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Erpresserbriefe

Richtig falsches Deutsch zu schreiben ist sehr schwer

Von Wolfgang Krischke
 - 11:27

„Wir haben mehrere Produkte in Ihren Markt Vergiftet. Sie werden die Artikel ohne uns nicht Finden. Wir fordern eine million in kleine scheine.“ Tausende von Erpresser- und Drohbriefen, verleumderischen Mails und Bekennerschreiben werden jährlich verfasst. In besonders gravierenden Fällen nehmen sich forensische Linguisten, die beim Bundeskriminalamt oder als freiberufliche Gutachter arbeiten, solche Tätertexte vor. Die Sprachwissenschaftler sind vor allem dann gefragt, wenn die Analyse von Druck-, Papier- oder Datenspuren allein nicht weiterhilft. Ihr Ziel ist es, anhand sprachlicher Merkmale Hinweise auf den Autor oder sein Umfeld zu erhalten.

Wortwahl, Satzbau und Orthographie können etwas über den Bildungsgrad des Täters oder seine soziale und regionale Herkunft verraten. Besonderen Erfolg verspricht eine forensische Sprachuntersuchung dann, wenn Schriftstücke von Verdächtigen vorliegen, mit denen sich die anonymen Schreiben vergleichen lassen. Dabei beschränken sich die Forensiker auf Wahrscheinlichkeitsaussagen. Ein linguistischer Befund für sich genommen reicht in der Regel nicht aus, um einen Täter zu überführen, aber gemeinsam mit anderen Indizien bildet er einen wertvollen Mosaikstein im Gesamtbild. Den Linguisten sind die Fallstricke, die ihre Arbeit bereithält, durchaus bewusst.

Sprache ist ein gesellschaftliches Medium, ihr Gebrauch ist von Regeln und Konventionen bestimmt. Individuelle Züge auszumachen ist da oft schwierig - weshalb auch Computerprogramme die Erfahrung und analytische Kompetenz menschlicher Linguisten bislang nur unterstützen, aber nicht ersetzen können. Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass anonyme Autoren die Sprache gern nutzen, um falsche Fährten zu legen: Fachausdrücke sollen einen Expertenstatus, Dialektwörter eine bestimmte Region, absichtliche Fehler und Vulgärausdrücke einen bildungsfernen Hintergrund am Rande der Gesellschaft vortäuschen.

Stereotype Strategien der Verstellung

Besonders beliebt ist die Inszenierung eines ausländischen oder migrantischen Hintergrunds mit Hilfe eines gebrochenen Deutschs. Welche Muster hinter diesem fingierten „Ausländerdeutsch“ stecken und wie man ihnen auf die Spur kommen kann, hat die forensische Linguistin Eilika Fobbe untersucht, die Sachbearbeiter beim Bundeskriminalamt ausbildet und Text-Gutachten für Auftraggeber aus unterschiedlichen Bereichen anfertigt („Fingierte Lernersprachen. Strategien der muttersprachlichen Fehlerproduktion im Dienste der Verstellung“, in: Zeitschrift für Germanistische Linguistik, Jg. 42, Heft 2, 2014).

Sie stellte 98 deutschen Muttersprachlern die Aufgabe, einen Erpresserbrief zu schreiben und dabei eine ausländische Identität vorzutäuschen. Der Inhalt war in groben Zügen vorgegeben: Dem Empfänger des Schreibens sollte mit schlimmen Konsequenzen gedroht werden, würde er nicht eine bestimmte Geldsumme in einem Hotel übergeben. Fast alle Testteilnehmer wählten für ihre Ausländerdarstellung ein radebrechendes Deutsch. Dabei waren bei den gewählten Fehlerarten die Übereinstimmungen zwischen den Texten so stark, dass sie auf die Existenz eines stereotypen „Verstellungsstils“ hinweisen.

Ähnliche Pseudofehler hatten Linguisten zwar schon zuvor in realen Täterschreiben als verdächtig identifiziert, jetzt ließen sie sich aber erstmals systematisch auf einer breiten Textgrundlage untersuchen. Zu den beliebtesten Mitteln der Mimikry gehörte neben dem Infinitiv die Auslassung des Artikels (bringen Geld in Koffer) oder seine fehlerhafte Anwendung. Dabei wählten die Probanden unter den Artikelformen am liebsten „die“, um so ein falsches Femininum zu erzeugen (legen sie die umschlag dahin).

„du reiche Mann, hast viele Geld“

Wo bei Adjektiven oder Pronomen ein -e als Endung korrekt gewesen wäre, ließen die Test-Erpresser es weg („kein Polizei“), während sie es andererseits Formen anhängten, die korrekterweise keine oder eine andere Endung aufweisen („du reiche Mann, hast viele Geld“). Solche Fehler zu erzeugen erfordert nur geringen gedanklichen Aufwand, weil die zugrundeliegenden Muster der Normabweichung simpel sind. Die komplexen Fehlleistungen eines realen fremdsprachlich geprägten Deutschs, die ganz unterschiedliche Bereiche der Flexion und des Satzbaus umfassen, ahmen sie allerdings nur sehr unvollkommen nach. Sie gleichen dafür umso mehr dem typischen „Ausländersprech“, mit dem Deutsche meinen, sich Fremden verständlich machen zu können.

Tatsächlich erschwert dieses künstliche Pidgin das Verstehen oft eher, statt es zu erleichtern. Und weil es die realen Probleme kaum berücksichtigt, die das Deutsche denen bereitet, die es sich als Fremdsprache aneignen müssen, reproduziert es auch deren Regelverstöße nur mangelhaft. Dazu passt auch, dass die Testteilnehmer kaum Fehler bei den Pluralformen der Substantive einbauten, obwohl sich Deutschlerner damit besonders schwertun. Hinzu kommt, dass Identitätsfälscher oft die typische Stufenfolge nicht einhalten, in der Deutschlerner zunächst bestimmte Grammatikfehler machen, die sie dann in fortgeschrittenen Phasen Schritt für Schritt durch die korrekten Formen ersetzen.

Wer schreibt „Morgen du übergibst Geld“, dann aber fortfährt „wenn du nicht willst dass deiner frau was schlimmes passiert“, bringt die Reihenfolge durcheinander, in der die Regeln der Wortstellung erworben werden: Jemand, der noch nicht gelernt hat, dass das Subjekt hinter das Verb gestellt wird, wenn am Satzanfang ein Adverb wie „morgen“ steht, weiß normalerweise erst recht nicht, dass in Nebensätzen das Verb ans Ende rutscht.

Richtig falsch zu schreiben erfordert also ein beträchtliches Können und zudem eine Disziplin, die viele Autoren nicht aufbringen: Wer sich auf Rechtschreibfehler konzentriert, vernachlässigt oft die notwendigen Verstöße gegen die Grammatik und umgekehrt. Es gibt also eine ganze Reihe von Anhaltspunkten, um sprachliche Maskierungen zu erkennen. Aber spielt die Veröffentlichung solcher Erkenntnisse nicht künftigen Schreibtätern in die Hände, indem sie ihnen Hinweise für eine bessere Tarnung liefert? Eilika Fobbe ist gelassen: „Selbst wenn man theoretisch viel darüber weiß, ist eine glaubhafte sprachliche Verstellung in der Praxis sehr schwer. Auch ich könnte das wahrscheinlich nicht.“

Quelle: F.A.Z.
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