Deutscher Historikertag

Die These vom Sonderweg war ja selbst einer

Von Jürgen Kaube
28.09.2014
, 17:52
Nicht ohne hohen Gast aus der Politik: Joachim Gauck zwischen dem Vorsitzenden des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands Martin Schulze Wedel (links) und dem Vorsitzenden des Verbandes der Geschichtslehrer Deutschlands Ulrich Bongermann.
„Gewinnen und Verlieren“: Beim 50. Deutschen Historikertag in der Lokhalle in Göttingen wurden alle Assoziationen ausgereizt. Ein Bericht vom größten akademischen Stammestreffen.

Historikertage sind wie Soziologentage, Germanistentage, Politologentage und Philosophentage. Zusammenkünfte der Großfamilien eben, mit Onkel Uli, Cousin Paul, Opa Gerhard und Tante Ute, Klatschbörsen und Netzwerkpflegestätten. „Gute Geschäfte“ wünscht man dem drittmittelstarken Kollegen beim Frühstück, trifft mittags den Verleger, spricht abends maliziös über Abwesende. Weswegen auch jetzt in Göttingen beim 50. Deutschen Historikertag wieder einmal fast niemand abwesend war. Es ist einfach zu riskant. Der typische Historikertagsblick geht im Gespräch – und zwar ganz gleich, ob man selbst gerade etwas sagt oder die anderen – immer leicht schräg über die Schulter des Gegenübers hinweg, um zu „screenen“, wer alles noch so durchs Bild läuft.

Zugleich werden solche Stammestreffen für die Öffentlichkeit ausgerichtet. Die Historiker lieben es beispielsweise selbst dann, wenn ihre Vereinsvorsitzenden Slawisten, Marxisten, Systemtheoretiker oder Religionshistoriker sind, hohe Repräsentanten des Staates einzuladen. Rau, Simonis, Lammert, Köhler, Merkel, Voßkuhle, Gauck – das ist die Festrednerliste der vergangenen zehn Jahre. Das zeigt einerseits nach außen, wen man bekommt. Das zeigt andererseits von innen, dass sie bei Geschichte, wenn die ganzen Verbeugungen vor Globalität, Mentalität, Kultur und Kapitalismus gemacht sind, eben doch zuerst an deutsche Politik denken. Man kann vermutlich lange warten, bis zum ersten Mal ein Bankier, eine Schriftstellerin oder ein Ausländer den Historikertag eröffnet.

Titel wendet sich an imaginäre Öffentlichkeit

An eine imaginierte Öffentlichkeit wenden sich vermutlich auch die Titel des Historikertags. Diesmal hat man „Gewinnen und Verlieren“ gewählt, vorher gab es genauso sinnlose Aufschriften wie „Über Grenzen“, „Ungleichheiten“ oder „Kommunikation und Raum“. Dabei war der Verband 2006 schon einmal fast so weit, die Wahrheit über beliebig erfindbare Nullformeln festzuhalten, als der Tagungstitel „Geschichtsbilder“ hieß. Wäre es nicht an der Zeit, einmal zum Thema „Vergangenheit“ zu tagen?

Das mit Gewinnen und Verlieren führt, wie alle anderen Überschriften, nämlich nur dazu, dass Vorträge über die Geschichte der urbanen Hundehaltung oder die Kuh als historisches Zugtier zu einer Veranstaltung „Tiere als Gewinner und Verlierer der Moderne“ gebündelt werden. Als hätten sie etwas gemeinsam mit den anderen Gewinn-und-Verlust-Beiträgen über den frühneuzeitlichen Diamantenhandel, die aristokratische Ämterkonkurrenz in der römischen Republik, das Ende des Ersten Weltkrieges oder mit Diskussionen über das Drittmittelgebalge in der Geschichtswissenschaft.

„Emotionsgeschichte“ im Visier

Man hätte also genauso gut auch „Oben und unten“ oder „Das große Durcheinander“ draufschreiben können. Ein wenig ist es wie bei dem Einwand, den der österreichische Historiker Valentin Groebner (Luzern) bei einer Podiumsdiskussion zu Recht gegen die sogenannte Emotionengeschichte vorbrachte: Was, wie Gefühle, so gut wie jegliche Handlung begleitet und in praktisch jeder Quelle dokumentiert ist, davon kann man keine Geschichte schreiben. Eine sinnvolle Einheit dessen, was die Historiker tun, die sich durch alle ihre Forschungen zöge, gibt es nicht. Und wenn die Göttinger Stichprobe nicht täuschte, dann gibt es nicht einmal Hauptlinien oder Trends.

Denn, um bei der Emotionengeschichte zu bleiben, es laufen gleichzeitig Dutzende solcher Trends parallel zueinander. Und ihre Abfolge ist so rasch, dass Ute Frevert (Berlin) sich gleich verpflichtet fühlte, eine Mentalitätsgeschichte der Ehre von einer Emotionsgeschichte der Ehre zu unterscheiden. Vermutlich wäre auch die Körpergeschichte und die Geschlechtergeschichte der Ehre ein eigener Band, von der Ideengeschichte und der Rhetorikgeschichte derselben gar nicht zu reden. Bei Mentalität, so Frevert, gehe es um „kulturelle Codes“, bei den Emotionen um das, was in den Herzen stattfinde. Aber beide Male dürfte die Historikerin nicht viel mehr als Texte haben, und wenn jemand sagt, das sei er seiner Ehre schuldig, ist es vermutlich tautologisch hinzuzufügen, er sei wohl gerade in seinem Ehrgefühl berührt.

Eine Art historischer Superkleber

Ganz wurde man also den Verdacht nicht los, dass nicht selten Mode-Labels auf ziemlich farbähnliche Produkte aufgedruckt werden. Das Reden über Gefühlsgeschichte, so Groebner, sei dabei eine Art „historischer Superkleber“, der verspreche, alles mit allem zu verbinden. Das passe zur deutschen Forschungsförderung, die in Gruppenforschung und Programme verliebt sei und deswegen anfällig für solche „Großschlüssel“, wobei sich die Schlüssel nach Generationen abwechseln: Wenn die Anhänger Foucaults auf den Lehrstühlen angelangt sind, kommt bei den Jungen das Bedürfnis nach Abwechslung auf, und alles wird, wie bei den Literaturwissenschaftlern, noch mal durchgenommen. Zu einem Stand der Forschung kommt man so natürlich nie.

Eine Diskussion über die Sonderwegsthese des kürzlich verstorbenen Hans-Ulrich Wehler machte andere Gründe dafür deutlich. Denn zwar hat diese These, das deutsche Bürgertum sei vergleichsweise stark auf den vergleichweise einflussreichen Adel fixiert gewesen und anfällig für (vergleichsweise) autoritäre Politik geblieben, der Forschung nicht standgehalten. Sie wird inzwischen selbst historisiert, etwa wenn Christina von Hodenberg (London) beobachtete, dass die Behauptung, der Nationalsozialismus habe seine wichtigsten Voraussetzungen im Untertanengeist des Kaiserreichs, sowohl eine geschichtspädagogische Funktion gehabt habe wie auch Eliten nach 1945 schonte.

Ohne allgemeine Fragen, Kriterien und Antworten

Oder wenn Bernd Weisbrod (Göttingen) anmerkte, dass eine Generation von Sozialwissenschaftlern der fünfziger und sechziger Jahre den Westen idealisierte, so als ob es in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten zwischen 1850 und 1950 keinerlei Illiberalität, Rassismus, Ressentiment gegeben habe. Eben darum kam der erste Einspruch gegen die Sonderwegsthese auch von angelsächsischen Linken, die es zu Hause gar nicht so fortschrittlich fanden. Sandrine Kott (Genf) ergänzte, dass die Bielefelder Sozialgeschichte meistens lieber das Bürgertum als die Bürger, die Schule als die Schüler und die Industrie als die Industriellen erforscht habe und insofern mitunter zu etwas pauschalen Urteilen kam.

Doch die dem Sonderwegsgeschehen freundlicher gesonnenen Historiker wie Jürgen Kocka (Berlin) und Manfred Hettling (Halle) musste das nicht anfechten. Ersterer fand, die Sonderwegsthese habe genug produktive Forschungen angestoßen, um nicht ausschließlich im Licht ihrer Triftigkeit diskutiert zu werden. Hauptsache, richtig falsch, hieß das, und dem wird sich im Rückblick niemand verschließen können. Letzterer bestand im selben Sinne darauf, dass man solche Thesen schon deshalb brauche, um nicht dort zu landen, „wo die Germanistik schon lange ist“, nämlich bei einer zerfledderten Forschung ohne allgemeine, begriffsgesteuerte Fragen, Kriterien und Antworten.

Über Helden im zwanzigsten Jahrhundert

Wie durcheinander Diskussionen verlaufen können, bei denen nicht einmal der Grundbegriff klar ist, zeigte eine über Helden im zwanzigsten Jahrhundert. Der Politologe Herfried Münkler schob das Thema insofern den Historikern zu, als wir seiner Sicht nach in einem nach-heroischen Zeitalter leben, in dem der Tausch das Opfer abgelöst habe und die Waffentechnik Heldentum demnächst völlig verunmögliche. Anderseits, so Ute Frevert, werde doch dauernd von Helden gesprochen, etwa in Bezug auf die New Yorker Feuerwehrleute am 11. September. Für den Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma hingegen waren alle Gesellschaften postheroisch, weil seit Homer die Sänger „Früher gab es noch Helden“ singen. Mit Selbstopferung habe das gar nichts zu tun, Achill, Rambo und Rocky seien narzisstische Persönlichkeiten, bar jeder emotionalen Selbstkontrolle und altruistischer Motive, die um jeden Preis ihren Weg gehen wollten. Wer von „Helden des Alltags“ spreche und damit Rettungskräfte oder Dissidenten meine, verwende nur dasselbe Wort, aber keinen Begriff. Das sagte nun ein Germanist.

Dass interessante Fragen nicht „theoriegeleitet“ sein müssen, belegte die – eigentlich wievielte? – Diskussion, die Gerd Krumeich (Düsseldorf) mit Christopher Clark über – na was wohl? – den Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte. Naturgemäß spielte auch hier Wehlers Aspekt hinein: Hatte das Militär damals in allen europäischen Staaten einen starken politischen Einfluss, so war er für Krumeich im Deutschen Reich eben doch überproportional und ungebremst von ziviler Kontrolle. Doch nicht der sonderwegsreiche Gang durchs Quellengebiet, den beide anschließend unternahmen, war das Glanzlicht ihres Gesprächs, sondern Krumeichs Frage „Warum haben sie denn nicht telefoniert?“.

Wirtschaft und Spiel

Telefone gab es, in der Julikrise 1914 aber habe es nicht einmal Telefonate zwischen Berlin und Wien gegeben, von Berlin und Paris zu schweigen. Man habe es nicht gewollt, weil man es sich als Schwäche nicht vergeben hätte, auf andere einzugehen, sich konziliant zu verhalten oder Verständnis für den Gegner aufzubringen. Siehe oben unter Ehre. Krumeich wies auf die Politik des Täuschens und Pokerns hin, die damals stattdessen herrschte.

Das war eine fabelhafte Anregung, die politische Ereignis- und Diplomatiehistorie einmal nicht als Gegensatz zu soziologischen Blickwinkeln zu begreifen. Es muss ja nicht gleich zu einem Sonderforschungsbereich „Bluffgeschichte“ führen. Da tags darauf eine der interessantesten Sektionen des Historikertags sich mit „Konvergenzen von Wirtschaft und Spiel im 20. Jahrhundert“ beschäftigte – mit der Mentalität der Börsenspekulation, mit Unternehmensplanspielen und umgekehrt mit der Kommerzialisierungsgeschichte des Sports –, wäre aber gegebenenfalls auch das auszuhalten. Hauptsache, die Historiker bluffen nicht selbst, indem sie so tun, als wären Theorien ihre Stärke und als könnten Paradigmen und Moden die Frage nach dem Stand der Forschung ersetzen. Sonst, wie gesagt, droht Germanistik. Und dann kommt auch der Bundespräsident nicht mehr.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
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