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Frauenquote

Die Politik plant eine große Frauenkaskade

Von Jürgen Kaube
 - 16:20

Über „Frauenquoten“ für Vorstände und Aufsichtsräte großer Wirtschaftsunternehmen wird seit einiger Zeit gestritten. Unterdessen werden für die Wissenschaft, weitgehend unbeachtet, gerade Fakten geschaffen. Schon am 7. November vergangenen Jahres verpflichteten Bund und Länder per Beschluss in der „Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz“ (GWK) die deutschen außeruniversitären Forschungsorganisationen zur Einführung des sogenannten „Kaskadenmodells“. Die Initiative hierzu ging auf das Bundeswissenschaftsministerium zurück. Derzeit machen die Bund- und Ländervertreter in den Sitzungen der verschiedenen Leitungsgremien der maßgeblich Betroffenen - Max-Planck-Gesellschaft, Leibniz-Gemeinschaft, Helmholtz-Gemeinschaft und Fraunhofer-Gesellschaft - klar, dass Gehorsam die aus ihrer Sicht einzig akzeptable Haltung der Wissenschaft hierzu ist.

Worum geht es? Der Grundgedanke des „Kaskadenmodells“ ist schlicht: Der in der Regel höhere Frauenanteil einer unteren Personalstufe soll zur Zielquote für die nachfolgend höhere Stufe werden. Dies kann sich etwa auf die Stufenfolge Doktoranden-Postdoktoranden-Professoren oder auch auf die einzelnen Vergütungsstufen beziehen. Wenn also beispielsweise dreißig Prozent der Doktoranden einer Einrichtung weiblich sind, so sollten sich diese dreißig Prozent demnächst auch auf der Ebene der Postdoktoranden wiederfinden. Das Modell beansprucht Gültigkeit über die gesamte Hierarchie des Personals hinweg - von den Absolventen bis hin zum Institutsleiter beziehungsweise von den E13- zu den W3-Positionen.

Die Karriere hängt vom Studienfach ab

Welches Problem soll mit einem derartigen Instrument gelöst werden? Zwischen 1992 und 2010 sind - wenn man das ganze deutsche Wissenschaftssystem in den Blick nimmt - die Anteile der Frauen kontinuierlich stark gestiegen. Sie liegen inzwischen bei den Immatrikulationen bei 49,5 Prozent, bei den Studienabschlüssen bei 51,8 Prozent und bei den Promotionen bei 44,1 Prozent. Bei den Habilitationen liegt der Wert derzeit bei 24,9 Prozent und bei den Professuren bei 19,2 Prozent. Das alles legt nicht gerade nahe, Frauen hätten es besonders schwer im Wissenschaftssystem. Vielmehr scheint das Gegenteil der Fall zu sein, denn während der genannte Anteil bei den Habilitationen sich seit 1992 „nur“ verdoppelt hat, liegt beim Anteil an den Professuren sogar eine Verdreifachung vor.

Der Frankfurter Soziologe Fabian Ochsenfeld hat überdies in einer empirischen Studie nachgewiesen, dass die Rede von der „gläsernen Decke“, an die Frauen auf dem Weg zu Spitzenpositionen stoßen, trügerisch sein kann (“Gläserne Decke oder goldener Käfig: Scheitert der Aufstieg von Frauen in erste Managementpositionen an betrieblicher Diskriminierung oder an familiären Pflichten?“, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 3: 2012). Nach Auswertung der Karriereverläufe von Hochschulabsolventen kam Ochsenfeld zu dem Schluss, dass der Geschlechtsunterschied beim beruflichen Aufstieg einerseits vom Studienfach abhängt: Frauen studieren freiwilligerweise überproportional „weiche“ Fächer mit geringeren Karriereaussichten.

Andererseits handelt es sich fast vollständig um den Unterschied nicht zwischen Frauen und Männern, sondern zwischen Müttern und Vätern. Zwischen kinderlosen Männern und kinderlosen Frauen bestand nämlich kaum eine Karrieredifferenz. Eine direkte Diskriminierung bei der Beförderung ließ sich nicht nachweisen, die Ungleichheit beruht vielmehr auf strukturellen Nachteilen für Frauen, die Kinder haben.

Der Ton wird schärfer

Sie würden durch eine Quote selbstverständlich nicht beseitigt. Das müsste sogar dem kognitiven Horizont von Zahlenfetischisten einleuchten, hat allerdings den Nachteil, dass dann andere Ministerien als jene für Wissenschaft gefragt wären: die für Arbeit und Soziales etwa, oder die Familienministerien.

Also tönt es von Seiten der Wissenschaftspolitik unbeirrt: „Die Wissenschaftsorganisationen sollen signifikante Änderungen in der quantitativen Repräsentanz von Frauen insbesondere in anspruchsvollen Positionen des Wissenschaftssystems realisieren.“ (GWK: Pakt für Forschung und Innovation. Monitoring-Bericht 2012). Indem nun das Kaskadenmodell politisch verbindlich gemacht wird, kommt ein neuer und schärferer Ton in die Diskussion. Unter dem Vorwand der Ineffektivität entwinden Bund und Länder den Forschungsorganisationen das Instrument der wissenschaftsadäquaten Selbstverpflichtung in Sachen Chancengleichheit, wie es etwa in den „Forschungsorientierten Gleichstellungsstandards“ der DFG oder in der „Offensive für Chancengleichheit“ der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen angewandt wurde. Frauenquoten und die Umsetzung des Kaskadenmodells sind fortan Teil der Berichterstattung über die Verwendung der finanziellen Mittel, die den außeruniversitären Einrichtungen zufließen. Die Quoten sind ab 2013 jährlich zu berichten, ihre Erreichung bis zum Jahr 2017 Pflicht.

Es dürfen nur noch Frauen eingestellt werden

Man erkennt schnell, wie hier im Hintergrund Sanktionswaffen gegen angebliche Gleichstellungsverweigerer geschmiedet werden. Mit der Freiheit der Wissenschaft, zu der auch Freiheit für eine adäquate Personalauswahl durch die Wissenschaftsorganisationen zählen muss, harmoniert diese Art von wissenschaftspolitischem Dirigismus kaum.

Abgesehen hiervon birgt aber auch das Kaskadenmodell als solches Schwierigkeiten. Aufgrund seiner einfältigen Konzeption ergeben sich Probleme bei seiner Umsetzung in der Personalführung der großen Forschungseinrichtungen. Vor allem wird dem Faktor der stark divergierenden Verweildauer auf Wissenschaftlerstellen keine ausreichende Aufmerksamkeit geschenkt: Besonders auf wissenschaftlichen Führungsebenen, wo verbeamtetes Dauerpersonal eingestellt wird, ist ein Wechsel der Stelleninhaber selten. Bei strikter Anwendung des Kaskadenmodelles dürften frei werdende Professuren deshalb von nun an eigentlich nur noch mit Frauen besetzt werden.

Die Pipeline leckt

Angesichts des vorgegebenen Fünfjahreszeitraums dürfte auch dies oftmals nicht ausreichen. Dann bliebe vermutlich nur die gleichstellungspolitische Schaffung zusätzlicher Stellen für Frauen oder die fristlose Entlassung männlicher Führungskräfte durch ein entsprechendes Gleichstellungssondergesetz.

Doch selbst wenn dieser Faktor bei der Anwendung des Modells berücksichtigt würde und die Zielquote erst nach Neubesetzung aller verfügbaren Stellen erreicht werden sollte, bliebe die entstehende Wettbewerbsverzerrung zwischen den Geschlechtern erheblich. Denn in der ganz überwiegenden Zahl der Fächer stehen desto weniger weibliche Bewerber zur Auswahl, als die zu besetzende Stelle höher institutionell verankert und dotiert ist. Und die Nachwuchskräfte müssen mit Mentoringprogrammen und Sonderförderungen bis hin zu „Durchboxtraining für Frauen“ betreut werden. In der einschlägigen Forschung ist hierzu das „leaky pipeline“-Phänomen bekannt. Es beschreibt die Tatsache, dass Frauen überproportional vorzeitig aus wissenschaftlichen Karriereverläufen ausscheiden. Dass sie dafür auch gute Gründe haben könnten, kommt der blinden, um nicht zu sagen: mutwillig tauben Politik des Wissenschaftsministeriums, das einfach schöne Zahlen haben will, nicht in den Sinn.

Protest regt sich bislang nicht

Entweder müsste nun also angesichts des kurzen Zeitrahmens auf fast allen Karrierestufen eine massive Bevorzugung weiblicher Bewerber für frei werdende Wissenschaftlerstellen stattfinden. Unter der nach „Korrektheitskriterien“ wohl kaum zu bemängelnden Annahme, Männer und Frauen seien im Querschnitt aller Fächer in gleicher Weise für die Wissenschaft begabt, bedeutet dies dann: Die Bestenauslese kann bei der Besetzung wissenschaftlicher Führungspositionen nicht mehr vorrangiges Prinzip bleiben. Das von Bund und Ländern verbindlich gemachte Modell wird die Hintanstellung von Qualität gegenüber dem Geschlecht zur Folge haben, beziehungsweise die Umdefinierung des Geschlechtskriteriums als Qualitätskriterium erfordern.

Der Beschluss zur Einführung des Kaskadenmodells ist deshalb inadäquat und droht der Wissenschaft nachhaltig zu schaden. Dass Protest hiergegen bislang kaum hörbar geworden ist, verwundert dennoch nicht. Zum einen steht für alle Betroffenen im Hintergrund die bange Frage nach der Zukunft der Finanzierungsgrundlage der außeruniversitären Forschungseinrichtungen nach dem Auslaufen des „Pakts für Forschung und Innovation“ im Jahr 2015. Und das unionsgeführte Wissenschaftsministerium scheint entschlossen, den Fortschritt in den Frauenzahlen zu einem vorrangigen Kriterium für die Teilhabe an zukünftigen Finanzströmen erheben zu wollen. Zum anderen gelten im Bereich der Gleichstellungs- oder Chancengleichheitspolitik spezifische Diskursbedingungen: Es regieren Floskeln und Stereotype. Wer zu viel und zu genau nachfragt, macht sich verdächtig, etwas gegen Gerechtigkeit oder etwas gegen Frauen zu haben. Da schweigt man lieber und liefert, wider bessere Einsicht, die Zahlen.

Quelle: F.A.Z.
Jürgen Kaube
Herausgeber.
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