Ein Getränk und seine Bedeutung

Warum Latte macchiato?

Von Tilman Allert
25.08.2014
, 18:28
Der Latte Macchiato: „Wattegleich schonende Konsistenz des Schaums, der prickelnden Krönung auf dem Weg zur Überraschung“
Ein Getränk für den Ausgang aus der Adoleszenz: Warum junge Menschen so gerne eine Mischung aus warmer Milch und verwegenem Espresso trinken.

Nichts fällt so schwer wie der Übergang in den Erwachsenenstatus. „Cool“, die Chiffre für das Urteil über ein gutes Gelingen, in der Jugendsprache seit Jahren verbreitet und geradezu ein Klassiker, ist untrüglicher Hinweis auf die Sehnsucht nach distanzierter Performanz, nach dem anstrengungslosen Auftritt. Von einer magischen Aura umgeben, wird in den Status des Erwachsenen umso mehr hineinprojiziert, je unerreichbarer er erscheint. Bis auf wenige Ausnahmen authentischer Bewunderung erproben sich die Jugendlichen während der Schulzeit in dem Spiel, die Autorität von Eltern und Lehrern - derer, die die Regeln setzen - in Frage zu stellen, aber alles Abgrenzen im jugendlichen Eigensinn ändert nichts daran, sich die Erwachsenen als Träger eines gelingenden Lebens vorzustellen.

Die immer aufwendiger werdenden Abiturfeiern lassen ahnen, worum es geht. Die glanzvolle Choreographie zur suggerierten Statusantizipation, einer Ankunft im Erfolg, umspielt das Geheimnis opulenter Selbstdarstellung im Smoking und Abendkleid. Erwachsen zu sein heißt, sich entschieden zu haben, meilenweit von der eigenen seelischen Verfassung entfernt. Der Weg von der Unbekümmertheit zur Welt des Entscheidens ist steinig, gepflastert mit der irritierenden Erfahrung tölpelhafter Auftritte, beschämender Unbeholfenheit, kognitiv diffus in den Gedanken an die Zukunft.

Zaubertrank des Abschieds

Wer jung ist, wer über Whatsapp, über den technologisch suggerierten Dauerkontakt mit allen verfügt und sich von daher an jedem Ort wähnt, erfährt das eigene Leben als eine anstrengende Aggregation von Optionen, die vorgeschlagen und verworfen werden, allabendlich zugespitzt in der Last, sich zu verabreden. Die Frage, wo man hingeht, wer mitkommt, spiegelt den Status in der Gruppe. Zu wissen, wie beliebt man ist, die Frage nach dem, was sich schickt, nach Mut und Initiative, nach dem Verhältnis von Selbst- und Fremdurteil - all dies kulminiert unbewusst in der Turbulenz der Verabredungen -, „approximeeting“ lautet treffsicher der achselzuckende Kommentar, den Eltern in England für den Schlamassel gefunden haben.

Es ist nun gerade der seelische Raum jugendlicher Sehnsucht nach Omnipräsenz, der eine besondere kulinarische Vorliebe begreifbar macht, die Lust auf Latte macchiato. In den Mensen der Universitäten steht er als Nummer eins an der Spitze der Getränke, schon vor Jahren hat er seinen Siegeszug angetreten. Von den Zutaten über die Zubereitung bis zum Verzehr enthält der Latte macchiato, wörtlich übersetzt die gefleckte Milch, den Zaubertrank für den Abschied von der Adoleszenz. Wer ihn trinkt, wer dabei noch das Fauchen und Zischen der Zubereitung im Ohr hat, lässt das Versprechen einer Verwandlung auf der Zunge zergehen, den flüssigen Traum vom anstrengungslosen Übergang.

Wohltemperierte Selbstdarstellung

Der Espresso, kaum mehr als ein Schluck und medikamentengleich den Erwachsenen vorbehalten, sowie reichlich Milch, wie aus der frühen, der verlorenen Zeit, aus der Zeit des Frühstücks im Elternhaus - das ist alles. Für die Dauer eines Augenblicks hält man beide geschichtet vor sich, zwei Phasen im Zyklus des eigenen Lebens, verführerisch leicht zugänglich über die wattegleich schonende Konsistenz des Schaums, der prickelnden Krönung auf dem Weg zur Überraschung. So markant sich die zwei Geschmackswelten im Glas noch die Schwebe halten und sogar der tastende Strohhalm die sinnliche Hierarchie aufspüren kann, so unsichtbar die Herkunft der Ingredienzen in der harmonischen Melange und so suggestiv die Botschaft, die die Rezeptoren von Zunge und Gaumen verbreiten: angekommen zu sein im Zustand gebrochener Unschuld und zugleich gemilderter Schuld.

Ein Wunder, ein geschluckter Traum vom Überbrücken der Generationendifferenz. Wer Latte macchiato trinkt, trinkt schon den Kaffee, der die Milch hinter sich gelassen hat, aber bleibt der Milch treu, die doch keine mehr ist - und noch im Schlucken bleibt verborgen, wer da welche Phase des Lebens genießt. In diesem Sinne liefert die kulinarische Sensation des Getränks weitaus mehr als den Hinweis auf ein bemerkenswertes Detail der Jugendkultur. Seine Beliebtheit, die - wen wundert’s - längst auf die Erwachsenen ausstrahlt, erzählt vom Prozess der Zivilisation und den sinnlichen Präferenzen der Moderne, einer Zeit wohltemperierter Selbstdarstellung jenseits der scharfen Distinktionen.

Quelle: F.A.Z.
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