Eberhard Jüngel, einer der renommiertesten evangelischen Theologen, wird achtzig.

Man erzählt von der Karteikarte auf dem Beistelltisch in Eberhard Jüngels Tübinger Wohnzimmer, auf dem die Warnung des Künstlers Joseph Beuys zu lesen ist: „Wer nicht denken will, fliegt raus.“ Tatsächlich kam für den Theologen Jüngel ein sacrificium intellectus nie in Frage, wenn damit im Sinne Immanuel Kants gemeint war, das Wissen aufheben zu müssen, „um zum Glauben Platz zu bekommen“.

Glaube hat bei Jüngel durchs Wissen hindurchzugehen, statt sich in einer Hirnnische einzurichten. Das sagen freilich viele christliche Theologen. Unter dem Motto, den Glauben, wie es dann heißt, vor der Vernunft „verantworten“ zu wollen, bleibt vom Glauben oft nicht mehr übrig als ein rationalistisch-therapeutischer Aufguss.

Nicht so bei Jüngel. Bei ihm, der zu den bekanntesten und profiliertesten evangelischen Theologen der Gegenwart zählt, führt die denkerische Erschließung des Glaubens stets tiefer ins Geheimnis hinein statt aus ihm heraus. Sein 1975 erstmals veröffentlichtes Buch „Gott als Geheimnis der Welt“ hat hier den Grundton angeschlagen. Jüngel orakelt nicht; aber seine Sprache, sein hochreflektiertes Schreiben und Sprechen, trägt in jedem Satz dem Geheimnis Rechnung.

Mit strenger Beiläufigkeit (streng und beiläufig: das eine nicht ohne das andere), dabei nie einem Jargon frönend, einen Jüngel-Sound erzeugend. Als Analytiker und Didaktiker seines Glaubens setzt er auf Evidenzeffekte, anders gesagt: auf Klarheit. Er liebt das schlagende Beispiel, die überraschende, aber unvermeidlich wirkende Conclusio nach knapper, folgerichtiger Herleitung.

Geprägt von Heidegger und Hindemith

Zu Hilfe kommt dem an Karl Barths Argumentationsfiguren geschulten Jüngel dabei sein unbefangenes Verhältnis zur Analogie, wie es für einen evangelischen Theologen nicht selbstverständlich ist. Seine Habilitationsschrift ging dem „Ursprung der Analogie bei Parmenides und Heraklit“ nach. Und seine gesamte Ekklesiologie zehrt von einer theologisch anspruchsvollen Analogiebeziehung zur Trinitätslehre: Wie im Christentum das eine göttliche Wesen sich im Vater, im Sohn und im Heiligen Geist ausdrücke, so drücke sich die eine Kirche Jesu Christi in unterschiedlichen Konfessionskirchen aus. So dass man legitimerweise von einer „Wesensgemeinschaft gegenseitigen Andersseins“ reden könne und eine gegenseitige Exkommunikation nicht mehr möglich wäre. Jüngels reformatorische, „in sich“ schlüssige Ökumene-Ansage ist nachgerade das Gegenteil einer Weichspül-Ökumene, ruft aber gleichwohl die Einwände der auf die sakrale Differenz der Kirchenbegriffe pochenden Gegenreformatoren hervor.

Neben dem Theologen Barth haben den in Magdeburg geborenen Jüngel besonders die Begegnungen mit dem Philosophen Martin Heidegger und dem Komponisten Paul Hindemith geprägt. Nach Stationen in Ost-Berlin und Zürich wechselte er 1969 als Ordinarius für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an die Universität Tübingen. Dort war er auch jahrelang Vorsteher des traditionsreichen Evangelischen Stifts.

Als Verfasser oder Herausgeber zahlreicher theologischer Schriften hat sich Jüngel einen hervorragenden Namen gemacht. Er ist Mitglied etlicher Akademien der Wissenschaften und stand dem Orden „Pour le Mérite“ für Wissenschaften und Künste als Kanzler vor. Am heutigen Freitag feiert Jüngel – sehschwach, aber kopfstark – seinen achtzigsten Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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