Hochschulpolitik in Russland

Das Denken im Straflager begreifen

Von Kerstin Holm, Moskau
02.11.2016
, 22:00
Zentrales Staatsexamen geschafft: Studenten in Moskau.
Russland durchlebt eine ernste Hochschulkrise. Doch Philosophen kommen deshalb nicht gleich auf den Gedanken, das Land zu verlassen.

Wer nach Russland fährt, von wo die besser Gebildeten in Scharen emigrieren, fragt sich jedes Mal, wer von den verbliebenen Bekannten wohl in Kürze die Koffer packt. Die Gründe werden nur mehr. Zu den neueren gehört die Ernennung der konservativen Historikerin Olga Wassiljewa, die über die orthodoxe Kirche im Zweiten Weltkrieg publiziert hat, zur russischen Bildungsministerin. Wassiljewa, eine gläubige Christin, hat erklärt, sie wolle Patriotismus und spirituelle Werte bei der jüngeren Generation stärken. Außerdem bezeichnete sie die Förderung der Lehrer, die zu Recht über ihre materielle Lage klagen, als ihre oberste Priorität.

Heute haben wir Kinder, morgen ein Volk, sagte die Ministerin, was man kaum anders verstehen kann, als dass nicht die Förderung individueller Begabungen, sondern das Schmieden eines Kollektivs Haupterziehungsziel sein soll. Liberale Kommentatoren, die um den säkularen Charakter des Bildungssystems bangen, vergleichen Wassiljewa mit dem zaristischen Bildungsminister Sergej Uwarow, der die Propagandaformel „Orthodoxie – Autokratie – Volkstümlichkeit“ prägte.

Dem Dekan der philosophischen Fakultät der Moskauer Staatsuniversität, Wladimir Mironow, der mit einer deutschen Philosophiedozentin verheiratet ist, gefällt unsere Emigrationsfrage gar nicht. Mironows erwachsene Söhne leben in Deutschland. Doch die Alarmrufe wegen Wassiljewa hält er für abwegig. Sie sei eine Funktionärin mit begrenztem Handlungsspielraum, sagt Mironow. Ja, das russische Bildungswesen stecke in der Krise, aber die sei vor allem Folge der vom Bologna-Prozess inspirierten Reformbemühungen.

„Fruchtbare Zusammenarbeit“

Besonders verhängnisvoll finden Mironow und viele seiner Kollegen das sogenannte Einheitliche Staatsexamen, durch das seit 2009 Schüler der Gymnasialstufe im ganzen Land die Hochschulreife erwerben. Diese Prüfung, die zum großen Teil im Ankreuzen von Antworten besteht, was dann ein Computer auswertet, um Chancengleichheit zu garantieren und Korruption auszuschalten, zerstöre die Lernmotivation und führe dazu, dass Absolventen ihre Studiengänge nicht nach Neigung, sondern nach Punktezahl wählen. Weshalb Elitehochschulen wie die Moskauer Universität sich das Privileg erstritten, Studenten nicht allein aufgrund ihres Examensergebnisses aufzunehmen. Es spreche für Wassiljewa, so Mironow, dass sie das bloße Staatsexamenstraining in vielen Abschlussklassen kritisiere und den Test um mündliche Zusatzprüfungen ergänzen wolle.

Was die Funktionalisierung von Bildung, den Abbau von Inhalten, die immer kleinteiligere Kosten-Nutzen-Kontrolle des Lehr- wie auch des Forschungsbetriebs betreffe, so seien die Prozesse in Russland Teil der globalen Entwicklung, versichert Mironow. Sein Heidelberger Kollege Hans-Peter Schütt habe gesagt, im neuen Universitätssystem regiere nicht der Professor, sondern der Finanzinspektor. Trotz Verschulung und Niveauverlust hält der Russe den europäischen Bologna-Prozess jedoch für legitim. Angesichts von immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund habe man in Westeuropa Massenuniversitäten schaffen müssen. In Russland hingegen sei wegen des demographischen Einbruchs ein Rückbau der Bildungsanstalten objektiv geboten. Fatal findet es der Dekan aber, dass für immer mehr Studienplätze nach angelsächsischem Vorbild hohe Gebühren bezahlt werden müssen. Das laufe kontinentaleuropäischen Standards zuwider, werfe Russland zurück und halte ausländische Studenten fern.

Doch die akademischen Kontakte zumal zu deutschen Universitäten intensivieren sich eher, trotz der politischen Eiszeit. Soeben fand an der Staatsuniversität der zweite russisch-deutsche Hochschuldialog statt, bei dem Probleme der heutigen Universitätsausbildung und Erfahrungen des akademischen Austauschs diskutiert wurden. Auch der Philosophiehistoriker Alexei Krouglov, ein Kant-Spezialist, lobt die fruchtbare Zusammenarbeit und prophezeit der interdisziplinären Arbeit mit Historikern und Philologen an deutschen Universitäten eine fruchtbare Zukunft. Sein Verhältnis zu den Kollegen in Trier, wo er als Gastdozent lehrte, sei offen und freundschaftlich gewesen, erinnert sich Krouglov, auch zu den dortigen ukrainischen Studenten. Nur die ideologisch verbohrten deutschen Fernsehnachrichten habe er nicht ertragen.

Fragwürdiges Wissenschaftlerrating

Krouglov, der auch in Eichstätt und Kiel studiert hat, bekennt, er würde gerne einmal längerfristig im Westen lehren, doch das sei derzeit unmöglich. Ja, der Hochschulbetrieb werde überall immer bürokratischer, sagt er, doch in Deutschland geschehe das allmählicher, und die Ausgangslage sei besser. Während deutsche Professoren acht Wochenstunden abzuleisten hätten, seien es bei russischen achtzehn. Dazu kämen Rechenschaftsberichte, achtzig, neunzig Seiten für jedes Thema. Zugleich änderten sich die Regeln ständig, Lehrkräfte würden nur noch für ein Jahr verpflichtet, Planung und Forschung unmöglich.

Besonders grotesk findet Krouglov das von Präsident Putin verordnete Wissenschaftlerrating nach Publikationen in vor allem englischsprachigen Fachzeitschriften. Dabei trage, zumal bei philosophischen oder literaturwissenschaftlichen Studien, die Sprache den Gedankengang, jede englische Übersetzung verändere den Inhalt. Die traditionsreichen russischen Geisteswissenschaften würden behandelt wie die eines Entwicklungslandes.

Pjotr Reswych, Philosophiedozent der Moskauer Wirtschaftshochschule und der Universität für Völkerfreundschaft, stimmt zu, Auswandern schließt er aber für sich aus. Der Schelling-Spezialist, der viel mit deutschen Philosophiehistorikern, aber auch Literaturforschern arbeitet, betont, Probleme gebe es überall. Wichtig sei, was man aus der Situation mache. Er habe erst in Grenzsituationen während des Armeedienstes begriffen, was Denken heiße und wofür Philosophie da sei, und verstehe sich als europäischer Geisteswissenschaftler. Da er sich in russischen Archiven auskenne, könne er der deutschen Forschung Neues liefern und zugleich daheim wissenschaftliche Editionen vorantreiben, an denen es dort noch mangele. Mit Genugtuung berichtet Reswych von zwei seiner Studenten, die nach Auslandssemestern in den Vereinigten Staaten und den Niederlanden nach Moskau zurückkehrten.

Das Ziel, Untertanen zu produzieren

Auch für Igor Tschubarow, Philosoph an der Akademie der Wissenschaften und der Moskauer Universität, waren der Armeedienst und zumal Misshandlungen durch Dienstältere, die er erlebte, prägend für sein Denken. Die Armee habe etwas von einem Straflager, und sein Land neige dazu, sich in ein Straflager verwandeln zu wollen, sagt Tschubarow. Die russische Bürokratie reguliere die Gesellschaft ja nicht technisch, sondern mit dem Ziel, Untertanen zu produzieren, die nicht denken und nicht eigenverantwortlich handeln. Die Wirklichkeit bestehe überwiegend nicht aus Vergnügen, sondern aus Schmerz, Tod, Überlebenskampf, gibt Tschubarow zu bedenken. Das mache die russische Erfahrung, zumal der deutsche Totalitarismus historisch so fern gerückt sei, für die westliche Kultur zu einem unerschöpflich reichen Archiv.

Für Tschubarow ist es eine philosophische Entscheidung, nicht zu emigrieren. Er vergleicht die Situation mit den revolutionären Umwälzungen von vor hundert Jahren. Die Philosophen, die damals emigrierten oder emigrieren mussten, wie Lew Schestow oder Nikolai Berdjajew, seien mit ihrem Denken im neunzehnten Jahrhundert geblieben. In Russland begann das Leben aber auch geistig zu pulsieren, sagt Tschubarow, der über den Theoretiker der kollektiv-avantgardistischen Kunstpraxis Sergej Tretjakow (1892 bis 1937) und den Husserlianer Gustav Speth (1879 bis 1937) arbeitet.

Beide wurden Opfer des Stalinterrors. Eine Schlüsselfigur für sein Selbstverständnis ist der GULag-Chronist Warlam Schalamow. Im Unterschied zu Alexander Solschenizyn mit seiner „Herren-Optik“ habe Schalamow nicht Schuldige und Unschuldige geschildert, sondern den Menschen unter den Bedingungen des Lagerstaates analysiert wie später Giorgio Agamben. Wenn er seinen Studenten vermitteln könne, dass es Wege und Entscheidungen gebe, der Gewalt zu widerstehen und Würde zu bewahren, dann, so Tschubarow, sei seine Existenz als Philosoph gerechtfertigt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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