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Exotische Schriften

Das lateinische Alphabet ist viel zu einfach

Von Martin Mulsow
 - 06:47

„Fremdwörter ließen damals erröten“, erinnerte sich Theodor W. Adorno 1959 in einem Essay für den Hessischen Rundfunk, „wie die Nennung eines verschwiegenen geliebten Namens.“ Was Adorno mit Blick auf seine Jugend über die Exogamie der Sprache sagte, über die Liebe zu exotischen Wörtern, als wären es exotische Frauen, taugt auch für ein Verständnis der Gelehrtengeneration nach dem Dreißigjährigen Krieg.

Der junge Adorno musste seine Liebe zum Fremden gegen die Tendenz zum sprachlichen „Eintopfgericht“ der völkisch gesinnten Zeitgenossen behaupten. Die jungen Gelehrten im verheerten deutschen Reich nach 1648 hatten sich von lateinischem Eintopf zu ernähren. Konnten die Generationen vor ihnen den Kitzel des Errötens noch aus dem wiedererweckten Griechisch beziehen, so war der neuen Generation diese Freude schal geworden. Sie suchte nach neuen Exotinnen – und fand sie im Orient. Man wollte Syrisch, Äthiopisch, Arabisch lernen, und nicht nur lesen, sondern auch schreiben können.

Appetit auf fremdländische Buchstabensuppen

Zu drucken waren die Buchstaben dieser Sprachen damals noch kaum. Junge Sprachgenies wie Hiob Ludolf ließen sich ihre eigenen Lettern gießen. Sein Kästchen mit Drucktypen in Ge’ez (Altäthiopisch) befindet sich noch heute in der Universitätsbibliothek Frankfurt. Leichter war es, die Lettern per Hand in die Äquivalente dessen zu malen, was für uns die Poesiealben sind. Diese „alba amicorum“ oder Stammbücher führte man mit sich, wenn man seine Initiationstour durch die europäische Gelehrtenrepublik machte. So etwa der neunundzwanzigjährige Johann Ernst Gerhard, der 1650 in Holland und Frankreich die großen Geister der orientalischen Philologie aufsuchte. Bevor er sich von ihnen verabschiedete, ließ er sich noch einen freundlichen Spruch in sein Büchlein schreiben, und das taten die Gelehrten nur allzu gern mit exotischen Lettern. Auch wenn sie diese selbst noch nicht völlig beherrschten.

So geriet Antonius Deusing, einem Mediziner in Groningen, der sich orientalisch fortgebildet hatte, der Versuch, arabische Verse in Reimform zu bringen, um eine Variation des Gedankens „Der Mensch denkt, Gott lenkt“ auszudrücken, noch etwas unbeholfen und fehlerhaft. Auch Gerhards eigene Bemühungen, etwa Ge’ez zu sprechen, mussten zwangsläufig hanebüchen wirken, da er sich nicht, wie Ludolf, von einem echten Äthiopier korrigieren lassen konnte. Immerhin: Man verstand sich als Pioniergeneration und landete, wenn nicht auf dem Mond, so doch in unbekannten Textwelten.

Das ganz Andere auf dem Titelblatt der Dokotorarbeit

Einige Jahre nachdem Gerhard zurückgekehrt und in Jena Professor geworden war, ließ er eine Reihe von Dissertationen über orientalische Kirchen und über die Religionen der Welt verfassen. Auf den Titelblättern waren in großen Typen Worte auf Samaritanisch, Koptisch, Armenisch und Kyrillisch zu sehen. Sie prangen dort mit ihren fremdartigen Lettern wie die „silberne Rippe“, von der Walter Benjamin in seinem Denkbild „Poliklinik“ schreibt, wo er den Autor im Café beschwört, der Fremdworte in seine Texte wie ein Chirurg das Implantat setzt: „In den behutsamen Lineamenten der Handschrift wird zugeschnitten, der Operateur verlagert im Innern Akzente, brennt die Wucherungen der Worte heraus und schiebt als silberne Rippe ein Fremdwort ein.“

Was Benjamin das Fremdwort war, das war Gerhard und Gerhards Freunden der fremde Buchstabe. Ihm kam die Rolle zu, Träger der Dissonanz zu sein, wie Adorno es genannt hat, nicht nur stolzes Distinktionsmerkmal einer neuen Kaste von Gelehrten – was es sicher auch war. Dissonanz drückt sich dann aus, wenn mit einer neuen Kultur auch neue, fremde Töne – vielleicht Misstöne – in die vertraute Welt einströmen.

Lässt sich diese Aufnahmebereitschaft von Fremdtönen mit dem identifizieren, was Benjamin Schmidt in seinem jüngsten Buch die „Ästhetik des Exotischen“ genannt hat? (Inventing Exoticism. Geography, Globalism, and Europe’s Early Modern World, University of Pennsylvania Press 2015)? Schmidt zufolge bildete sich im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts in Europa ein Geschmack aus, der das Fremdartige immer auch als Nervenkitzel empfand. Schnell wurden exotische Artefakte und Bilder zur begehrten Ware. Das ist natürlich das Gegenteil von Dissonanz. Doch selbst dann, wenn Exotisches in wilder geographischer Promiskuität nur noch dekorativ in Kupfertafeln und Gemälden, in Sammlungen und Theaterstücken präsentiert wurde, trug es dazu bei, den Europäern ex negativo ein Bild von sich selbst zu geben und ihren Platz in der Welt zu bestimmen.

Die fremden Schriften, die Gerhard und seine Kollegen sich aneigneten, sind noch nicht diese mengentauglichen Lustbarkeiten. In der Faszination, die sie auf die Gelehrten ausübten, steckte zwar schon ein Keim der Ästhetik des Exotischen; zugleich waren sie aber noch Stolpersteine, die junge Intellekte aus dem Rhythmus des Gewohnten brachten. Für Gerhards Generation kann man dabei von einer Biblischen Schrift-Exotik sprechen. Alle Sprachen, die er in seinen Horizont aufgenommen hat, dienten letztlich einer weitgefassten Kirchenhistorie oder bildeten Hilfsfunktionen bei der Exegese der Heiligen Schrift.

Sprachen jenseits der biblischen Welt

Zwei Generationen später schon war das nicht mehr der Fall. Man dürstete nach noch Fremdartigerem. Ein junger Mann wie Georg Jakob Kehr ergatterte um 1720 zwei Zettel eines Landsmannes aus Thüringen, der jetzt als Soldat für die Holländische Ostindienkompagnie in Batavia (heute Jakarta) arbeitete. Auf einem stand auf Bengalisch der Name von dessen Vorgesetztem, Sergeant Wolfgang Meyer, gekritzelt, geschrieben von einem Inder, der als Händler in Batavia lebte. Auf dem anderen waren javanische Buchstaben zu lesen, in Carakan, einer Schrift, die dort seit dem siebzehnten Jahrhundert verwendet wurde.

Jetzt war es keine Bibelexotik mehr, sondern eine Geographie der Schrift, die auf ein Kennenlernen aller Kulturen der Menschheit überhaupt zielte. Kehr schnitzte sich die fremden Schriftzeichen in Holzplatten und verleibte diese silbernen Rippen seinem nächsten Buch ein. Er war der Erste, der mit einem gedruckten Alphabet in Bengali aufwarten konnte.

Quelle: F.A.Z.
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