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Zum Tod von Hayden White

Da ist Muse drin

Von Patrick Bahners
 - 14:35

Es gibt Autoren, die dem Denken den Boden entziehen, um es auf eine tiefere Grundlage zu stellen. Nach solchen Revolutionen der Denkungsart reicht der Name des Revolutionärs, um die alte, naive Denkweise in die Schranken zu weisen. An den Namen knüpft sich typischerweise ein Merksatz. Marx: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Freud: Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus. Ein Mann von diesem Format, der die Fundamente seines Faches verrückte, einer Disziplin, die seit zweihundert Jahren als Wissenschaft betrieben wird, aber mehr oder weniger so alt ist wie unsere Kultur, war der amerikanische Historiker Hayden White, der am 5. März 2018, vier Monate vor seinem neunzigsten Geburtstag, gestorben ist.

Es genügt, den Namen von Hayden White fallenzulassen, um Geschichtswissenschaftler zur Ordnung zu rufen, die in Redensarten der Sorte zurückfallen, es gebe eine historische Wirklichkeit, mit der die Darstellungen der Historiker abgeglichen werden könnten. Diese Darstellungen sind Erzählungen wenigstens in dem Sinne, dass der Historiker ein Thema im Wandel der Zeit verfolgt. Die Wirklichkeit hat aber selbst nicht die Form der Erzählung.

Tragödien, Komödien, Satiren

Die Form bringt der Historiker mit, wobei er unbewusst oder bewusst auf Schemata von Erzählungen zurückgreift, die besonders einprägsam sind oder sich besonders gut kombinieren lassen. Einige solcher Schemata, Muster typischer historiographischer Erzählungen, erörterte White 1973 in seinem Buch „Metahistory“, dessen deutsche Übersetzung 1991 bei Fischer erschien. Hier sortierte er berühmte Historiker nach literarischen Gattungen, als Verfasser von Tragödien, Komödien oder Satiren.

Wie er das meinte, lässt sich am Fall Leopold von Rankes erklären, der gerade auch in den Vereinigten Staaten als Gründervater einer objektiven Geschichtswissenschaft verehrt wird. In Rankes Geschichten der europäischen Nationalstaaten gehen die Dinge immer gut aus, und alle Verwicklungen, etwa der Konflikt zwischen König und Parlament in England, treiben auf diese Auflösung zu. Das ist eigentlich urkomisch!

Der geniale Einfall eines Namenlosen

Das Buch „Metahistory“ ist ebenso berühmt wie sein Autor. Wer Geschichte studiert hat, weiß, dass es dieses Buch gibt, so wie jeder, der unsere Gesellschaft für eine kapitalistische hält, den Buchtitel „Das Kapital“ kennt. Im Land Rankes machte eine Formel die Einsichten Whites transportabel, die kein Zitat des Meisterdenkers ist, sondern ein glücklicher Einfall eines namenlosen Lektors im Verlag Klett-Cotta. Die Stuttgarter brachten schon 1986 eine Aufsatzsammlung Whites heraus und gaben ihr den Titel: „Auch Klio dichtet“.

Daher fällt auf deutschen Historikertagen bisweilen der Satz: „Auch Klio dichtet, wie schon Hayden White sagte“, als wäre die Berufung auf die Muse das Delenda Carthago dieses unerbittlichen Feindes des naiven Realismus. Aber Hayden White hat das nie gesagt; er handelte vom poetischen Element der Historie ganz unpoetisch, eher schematisch im Stil des Strukturalismus. Und doch trifft der in der Beiläufigkeit, im Anklang des „Auch ich in Arkadien“, schlechthin geniale Buchtitel die Intention des Autors: White wollte seine Fachkollegen dazu ermutigen, sich wieder der kreativen Lizenzen der klassischen Tradition zu bedienen, in der die Kunst der Geschichtsschreibung eine Spielart der Rhetorik war.

Ein Amerikaner in Rom

Die Vorherrschaft des Rankeschen Objektivismus in der amerikanischen Historikerzunft erklärte White religionsgeschichtlich, als Gestalt eines Puritanismus, der eine Welt hinter der Welt postuliert, weil er der Freiheit des Menschen misstraut.

Als Doktorand in Rom, der über den Investiturstreit forschte, entdeckte White, vermittelt durch die französischen Existentialisten, Marxismus und Psychoanalyse. Wie reflektierte Realisten den Produktivkräften und dem Unbewussten Rechnung tragen, ohne alle Einteilungen von Marx und Freud zu übernehmen, so bezeichnet das Werk von Hayden White, unabhängig vom Schematismus von „Metahistory“, einen Fortschritt der Aufklärung, hinter den nicht mehr zurückzugehen ist.

Quelle: F.A.Z.
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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