Heidegger-Konferenz

So sieht Denken aus

Von Per Leo
06.05.2015
, 16:50
Er lässt seine Gegner nicht los: Martin Heidegger
Auf einer Siegener Tagung zu Heideggers „Schwarzen Heften“ waren fast nur Gegner des inkriminierten Philosophen geladen. Wie kam es, dass sie trotzdem mit einem Punktsieg Heideggers endete?

Wäre der Weltgeist nicht tot, man müsste vermuten, er habe sich vom 22. bis zum 25. April am philosophischen Institut der Universität Siegen herumgetrieben. Wer auch immer es gewesen sein mag, der hier eine allzu merkliche Absicht durch seine verborgene Regie erfolgreich hintertrieb, er hatte Sinn für Dialektik. Und für Komik. Oder ist es nicht komisch, wenn eine „kritische“ Tagung zu den „Schwarzen Heften“ Martin Heideggers, zu der kein einziger Fürsprecher eingeladen worden war, mit einem Punktsieg für Heidegger endete?

Um Heideggers Ruf ist es so schlecht bestellt wie nie zuvor. „GA 94-97“ ist zur Chiffre eines philosophischen Skandals geworden, aus gutem Grund. Die Hefte voll erschütternder Sätze, sei es über die „seinsgeschichtliche Mission“ des deutschen Volkes, die „Selbstvernichtung des Jüdischen“ oder das quasi-genozidale Verbrechen, das der Entzug seiner Lehrerlaubnis für das Abendland bedeute, hatte Heidegger ja nicht nur in offensichtlicher Verstiegenheit privat verfasst, sondern nach dem Krieg auch säuberlich in Reinschrift gebracht und verfügt, sie sollten den Schlusstein der monumentalen, minutiös geplanten Gesamtausgabe bilden. Ein Rufselbstmord erster Güte. Umso erstaunlicher also, dass der erste Versuch, Heideggers Denken im Licht der „Schwarzen Hefte“ neu zu vermessen, vor allem ein Ergebnis hervorgebracht hat: offene Fragen.

Ein Grund dafür mag die subtile Idee der unsichtbaren Regie von Sidonie Kellerer und Marion Heinz (beide Siegen), die die Tagung konzipierten, gewesen sein, die Veranstaltung unter das - 1953 von Jürgen Habermas in dieser Zeitung ausgerufene - Motto „mit Heidegger gegen Heidegger“ zu stellen. Nur war das nicht allen Akteuren klar. Das Drama entfaltete sich nämlich nicht im offenen Kampf pro und contra Heidegger, sondern innerhalb des kritischen Lagers: Die einen Kritiker hatten einen feinen Sinn dafür, dass nichts einen Geist stärker beschwört als seine totale Verneinung; die anderen hatten ihn nicht.

Technikkritischer Antisemitismus?

Heidegger ließ es nicht nur geschehen, dass seine Philosophie als Ereignis wahrgenommen wurde. Er wollte sie genau so verstanden wissen. Ein Denken, das um die Faktizität des menschlichen Daseins kreiste, schien seine Entsprechung in einem auffälligen Philosophenkörper zu finden, der sich anders kleidete, anders sprach und mit den Schülern andere Dinge tat - Gadamer folgte dem Ruf an die Zweimannsäge, Hannah Arendt dem ins Bett - als die kopftragenden und federhalterbewegenden Knochengerüste seiner Kollegen.

In dieser Hinsicht besteht kein Unterschied zwischen Richard Wolin und Martin Heidegger. Wolin ist ein redlicher Wissenschaftler, der Heidegger nichts vorwerfen würde, was dieser nicht selbst in die Welt hinausgerufen hätte: etwa dass er die Autonomie des Subjekts geleugnet hat; oder dass seine Philosophie nicht als normatives Fundament der Demokratie taugt. Unter Wolins „Influences“ verzeichnet Wikipedia einen einzigen Namen: Habermas. An seinem Körper fällt auf, dass er es nicht auf seinem Sitz aushält. Seit Beginn des Vortrags schon wandert Wolin im hintersten Winkel des Tagungsraumes hin und her, schüttelt mal den Kopf, lacht mal in den Brustkorb hinein, um dann wieder wie erstarrt das Rednerpult zu fixieren.

Dort steht Dieter Thomä (St. Gallen) und hält den ersten Vortrag zu den „Schwarzen Heften“. An dessen philosophischer Distanz zu Heidegger besteht kein Zweifel. Wenn Thomä damit ansetzt, dass die Hefte ihn nicht nur ihres Inhalts wegen empört, sondern auch in ihrer endlosen Redundanz angeödet hätten, dann darf man das aber durchaus als Anleihe bei Heidegger, dem Phänomenologen der Langeweile, verstehen. Und auch die Analyse ist um Ausgewogenheit bemüht. Wie man es deuten müsse, fragt Thomä, dass die antisemitischen Invektiven erst Ende der dreißiger Jahre auftauchten, als Heidegger auch die Nazis schon „in das vielköpfige Album der Seinsvergessenheit eingeklebt“ habe. Thomä plädierte für eine überraschende Unterscheidung. Liege es nicht nahe, Heideggers Antisemitismus weniger „nationalsozialistisch“ als vielmehr seine Technikkritik „antisemitisch“ zu lesen?

Wolin erträgt das nicht. Nationalsozialismus und Antisemitismus zu trennen, ruft er, das laufe auf eine inakzeptable „compartmentalization“ Heideggers hinaus. Seine Widerrede mündet in einen Schrei der Entrüstung: „Dieter, how can you do this?“ Der Angeschrieene schreit zurück, mit einem Zitat aus King Lear: „Richard, I’ll teach you differences!“ Damit waren zwei Motive der Kritik angeschlagen, die den Tagungsverlauf prägen sollten. Hier, mit Kernberg und der Psychoanalyse, eine Hermeneutik des Verdachts, dort, mit Shakespeare und Wittgenstein, die analytische Zuspitzung von Problemen.

Verzweifelter Respekt

Im Eröffnungsvortrag hatte Rainer Marten (Freiburg) vorgeführt, wie man eine Philosophie von einem philosophischen Standpunkt aus kritisiert. Indem er ihn konsequent humanistisch auslegte, benannte Marten den Preis, den die Identifikation mit Heidegger verlangt. Wer die „Seinsvergessenheit“ des Abendlandes für eine Katastrophe halte und zugleich für das eigene Dasein einen privilegierten Zugang zum Sein beanspruche, der könne unter seinen Mitmenschen niemals heimisch werden. Eine radikale Ablehnung des Philosophen, die ohne Skandalisierung des Nazis auskam! Ob mit der Absage an die Fundamentalontologie auch Heideggers Methoden hinfällig werden; ob man „Dasein“ nicht realistisch verkürzt, wenn man dessen formalanzeigenden Charakter ignoriert: Das wären berechtige Fragen gewesen, die aber erst an den Kaffeetischen diskutiert wurden.

Doch wie viel Lust zum Streiten machte dieser Vortrag! Und wie viel verzweifelter Respekt für den einstigen Lehrer klang durch, wenn Marten von der Faszination sprach, die „Sein und Zeit“ nach wie vor auf ihn ausübe. Wären doch nur die Grundlagen nicht so falsch! Als er später ein Reclambändchen aufschlägt, in das Heidegger ihm 1961 eine Widmung geschrieben hat, meint man die Spur eines fernen Bildungserlebnisses wahrzunehmen, bei dem ein Philosoph sich einst im Ringen mit einem anderen fand.

Emmanuel Faye (Rouen) will Heideggers Philosophie als eine Spielart „des“ Nationalsozialismus entlarven. Fayes Methode besteht in einem vielfach erprobten Kunstgriff. Hauptwerk und frühe Vorlesungen werden auf „problematisches“ Vokabular - „Volk“, „Gemeinschaft“, „Entschlossenheit“, „jüdisch“ - hin gerastert, die Stellen ihrer Ambivalenz beraubt, in inkriminierendem Sinn vereindeutigt und in bester Heideggermanier zum Wesen des Ganzen erklärt. Es gehört zur Methode, dass Faye aus seiner Heideggerkritik eine Art Lehrberuf gemacht hat.

Ein weltanschaulich Getriebener

Auf die mehrfach geäußerte Kritik an dieser Unterstellungsphilologie wurde oft dogmatisch geantwortet. Einen Hinweis auf Hannah Arendt konterte Faye mit dem Argument, Arendt sei „keine Autorität“. Überhaupt fiel auf, dass die radikalen Heideggerkritiker sich nicht nur im Recht wähnten, sondern, wenn nötig, auch ins Recht setzten. Als Richard Wolin aus Zeitmangel drohte, in einer Diskussion nicht mehr zu Wort zu kommen, entriss der Journalist Eggert Blum dem verdutzten Moderator kurzerhand das Mikrofon und reichte es Wolin mit der Bemerkung, dieser sei schließlich „ein sehr wichtiger Teilnehmer“ der Tagung. Habermas hin, Diskursethik her, der zum VIP Geadelte ließ es sich gerne gefallen.

Wenn die Tagung einen Weg wies, dann den in die Empirie. Zu verdanken ist dies vor allem dem Historiker Christian Geulen (Koblenz) und der Literaturwissenschaftlerin Daniela Helbig (Sydney). In die Schwüle ewigen Deutelns und Paraphrasierens traf Geulens Vortrag wie ein Donnerschlag. Er stellte klar, dass die seit Jahrzehnten wiedergekäute Frage, wie viel Nationalsozialismus in Heidegger stecke, sinnlos ist. Unterstellt sie doch, man könne die Erforschung einer historischen Gesellschaft von beispielloser Komplexität und Dynamik durch eine Definition ersetzen. Als ließe sich die Form eines Sandkorns aus dem Begriff der Wüste ableiten. Ob der Antisemitismus der „Schwarzen Hefte“ nun als „seinsgeschichtliche“ Verirrung eher philosophisch oder als Ausdruck „eliminatorischen“ Hasses eher nationalsozialistisch zu deuten ist, wird zur Scheinfrage, wenn man weiß, dass die betreffenden Stellen zu jener Zeit geschrieben wurden, als die Radikalisierung der Judenpolitik von einer Verschärfung der antisemitischen Propaganda flankiert wurde. Heidegger, so die naheliegende These, hatte gar keine weltanschaulichen Überzeugungen. Er ließ sich vom politischen Diskurs treiben, dessen jeweils aktuelles Vokabular er sich philosophierend anverwandelte.

Dass Heidegger diesem Befund womöglich gar nicht widersprochen hätte, machte Daniela Helbig deutlich. Die Metapher des „Gedankengangs“ aufgreifend, zeigte sie, dass Heidegger seine Notate als einzigem Ordnungsprinzip der Chronologie unterwarf. Das „serielle Liegenlassen des roh Gedachten“ dürfe aber nicht als notizhaftes Vorstadium späterer Werke missverstanden werden. Vielmehr sei es Heidegger darum gegangen, das Produkt gegenüber dem Prozess herabzusetzen, um so den Bruch mit der Metaphysik auch performativ zu vollziehen. In der Form stecke die Botschaft: „So sieht Denken aus.“

Mit hintersinniger Ironie hatte die Regie Julia Ireland (Walla Walla) einen eindrucksvollen Vortrag halten lassen, in dem sie Heideggers Bemerkung, anlässlich seines Rücktritts vom Rektorenamt sei über das Gesicht des Studentenführers Scheel ein „Grinsen“ gehuscht, einem close reading à la Derrida unterzog. Von der anregenden Präzision, mit der Ireland diese Szene entschlüsselte und damit eine feine Trennlinie zwischen zwei bad boys zog, konnten die Heideggerexorzisten nur träumen. Gregory Fried (Boston) brachte die Differenz schließlich auf den Begriff. Den Befund, dass Heidegger Heraklits berühmtes Wort vom polemos mal im Sinne eines zu vernichtenden „Feindes“, mal im Sinne eines zur Selbstfindung unerlässlichen „Gegners“ auffasste, wendete er reflexiv: Soll Heidegger uns Feind oder Gegner sein? Lasst uns, hieß das, die Vernunft nicht als Besitz begreifen, mit dem wir uns identitär über Minderbegabte - Teheran! Moskau! - erheben, sondern als ein Vermögen, durch das wir uns denkend selbst befragen können. Mit Platon. Mit Descartes. Mit Kant. Mit Husserl. Mit Heidegger?

Quelle: F.A.Z.
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