Dieter Henrich

So hält man Grundfragen der Existenz überzeugend im Spiel

Von Jürgen Kaube
05.01.2017
, 07:28
Dieter Henrich im Januar 2006 in der Residenz in München, eben mit dem Maximiliansorden ausgezeichnet, Bayerns höchster Ehrung für Kunst und Wissenschaft
Gibt es einen Fortschritt in der Philosophie, wie es ihn in der Wissenschaft gibt? Und warum lohnt es sich, über das Vergangene immer von Neuem nachzudenken? Der Philosoph Dieter Henrich hat diese Fragen mehr als andere durchdrungen.

Kunst und Wissenschaft stehen in einem klaren Verhältnis zur historischen Zeit. In der Wissenschaft verdrängen die meisten jüngeren Erkenntnisse die älteren oder nehmen, was richtig an ihnen war, in sich auf. Deswegen gibt es einen Stand der Forschung, deswegen kann, je nach Disziplin schneller oder langsamer, die Vergangenheit der Wissenschaftsgeschichte überlassen werden. Kein aktiver Physiker liest Newton.

Für die Bedeutung der Kunstwerke spielt ihr Alter hingegen keine entscheidende Rolle. Nur weil ein Werk älter ist, fällt es noch nicht aus der ästhetischen Betrachtung heraus. Die neueste Kunst, Literatur, Musik steht neben der älteren, sie steht nicht vor oder über ihr. Mitunter muss sie sich sogar Vergleiche gefallen lassen, die für die Gegenwart nicht gut ausgehen. Behauptungen, eine Art des Dichtens, Malens oder Komponierens sei überwunden, riskieren ihrerseits jederzeit überwunden zu werden, sofern jemand kommt und demonstrieren kann: Es geht doch. Einen Stand der Kunst gibt es nicht. Schönberg hat Schubert nicht ersetzt.

Ein unbekanntes Niveau des Argumentierens

Wie aber verhält es sich mit der Philosophie? Ist sie ein Zusammenhang von Erkenntnisfortschritten, eine Wissenschaft, in der es genügt zu kennen, was zuletzt erkannt wurde? Oder ist sie eine Abfolge von Gedanken, die über Jahrhunderte hinweg auch dann noch nachdenkenswert sind, wenn wir inzwischen anders denken?

Der Philosoph Dieter Henrich hat mehr als alle anderen Angehörigen seiner intellektuellen Generation diese Frage verfolgt. Von Anfang seines Werkes an, das 1952 mit einer Dissertation über Max Webers Wissenschaftstheorie einsetzte, hat ihn beschäftigt, dass die philosophischen Antworten auf Grundfragen der Existenz nicht verständlich sind, wenn man die Entstehungsumstände dieser Antworten nicht im Blick hat. Seine Bücher über die Debattengeschichte des Deutschen Idealismus („Konstellationen“, 1991), über Hölderlins philosophische Entwürfe („Der Grund im Bewusstsein“, 1992) und darüber, wie Schelling, Hölderlin und Hegel durch ihre theologischen Lehrer ins Denken hineinkamen („Grundlegung aus dem Ich“, 2004), sind nicht nur ihrer Akribie wegen ideengeschichtliche Meisterwerke.

Man kann in ihnen und in den berühmten Aufsätzen Henrichs über „Fichtes ursprüngliche Einsicht“ (1967) und „Hegel im Kontext“ (1971) förmlich dabei zusehen, wie um 1800 Zug um Zug ein bis dahin unbekanntes Niveau des Argumentierens entstand. Die Transparenz, die dabei in der Analyse auf den ersten Blick ganz verschlossener, oft bruchstückhafter und spekulativer Überlegungen erreicht wird, löst beim Leser mitunter den Stoßseufzer aus, wie hilfreich es gewesen wäre, Schelling und die Seinen hätten das eine oder andere gleich mit Henrich besprechen können.

Epoche des prägenden Einflusses der Philosophie

Mit nur ein wenig Ironie könnte man Dieter Henrich darum einen Revolutionshistoriker nennen. Denn seine allermeisten Schriften beschäftigen sich mit Denkern, die zu ergründen versuchten, was Subjektivität, Selbstbewusstsein und der Umstand bedeutet, dass die Vernunft eine Tatsache ist - und die damit eine ganze Welt verändert haben. Es war eine kleinstädtische, eine akademische Revolution aus Tübingen und Jena, die in Heidelberg erkundet wurde, wo Henrich erst als Student und später als Professor - nach Berlin und vor München - zwischen 1965 und 1981 die entscheidenden Jahre seines Universitätslebens verbrachte.

Dieter Henrich gehört insofern auch zur vorerst letzten Epoche, in der die Philosophie einen prägenden Einfluss auf andere Fächer - beispielsweise die Literatur-, Musik-, Sprach- und Sozialwissenschaften - sowie auf das hatte, was an den hiesigen Universitäten gedacht wurde. Eine Bedingung dafür war, dass unterschiedlichste Philosophen - Gadamer, Habermas, Tugendhat, Theunissen, Henrich und Blumenberg - miteinander redeten, weil sie einander Sparringspartner waren, die Studenten hingegen über sie, weil sie sich vom grundsätzlich Entgegengesetzten Aufschlüsse nicht nur im Fach, sondern auch für alles andere erwarteten.

Eine Verbindung des Denkens über die Zeit hinweg

Jeder Mensch philosophiere, hat Henrich mehrfach unter Bezug auf Rousseau und unter noblem Verschweigen der Tatsache betont, dass das sogar manchen Philosophen nicht immer sofort anzumerken ist. Womit der Punkt bezeichnet wäre, an dem auf die Frage nach den Gründen, sich mit vergangenem Gedankengut zu beschäftigen, das historische Interesse daran nicht erschöpfend ist. Henrich hat früh die Diskussionen der zunächst österreichischen, dann angloamerikanischen „analytischen“ Philosophie aufgenommen und auch in Nordamerika gelehrt. Fortschritte auf Gebieten wie formaler Logik, Wissenschaftstheorie oder Ästhetik hat er schon darum nie bestritten. Aber er hat, bei gesteigertem Sinn für professionelle Standards, die er nur eben schon um 1800 und nicht erst um 1950 in Harvard gesetzt sieht, sein Fach nie nur als Fach verstanden.

Das philosophische Denken ganz auf Bereiche einzuschränken, die „stabile Resultate“ erwarten lassen, scheint ihm den Sinn des argumentierenden Nachdenkens zu verfehlen. Fragen, die schon Kinder stellen, wie die nach Gott, der Freiheit, dem Leib und dem Guten wie dem Bösen, sind nur deshalb noch nicht Kinderfragen. Sie können zudem, so Henrich, selbst dann nicht an Literatur und Religion delegiert werden, wenn die Philosophie die Gedanken zu ihnen nur klären kann, ohne über die Antworten auf sie zu entscheiden. Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Zuletzt ist Dieter Henrich, dem bis ins hohe Alter eine erstaunliche Produktivität im Umgang mit schwierigen Dingen eignet, einer weiteren Frage dieser Art in „Sein oder Nichts“ (2016) von Rousseau über Hölderlin und Hegel bis zum Existentialismus und dem Werk Samuel Becketts nachgegangen. Wer hiergegen einwenden würde, so etwas lasse sich nicht wissenschaftlich und also gar nicht untersuchen, könnte sich mit dem von Henrich paraphrasierten Gedanken Kants beschäftigen, „dass Beweisbarkeit kein zureichendes Kriterium für vernünftige Annehmbarkeit ist“.

In diesem Zwischen- und Randbezirk der Rationalität und des Erforschbaren entstehen die Probleme, die seit mehr als zweieinhalbtausend Jahren philosophisch genannt werden. Sie belegen, wie situationsabhängig auch immer sie formuliert worden sind, eine Verbindung des Denkens über diese Zeit hinweg. Niemand kann heute mehr so denken wie Platon oder Hobbes oder Kant. Doch zugleich kann sich niemand, der ihre Schriften liest, dem Eindruck entziehen, dass ihre Fragen uns etwas angehen. Man kann es vielleicht so formulieren: Die philosophische Tradition hat lange Zeit so komplex und begriffsstark gedacht, dass für das bleibende Interesse an ihr die historische Ferne ihrer Texte nicht allzu sehr ins Gewicht fällt. Dieter Henrich, der vergangenen Donnerstag neunzig Jahre alt wurde, hat dieses Interesse auf beispiellos reflektierte, gelehrte und lebendige Weise wachgehalten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
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